Staatliche Geldentwertung und ihre Bedeutung für Anleger

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Staatliche Geldentwertung umfasst eine große Bandbreite, von der einfachen Inflation bis zur Währungsreform. Das sollten Anleger wissen. (Foto: macgyverhh/Shutterstock)

In Zeiten, in denen die Wirtschaft einigermaßen rund läuft und die Aktienmärkte sich zufrieden entwickeln, denken wohl wenige an so etwas wie staatliche Geldentwertung. Was auf Anhieb erschreckend klingt und an Geldabwertung oder Währungsreformen denken lässt, findet in abgemilderter Form tatsächlich fortlaufend statt, wenn auch eher unterschwellig.

Im Zentrum stehen die Inflation und die Inflationsrate. Je stärker die Preise steigen, desto schneller verlieren Werte und Geldanlagen an Wert und die Kaufkraft sinkt. In der Vergangenheit hat sich nicht selten die Spirale der Inflation überraschend schneller gedreht als vermutet. Anlass genug, sich mit einigen Grundgedanken zur staatlichen Geldentwertung und zu Strategien in der Geldanlage in Zeiten hoher Inflation vertraut zu machen.

Verschiedene Formen staatlicher Geldentwertung

In Deutschland ist im Zusammenhang mit der Geldentwertung der Begriff staatlich im richtigen Licht zu sehen, da die unabhängige Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer Geldpolitik für sämtliche Euroländer zuständig ist. Vor deren Gründung der Zentralbank im Jahr 1999 aber war es die Bundesrepublik Deutschland und bis Ende des Zweiten Weltkriegs das Deutsche Reich. Und gerade die Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Durchlittene Inflation, Hyperinflation und zwei Währungsreformen erklären zum guten Teil die auf Sparsamkeit und Zurückhaltung ausgerichtete deutsche Variante der Finanz- und Geldpolitik.

Das erste Ereignis war eine Folge des Ersten Weltkriegs. Wie schon zuvor in Kriegszeiten üblich, benötigte der Staat frisches Kapital für die anschwellenden Rüstungsausgaben der Volkswirtschaft. Dies war in erheblich stärkerem Maße im kriegführenden Kaiserreich der Fall, als die Regierung zur Bewältigung der Kriegskosten die Geldmenge extrem ausweiteten musste. Zudem verschuldete sich der Staat über Kriegsanleihen in nie gekanntem Ausmaß bei seinen Bürgern. Nach Kriegsende im Jahr 1918 reichten die Einnahmen der Weimarer Republik nicht aus, die Schuldenlast und die Reparationszahlungen zu stemmen.

Mit dem Ziel, die Last durch eine staatliche Geldentwertung zu reduzieren, wurde die Reichsmark abgewertet. Ihr Wert fiel um ein Tausendfaches. Es folgte eine Hyperinflation, bei der etwa Lebensmittel innerhalb von Tagen Millionen und dann Abermillionen kosteten. Mit der Währungsreform 1923 kam der Schnitt. Eine Billion Banknoten Reichsmark wurden in eine Reichsmark getauscht, die zu 40 Prozent durch Sachwerte wie Gold und Devisen gedeckt war. Das alte Geld im Sparstrumpf war durch die Inflation über Nacht nichts mehr wert.

Weniger exorbitant, aber schlimm genug verlief die Entwicklung der Inflationsrate zur Finanzierung des Zweiten Weltkriegs. Im Jahr 1948 wurde sie durch eine Währungsreform korrigiert. Einmal mehr gingen die Ersparnisse der Bürger durch viele Prozent Inflation in Rauch auf. Was galoppierende Inflation bedeutet, wissen heute zum Beispiel die Menschen in Venezuela, wo unter Präsident Maduro hemmungslos Geldnoten gedruckt werden und die staatliche Geldentwertung mit etlichen Prozent im vierstelligen Bereich liegt. Selbst einfachste Importprodukte sind nicht mehr bezahlbar.

Der typische Ablauf einer Inflation

Im Prinzip ist es seit der Erfindung des Geldes das gleiche Muster, nach dem eine staatliche Geldentwertung ihren Lauf nimmt. Zu Beginn verschuldet sich der Staat mit irgendwelchen Ausgaben. Dem Geld, das er dafür in Umlauf bringt, stehen zunächst noch eigene Werte wie Goldreserven, Staatsbesitz oder Steuereinnahmen gegenüber. Sobald aber die Einnahmen etwa durch eine abflauende Wirtschaft nachlassen und die Ausgaben bestehen bleiben oder gar erhöht werden, wird über die Notenbank und Zentralbank Geld nachgedruckt.

