Tesla-Rivale NIO startet an der Börse

Chinas NIO gilt als Antwort auf Tesla - doch was steckt hinter dem großen Herausforderer aus China? (Foto: Andrei Tudoran / Shutterstock.com)

In der Vorwoche ist der chinesische Elektroauto-Hersteller NIO Limited erfolgreich an der New Yorker Börse gestartet (Ticker-Symbol: NIO). Zwar wurden die 160 Mio. Aktien (American Depositary Shares) zu 6,26 US-$ und damit deutlich unter der Obergrenze von 8,25 US-$ bei den Anlegern platziert, dennoch konnte NIO dadurch rund 1,0 Mrd. US-$ erlösen. NIO war damit der viertgrößte Börsengang in den USA in diesem Jahr.

Am zweiten Handelstag legten NIO-Aktien gleich um mehr als 70% zu, inzwischen notiert das Papier bei rund 10 US-$, womit der chinesische Elektroautobauer mit rund 10 Mrd. US-$ an der Börse bewertet wird. Viele Anleger fragen sich nunmehr, ob sich der Aufwärtstrend der NIO-Aktie weiter fortsetzt und wie die Chancen stehen, dass NIO Tesla tatsächlich die Stirn bieten kann. Dazu ein Blick auf das Unternehmen.

NIO Börsengang – Was steckt hinter dem Unternehmen?

NIO wurde erst im Jahr 2014 gegründet und hat seinen Hauptsitz in Shanghai/China. Der chinesische Name NIO (Weilai) bedeutet übersetzt etwa „ein blauer Himmel zieht auf“.

Weltweit beschäftigt NIO inzwischen 5.000 Mitarbeiter an 19 Niederlassungen. Unter anderem unterhält NIO auch ein Design- und Entwicklungszentrum in München, wo auch Engineering-Dienste erbracht werden, welche die Marke technisch weiter nach vorne bringen sollen.

Als Gründer und Chef des Elektroauto-Herstellers fungiert Bin Li, der zudem selbst mit 17% an NIO beteiligt ist. Zu den weiteren Investoren zählen der chinesische Internetgigant Tencent Holdings, der rund 15% der Anteile hält, sowie eine Investorengruppe rund um Hillhouse Capital, die weitere 7,5% der Anteile halten. Außerdem sind auch Sequoia Capital und ein Beteiligungsfonds der chinesischen Suchmaschine Baidu an NIO beteiligt.

Das Fahrzeuge von NIO

NIO unterscheidet sich vom chinesischen Autobauer BYD dadurch, dass NIO als reiner Elektroauto-Hersteller auftritt, also keine Fahrzeuge mit Verbrennermotoren anbietet. Darum wird NIO gerne mit der kalifornischen Tesla verglichen.

Im Jahr 2016 stellte NIO mit dem „EP9“ einen zweisitzigen Elektro-Supersportwagen vor, im Dezember 2017 folgte der „ES8“, das erste Elektroauto von NIO, das seit Juni 2018 in China produziert und ausgeliefert wird. Der ES8 ist ein Elektro-SUV mit 7 Sitzen und wird in China deutlich günstiger verkauft als das konkurrierende Tesla Model X. Per Ende Juli hat NIO bereits 481 ES8 Elektro-SUVs ausgeliefert, mehr als 17.000 Vorbestellungen liegen für dieses Elektroauto bereits vor.

Bis Ende 2018 soll ein zweites Elektroauto, der ES6 vom Band laufen und im ersten Halbjahr 2019 an die Kunden ausgeliefert werden. Der ES6 ist quasi ein kleinerer Elektro-SUV mit 5 Sitzen, der preisgünstiger sein soll als der ES8, um eine breitere Kundschaft anzusprechen. Ferner soll mit NIO Eve ein Konzeptfahrzeug für das autonome Fahren entwickelt werden – dieses Elektroauto soll in 2020 in Produktion gehen.

NIO in Zahlen

Ähnlich wie Tesla schreibt auch NIO noch hohe Verluste. Bis 2017 hat NIO praktisch keine Umsätze erzielt und nur rote Zahlen geschrieben. Für das erste Halbjahr 2018 meldete NIO einen Gesamtumsatz von 7,0 Mio. US-$ (6,7 Mio. Dollar aus dem Fahrzeug-Verkauf), wobei hier ein Nettoverlust von 502 Mio. Dollar anfiel. Im Gesamtjahr 2017 musste NIO bereits einen Nettoverlust von 758,8 Mio. Dollar hinnehmen.

