Super-Gau oder heiße Luft? Die Autoindustrie unter Beschuss

Selbstanzeigen, Fahrverbote, Nachrüstung und Dieselgipfel – Als Anleger verfolgt man besorgt das jüngste Hauen und Stechen in der Autoindustrie. „Die erfolgsverwöhnte deutsche Vorzeigebranche zerlegt sich selbst“, heißt es verbreitet. Und Donald Trump müsste sich eigentlich freuen.

Folgen des Autohersteller-Kartells nicht absehbar

Kaum dass der Skandal um den Abgasbetrug von VW einigermaßen ausgestanden schien, kam der „Spiegel“ mit dem Vorwurf, die deutschen Autohersteller bildeten ein Kartell. Die Folgen sind noch nicht abschätzbar. Die amerikanische Klageindustrie geht erneut in Stellung, mit Sammelklagen, die nun auch hierzulande eingeführt werden sollen.

Zudem drohen Kartellstrafen. Die könnten BMW zumindest bis zu 5 Mrd. € kosten. Auf einen 50%-Bußgeldnachlass hofft VW, die Wolfsburger wurden beim Selbstanzeige-Rennen von Daimler überholt. In Stuttgart dürfte man als Kronzeuge straffrei ausgehen. Letztlich aber ist in der Sache alles offen.

Auch wenn alle Welt von den Folgen fürs „Autohersteller-Kartell“ spricht und viele den Super-GAU der Branche an die Wand malen, so muss erst noch geklärt werden, ob und an welchem Punkt überhaupt ein Kartell vorliegt. Nicht einmal die Selbstanzeigen taugen als Indiz. Verbreiteter Irrtum: Anders als bei Steuerhinterziehungen sind sie kein Schuldeingeständnis.

Mutmaßungen und vorschnelle Urteile

Im Kartellrecht dient eine Selbstanzeige zunächst dazu, in unübersichtlichen Situationen eine Entscheidung herbeizuführen. Sie ist ein probates Mittel, in einem Verfahren mit ungewissem Ausgang vorbeugend aktiv zu werden. Natürlich spricht der „Spiegel“ nicht ohne Anlass von „Anzeichen für ein Autohersteller-Kartell“. Zu den Folgen gehört allerdings, dass der Rest dies als Tatsache interpretiert – und sich mit allerlei Vorverurteilungen genüsslich auf die Branche stürzt.

Dabei zeigen sich beim Lesen der Enthüllungs-Recherche überall Konjunktive. Hätte, könnte, sollte…  Es geht um „geheime“ Arbeitskreise zu Technik, Kosten, Zulieferer, Strategien und möglicherweise Abgasreinigung. Seit den 90er Jahren sollen sich alle deutschen Hersteller abgesprochen haben.

Doch Absprachen über Normen sind in der Industrie die Norm. Dass sich in technischen Arbeitskreisen Konkurrenten austauschen und strategische Ziele anpeilen, ebenso. Dies an sich ist weder Kungelei noch Betrug. Kritisch wird es, wenn sie etwa Einkaufspreise vereinbaren und zulasten von Zulieferern und Kunden den Wettbewerb verhindern.

Sprengstoff beim Selbstzünder

Sprengstoff bergen allerdings mögliche Absprachen im Bereich Dieselabgase. Das im Detail komplexe Thema lässt sich so auf den Punkt bringen: Um Stickoxid-Grenzwerte einzuhalten, benötigen moderne Selbstzünder die Harnstofflösung AdBlue. Der Vorwurf lautet nun, dass Audi, BMW, Daimler und VW sich abgesprochen haben, aus Kostengründen kleine Tanks zu verwenden. Ein Betrug gegenüber Käufern und Gesetzgeber?

Wenn nicht genügend AdBlue zur Reinigung vorhanden ist, wird unter Umständen mit einer Einspritz-Software gearbeitet, welche die Menge bei normaler Fahrt verringert, nicht aber auf dem Prüfstand. Dieser Trick wurde bei VW, Audi und Porsche festgestellt. Deshalb hat VW ein Problem, bei Audi rollen die Köpfe und dem Porsche Cayenne TDI wurde die Zulassung entzogen.

Bei BMW und Daimler hingegen gibt es keine Hinweise auf diese Methoden. Auch haben die AdBlue-Tanks unterschiedliche Größen. Auch aus Sicht von BMW gibt es kein Diesel-Kartell. Laut Vorstand dienten die Gespräche mit der Konkurrenz „dem Aufbau einer Betankungsinfrastruktur in Europa“.

Der Ausgang des in Teilen mutmaßlichen Skandals bleibt also abzuwarten. Als deutscher Anleger sollte man sich jedenfalls nicht von der teils selbstzerfleischenden Untergangsstimmung hierzulande anstecken lassen. Die Presse und Analysten im Ausland packen die Sache wesentlich gelassener an. Dort sind deutsche Autos und Teile nach wie vor begehrt. Selbst Tesla kommt nicht ohne deutsche Zulieferer aus.

Unterbewertung bietet Anlegerchancen

Ein positiver Nebeneffekt dürfte sein, dass die Branche aufgerüttelt wird und sich verstärkt auf Innovationen und neue Angebote besinnt. Prämien von bis zu 10.000 Euro für alte Diesel beim Kauf eines Neuwagens sind nur ein Beispiel. Die Basis ist vorhanden.

Erst dieser Tage konnte etwa BMW seine Aktionäre mit hervorragenden Zahlen, Margen und einer Rekorddividende beglücken. Auch ist es sinnvoll, nicht einseitig auf die Elektro-Auto-Karte zu setzen. Auch wenn derzeit gerne nach Fahrverboten gerufen wird, so würde laut Statista derzeit jeder dritte Deutsche einen Diesel bevorzugen.

Der Verbrennungsmotor hat seine eigenen Stärken und ist nicht am Ende. Die Hersteller arbeiten längst an umweltfreundlicheren Motoren und Brennstoffen. BlueCrude beispielsweise ist ein neuartiger klimaneutraler Diesel-Kraftstoff aus Kohlendioxid, Wasserstoff und Strom.

Von der aktuellen Debatte kann man als nüchterner Anleger profitieren und zugreifen, solange die Bewertungen durch die allgemeine Überreaktion niedrig sind. Sowohl beim KGV, als auch beim KBV liegen die deutschen Hersteller deutlich unter ihrem Schnitt.

11. August 2017

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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