So wie bei jedem Überangebot von Waren und Diensten deren Preis sinkt, verfällt auch beim Geld dessen Wert. Es entsteht eine Inflation, die sich bei anhaltend negativer Entwicklung selbst verstärkt – bis die Wirtschaft, begleitet von Zwangsmaßnahmen, zum Erliegen kommt und die mit der Inflationsrate angeschwollene Währungsblase platzt. An der Stelle folgt dann in der Regel eine Währungsreform.

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So weit muss es jedoch nicht zwangsläufig kommen. Meist werden Währungen bereits abgewertet, um über günstigere Kurse Exportwaren der eigenen Industrie im Ausland zu verbilligen und so deren mangelnde Wettbewerbsfähigkeit auszugleichen. Selbst Staaten wie China verfolgen dieses Prinzip. Sie werfen eigenes Geld auf den Markt, mit dem sie andere Währungen wie den US-Dollar, den Euro oder Schweizer Franken kaufen. Dem erhöhten Angebot eigenen Geldes steht eine erhöhte Nachfrage nach der fremden Währung gegenüber, was eine Wertminderung auf der einen und eine Wertsteigerung auf der anderen Seite bedeutet.

Die zweite, parallel laufende Schiene ist eine Geldabwertung über niedrigere Leitzinsen. Damit sind eigene Staatsanleihen weniger gefragt, während gleichzeitig verstärkt Anleihen anderer Staaten gekauft werden. China und Japan halten die größten Kontingente an US-Staatsanleihen.

In den Industrieländern zumindest ist allerdings seit Jahren die Inflation kein Gegenstand von Schreckensszenarien mehr. Und das trotz steigender Staatsschulden und seit der Finanzkrise 2009 dauerhafter Niedrigzinsen mit teils extrem ausgeweiteten Geldmengen. Theoretisch müssten da die Preise durch eine hohe Inflation davonlaufen und Wertanlagen vernichten. Dass dies nicht geschieht, hat mehrere Gründe, angefangen mit der Globalisierung und international verteilten Lieferketten in der Wirtschaft über wachere Finanzmärkte, die schneller reagieren und nicht zuletzt informierte Anleger, denen heute eine Vielzahl an Anlage- und Ausweichmöglichkeiten zur Verfügung steht.

Wachsam bleiben und bei der Geldanlage streuen

Wenn Geld oder Anleihen keine Zinsen mehr bringen, ist es allein schon über Instrumente wie Indexfonds (ETF) denkbar einfach, nicht mehr nur in Sachwerte wie Gold zu flüchten, sondern auf steigende Rohstoffe oder Aktienmärkte zu setzen. Die wachsenden Geldmengen gehen, anders als früher, verstärkt in die Vermögensmärkte.

Doch diese Flucht vor der Preisinflation klassischer Güter verlagert den Preisanstieg auf die Vermögensgüter – was sich an den Rekordnotierungen der Sachwerte wie Aktien oder Immobilien zeigt. Hier wäre eine herbe Korrektur bzw. ein Crash das Pendant zu einer staatlich organisierten Geldentwertung. Nicht zuletzt, wenn die Aktienmärkte durch Niedrigzinsen künstlich befeuert werden.

Bei klassischen Anzeichen einer kommenden Inflation hat man somit die Wahl, entweder zu warten bis das Bargeld vernichtet wird oder einen Kurssturz an den Börsen zu riskieren. Was letztere angeht, ist es erstens nicht einfach, rechtzeitig auszusteigen. Und selbst wenn, stellt sich die Frage, wohin mit dem Gewinn, der sich in absehbarer Zeit am Geldmarkt verpulverisieren wird. Sobald es kritisch wird, dürfte auch der Preis für Gold bereits erheblich gestiegen sein.

Unterm Strich bleibt eigentlich eine ebenso abgedroschene wie unverändert gültige Regel: Investments nicht leichtfertig tätigen, Emotionen außen vor lassen und vor allem breit streuen, damit die Risiken verteilt sind.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.