Jüngste Kurserholung wird den Anlegern allmählich unheimlich

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Corona war zwar allgegenwärtig. Aber die Zahlen – zumindest hierzulande – deuteten auf eine Besserung der Lage. (Foto: chrisdorney / shutterstock.com)

Bangemachen gilt nicht, war zuletzt das Motto auf dem Parkett. Corona war zwar allgegenwärtig. Aber die Zahlen – zumindest hierzulande – deuteten auf eine Besserung der Lage. Und die Lockerungen, die vergangene Woche in aller Bescheidenheit beschlossen worden waren, bestätigten den Eindruck.

Doch nach dem Befund für die Bevölkerung wird jetzt den Unternehmen der Puls gefühlt. Die Berichtssaison ist angelaufen – und konfrontiert die Anleger jetzt mit harten Fakten zu den Folgen von Corona und staatlich verordneter Vollbremsung.

Schlechte Vorgaben von den asiatischen Märkten

Vorsicht erfasste die asiatischen Aktienmärkte am Morgen. Grund sind Erwartungen, dass mit Unternehmensberichten und Wirtschaftsdaten eine geschäftige Woche bevorsteht. Und die werde den Schaden, den die globale Virensperre angerichtet hat, in den Büchern festschreiben. Derweil treibt eine Angebotsschwemme den Preis für US-amerikanisches Rohöl auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren.

Japan berichtete, dass seine Exporte im März im Vergleich zum Vorjahr um fast 12% gesunken seien, wobei die Lieferungen in die Vereinigten Staaten um über 16% zurückgingen. Die ersten Messwerte für April werden für Donnerstag erwartet und dürften rezessionsähnliche Werte aufweisen.

Der breiteste MSCI-Index für Aktien aus dem asiatisch-pazifischen Raum außerhalb Japans gab bei schleppendem Handel um 0,2% nach. Experten sind weniger überrascht, ist der Index doch in den vergangenen fünf Wochen durchweg gut gelaufen. Eine Pause scheint vielen erforderlich. Japans Nikkei fiel um 0,9% und Shanghais Blue Chips um 2,4%, obwohl China wie allgemein erwartet die Leitzinsen senkte.

Zuversicht der US-Börsen zum Wochenschluss verpufft

Dabei hatte zum Wochenschluss an den Leitbörsen in den USA noch die Zuversicht dominiert.  In den USA gibt es erste zaghafte Schritte in Richtung einer Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Aktivität. Zudem gibt es vage Hoffnung auf eine mögliche Behandlung von Corona-Patienten durch ein Mittel des US-Biotechkonzerns Gilead Sciences .

Der Dow Jones Industrial baute im späten Handel seine Kursgewinne aus und schloss 2,99 Prozent höher auf 24 242,49 Punkten. Damit verbuchte der Leitindex ein Wochenplus von 2,2 Prozent. Bereits in der vorangegangenen Woche hatte sich der Dow um fast 13 Prozent erholt.

Der breiter gefasste S&P 500 legte am Freitag um 2,68 Prozent auf 2874,56 Punkte zu. Dafür hinkte der von Technologie-Aktien dominierte Nasdaq 100 den Standardwerten diesmal mit plus 0,85 Prozent auf 8832,41 Punkten hinterher, nachdem er an den Tagen zuvor besser abgeschnitten hatte.

Hoffnung auf Corona-Impfstoff treibt Gilead Science

Angesichts der Hoffnung auf das Mittel Remdesivir zur Behandlung von Covid-19 sprangen die Aktien von Gilead Sciences um 9,73 Prozent hoch. Laut dem Analysehaus RBC signalisieren einige Testdaten des Anti-Virenmittels Potenzial gegen die Lungenerkrankung. Es gebe allerdings eine Menge Unwägbarkeiten, hieß es weiter.

Mut machten den Anlegern auch Neuigkeiten vom angeschlagenen Flugzeugbauer Boeing . Dieser will die im Zuge der Corona-Krise gestoppte Produktion schon in dieser Woche wieder anlaufen lassen. Rund 27 000 Beschäftigte sollen laut Boeing die Arbeit wieder aufnehmen. Die Aktien schnellten um 14,72 Prozent hoch.