NIO schätzt selbst, dass man in den nächsten 3 Jahren Kapital in Höhe von 1,8 Mrd. US-$ benötigen wird, um die Fertigung, die Logistik und den weltweiten Vertrieb aufzubauen.

Chancen und Risiken der NIO-Aktie

Der hohe Kapitalbedarf stellt dann auch ein großes Risiko für die NIO-Aktie dar. Sollten sich Verzögerungen beim Ausbau der Produktion und des Geschäfts ergeben, könnte NIO sehr schnell mehr Kapital benötigen.

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Während sich Tesla zu Beginn seiner Anfangsphase kaum Konkurrenz gegenübersah, hat sich dies inzwischen geändert. NIO muss sich nicht nur mit Tesla auseinandersetzen, sondern mit einer ganzen Reihe deutscher und amerikanischer Autobauer, die in den nächsten Jahren Elektroauto-Modelle auf den Markt bringen wollen.

Daneben bleibt noch das technologische Risiko zu nennen. NIO entwickelt seine Batterietechnik selbst, noch ist unklar, ob das Unternehmen in diesem Bereich Vorteile gegenüber der Konkurrenz hat.

Aber es gibt auch Chancen, die für die NIO-Aktie sprechen. Zum einen ist der NIO ES8 ein tolles Auto, das den Sprint von 0 auf 100 km/h in ca. 4,4 Sekunden schafft und damit nur leicht hinter dem Tesla liegt. Die Batterie-Reichweite gibt NIO bei voller Aufladung mit 240 Meilen (386 Kilometer) an. NIO hat außerdem ein Netz an Batterie-Tauschstationen aufgebaut, wodurch sich die Batterien des Fahrzeugs binnen 3 Minuten tauschen lassen.

Auch kommen NIO-Fahrzeuge mit dem digitalen Assistenten Nomi daher, der sich via Sprachkommandos steuern lässt. Mit einem Startpreis von 67.000 US-$ kostet der NIO ES8 nur die Hälfte des Tesla Model X – allerdings wird der NIO bislang nur in China verkauft.

Zu guter Letzt sind noch die vielversprechenden Absatzchancen in China zu nennen. Die Nachfrage nach Elektroautos in China dürfte in diesem Jahr erstmals die Marke von 1 Mio. überschreiten, bis 2025 dürfte diese Zahl auf 5 Mio. steigen.

Fazit: Die NIO-Aktie ist ein spannendes Investment, aber nur für äußerst risikofreudige Anleger geeignet

NIO hat mit seinem Elektro-Supersportwagen EP9 bereits 5 Weltrekorde für Autos mit Elektroantrieb aufgestellt – dies zeigt, dass die Chinesen rein technisch gesehen in der Weltspitze mitfahren können.

Durch den relativ späten Markteintritt muss NIO allerdings schneller skalieren als die Konkurrenz in Form von Tesla, um Marktanteile zu gewinnen und um in die Gewinnzone zu gelangen. Tesla benötigte 6 Jahre um das Produktionsziel von 100.000 Elektroautos pro Jahr zu erreichen, NIO will diese Marke in der Hälfte der Zeit erreichen.

Außerdem besitzt NIO keine großen Erfahrungen was die Massenproduktion von Automobilen angeht. Hier hat NIO jüngst Joint-Venture-Vereinbarungen mit den chinesischen Autoherstellern JAC und Changan geschlossen, wodurch diese Erfahrungslücke geschlossen werden soll.

Interessierte Anleger sollten auch wissen, dass NIO eine besondere Firmenstruktur (Variable-Interest Entity (VIE)) gewählt hat, um eine Börsennotiz in den USA durchzuführen. Ähnlich wie bei Alibaba Group gibt es 2 Organisationen. Die chinesische Firma hält die Lizenz- und Vertriebsrechte, während sich Investoren an der Auslandsfirma auf den Cayman Islands beteiligen und Aktien kaufen können.

Unter dem Strich ist die NIO-Aktie vor allem für jene Anleger interessant, die eine hohe Risikobereitschaft mitbringen und an eine große Zukunft des chinesischen Elektroauto-Marktes glauben – hier dürfte NIO aufgrund seiner Konzentration auf reine Elektroautos gewisse Vorteile haben.


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Von: Alexander Mittermeier. Über den Autor

Als Gründungsmitglied einer der größten Finanz-Communitys in Deutschland schreibt Alexander Mittermeier heute nicht nur über Aktien und Hightech-Unternehmen, sondern auch über Geld- und Wirtschaftsthemen. Im Mittelpunkt stehen dabei Hintergrundberichte und Bewertung wirtschaftlicher Themen unter Berücksichtigung technologischer Gesichtspunkte für eine der größten Banken Deutschlands