Die Aktien jener Banken, die nach Quartalszahlen vergangene Woche teils hohe Kursverluste erlitten hatten, schwenkten zum Wochenausklang auf den Erholungspfad. JPMorgan gewannen rund neun Prozent, Citigroup mehr als zwölf Prozent und KeyCorp fast elf Prozent.

Im Dow standen zudem die Papiere von Procter & Gamble nach Quartalszahlen im Blick. Sie gewannen 2,63 Prozent. Der Konsumgüterkonzern überraschte ergebnisseitig positiv. Kommentatoren der Financial Times führten das am Wochenende darauf zurück, dass die Menschen durch Corona in eine Art Putzrauch verfallen seien. Zudem erwartet der Konzern in der Corona-Krise weiteres Umsatz- und Gewinnwachstum und hält an seiner Gewinnprognose für das bis Ende Juni laufende Gesamtgeschäftsjahr fest.

Deutsche Aktien zuletzt gefragt – Wall Street zieht

Neue Hoffnungszeichen in der Corona-Krise haben den deutschen Aktienmarkt am Ende der verkürzten Oster-Woche beflügelt. Der Leitindex Dax war am Freitag zwischenzeitlich um mehr als 4 Prozent nach oben geschnellt und schloss 3,15 Prozent höher bei 10 625,78 Punkten. Auf Wochensicht ergibt sich damit ein Plus von 0,58 Prozent. Der MDax der mittelgroßen Werte stieg am Freitag um 2,59 Prozent auf 22 356,36 Punkte.

Der Dax hat mittlerweile von seinem März-Tief weit über 2.000 Punkte wieder gut gemacht und sich um die Marke von 10.600 Punkten etabliert. Unter Experten bleibt es allerdings umstritten, ob dies schon die Wende bedeutet. Negative Überraschungen seien nicht auszuschließen, meint zum Beispiel Gevestor-Analyst Michael Kelnberger. Gut möglich, dass sich die aktuellen Gewinnschätzungen noch als zu optimistisch erweisen. Anleger sollten sich daher für die kommenden Wochen auf höhere Kursausschläge einstellen. Nach der Erholung der vergangenen Woche wäre zumindest eine Verschnaufpause keine Überraschung.

Autowerte und Banken als Gewinner

Kräftige Erholungsgewinne hatten zuletzt Werte aus der Autoindustrie verbucht. Mit einem Anstieg um gut fünf Prozent profitierten BMW im Dax zudem von einer Kaufempfehlung der britischen Bank HSBC.

Zu den Gewinnern zählten auch die mehr als vier Prozent höheren Aktien der Deutschen Bank und die Papiere der Commerzbank , die ein Plus von gut sechs Prozent schafften. Sie galten dabei als Profiteur einer Lockerung der Eigenkapitalanforderungen im Handelsgeschäft durch die Europäische Zentralbank (EZB), die damit vorübergehend auf die höheren Schwankungen an den Börsen reagierte.

Positiver Ausblick mit Fragezeichen

Und heute morgen wird zumindest zum Handelsauftakt noch ein wenig Optimismus erwartet. Aber: Zum Wochenauftakt werden die deutschen Erzeugerpreise sowie die Handelsbilanz für die Eurozone veröffentlicht. Sie könnten einen ersten Dämpfer bringen. In den USA steht der Chicago Fed National Activity Index an. Philips, Halliburton, IBM und Infosys legen Geschäftszahlen vor.

Der DAX wird zur Eröffnung höher erwartet. Ersten Berechnungen zufolge startet der Leitindex bei 10.690 Punkten. Voraussichtlich wird diese Zuversicht aber nur von kurzer Dauer sein. Denn wegen des Ölpreisverfalls weisen die Dow-Future bereits auf deutliche Verluste zu Handelsbeginn an der Wall Street. Und die sind meist auch ansteckend für den deutschen Markt.

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Marcus Schult
Von: Marcus Schult. Über den Autor

Finanzen sind sein Leben: Mit dem richtigen Gespür für Wirtschaft- und Finanzthemen ausgestattet liefert der ehemalige ARD-Mann das richtige Know-How.