Trendbestimmung mit der Tage-Linie – leicht gemacht

Wer sich als interessierter Neuling auf das Parkett der Charttechnik begibt, wird oft abgeschreckt von den vielen eingezeichneten Linien oder […] (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Wer sich als interessierter Neuling auf das Parkett der Charttechnik begibt, wird oft abgeschreckt von den vielen eingezeichneten Linien oder der Vielfalt eingeblendeter Technischer Indikatoren.

Dabei geht es auch verständlicher! Ich möchte Ihnen hier einmal einen Indikator vorstellen, der nicht nur einfach nachzuvollziehen ist.

Nein, mit diesem Indikator können Sie sich auch sehr effektiv und schnell – auch als Newcomer – ein Bild von der charttechnischen Verfassung eines Marktes machen.

Und obendrein ist er auch noch objektiv: Es ist die Tage-Linie.

Die Tage-Linie – Einfach, beweglich, übersichtlich, variabel, effektiv, objektiv

Für die Tage-Linie gibt es einige Bezeichnungen.

Die englische Variante „Simple Moving Average“ ist wohl die mit der präzisesten Beschreibung: ein „einfacher, beweglicher Durchschnitt“.

Für die Berechnung wird schlichtweg das Mittel aus den zurückliegenden Schlusskursen (der letzte Kurs eines Handelstages) eines Marktes ermittelt.

Die dabei verwendete Anzahl an Tagen können Sie selbst zuvor festlegen.

Gleitender Durchschnitt: Nur eine andere Bezeichnung

Da an jedem Tag ein neuer Schlusskurs hinzu kommt, muss dafür der Kurs wegfallen, der außerhalb der von Ihnen bestimmten Periode liegt:

Bei einem 50-Tage-Durchschnitt würde also der Schlusskurs vom 51. Tag in der Vergangenheit ausgeschlossen.

Dieses Prinzip – ein neuer Schlusskurs kommt hinzu, ein alter fällt weg – verkörpert auch eine andere Bezeichnung für die Tage-Linie: „Gleitender Durchschnitt“.

Mit einem „GD50“ ist mithin ein Gleitender Durchschnitt über 50 Tage oder die 50-Tage-Linie gemeint.

Der Markt bestimmt seine Trends selbst

Die Zahl 50 habe ich natürlich mit Bedacht gewählt:

Da eine Handelswoche normalerweise 5 Börsentage umfasst, bildet ein GD50 demnach den durchschnittlichen Kursverlauf der zurückliegenden 10 Wochen nach.

Selbstverständlich können Sie auch andere Berechnungs-Perioden verwenden.

Ich selbst komme bei meinen täglichen Chartanalysen mit den Zeiträumen 20, 50 und 200 Tage bestens zurecht.

Auch das hat seine Logik:

  • 20 Tage, also 4 Handelswochen, bilden den kurzfristigen Trend eines Marktes ab.
  • 50 Tage stehen für den mittelfristigen,
  • 200 Tage (=40 Handelswochen oder rund 10 Monate) verkörpern den langfristigen Trend.

Ja, Sie haben richtig gelesen: Die Tage-Linien zeigen Ihnen die Trends an, die einem Markt zugrunde liegen.

Und das Beste daran ist: Die Trends werden sozusagen aus sich selbst heraus berechnet.

Sie müssen selbst keine Trend-Linie ziehen und dabei Sorge haben etwas falsch zu machen:

Die Schlusskurse produziert der Markt ja selbst börsentäglich – daher ist die Tage-Linie auch ein „objektiver“ Trend-Anzeiger.

Ein großer Vorteil der Tage-Linie ist also, wie gesehen, ihre Variabilität hinsichtlich der zu berechnenden Zeiträume.

Mit den oben vorgestellten Gleitenden Durchschnitten über 20, 50 und 200 Tage decken Sie beispielsweise den kurz-, mittel- und langfristigen Trend eines Marktes auf.

Im Folgenden lernen Sie weitere wertvolle Analyse-Möglichkeiten der Tage-Linie kennen.

Diese werden Ihnen bei der Beurteilung von Finanzmärkten und Aktien von hohem Nutzen sein – auch wenn Sie erst wenig Erfahrung in puncto Charttechnik mitbringen.

Der DAX 30 und seine Tage-Linien

Doch genug der Erklärungen!

Jetzt zeige ich Ihnen, wie sich die Tage-Linie in der Praxis bewährt. Dazu habe ich den DAX 30-Chart und die Gleitenden Durchschnitte über 20, 50 und 200 Tage ausgewählt:

dax 30 mit tage-linien_23-02-2017

DAX 30 mit Tagelinien: Kurz-, mittel- und langfristiger Trend weisen nach oben.

Was Ihnen als Erstes auffallen dürfte:

Die mal mehr, mal weniger stark hin und her pendelnden Tagesschwankungen des DAX 30 werden durch die Tage-Linien „geglättet“ – der Trend tritt so schnell sichtbar zutage.

Wenn Sie nun einmal den linken und den rechten Teil des Charts miteinander vergleichen, springt Ihnen ein signifikanter Unterschied ins Auge:

Zu Beginn des Jahres 2016 waren alle 3 Tage-Linien abwärts gerichtet – derzeit (Stand: Februar 2017) zeigen alle Gleitenden Durchschnitte dynamische Aufwärtstrends an.

Nutzen Sie die Eigenschaften der Tage-Linie für sich

Und noch etwas macht diese Chart-Grafik sichtbar:

Da die 3 Tage-Linien unterschiedliche Zeiträume abdecken, ändert – bei langfristigen Trend-Wechseln – die 20-Tage-Linie als erste und die 200-Tage-Linie als letzte ihre Richtung bzw. ihren Trend.

Beachten Sie jedoch:

Während der langfristige Trend nach oben weist, so wie derzeit die 200-Tage-Linie, können der GD50 und der GD20 auch zeitweilig abwärts tendieren, OHNE dass der generelle Aufwärtstrend davon in Mitleidenschaft gezogen wird.

Wenn sich mithin die Trend-Richtung der 20-Tage-Linie in den kommenden Wochen (oder Monaten) ändern sollte, ist die Zeit für Sie gekommen, den „Fuß vom Gaspedal zu nehmen“ und erst einmal auf die Beobachter-Seite zu wechseln.

Ich schreibe das bewusst so: Denn erst wenn sich auch die 50-Tage-Linie nach unten wendet, ist es an der Zeit, abzubremsen, sprich: Ihren Investitionsgrad etwas abzusenken.

Rutschen die Notierungen unter die 200-Tage-Linie ab, sollten Sie besonders gewarnt sein: Sehr wahrscheinlich dreht dann auch bald die langfristige Tendenz nach unten.

So kaufen Sie zu günstigen Zeitpunkten

Mit diesen Überlegungen haben Sie zugleich aber auch noch ein weiteres probates Mittel an der Hand, um Investment-Entscheidungen zu treffen:

Der Abstand des Kurses zu den Tage-Linien verrät Ihnen, ob der Markt kurz-, mittel- oder langfristig überkauft oder überverkauft ist.

Die roten Kreise im Chart zeigen Ihnen beispielsweise Zeitpunkte, an denen der DAX zu weit vorgeprescht war.

Bei der Einschätzung der Abstände sollten Sie jedoch immer auch die Anstiegs-Dynamik der jeweiligen Tage-Linie berücksichtigen:

  • Blaue Kreise: Die 200-Tage-Linie, mithin der langfristige Trend, steigt an. Rücksetzer in die Nähe des ansteigenden GD200 sind somit günstige Einstiegs-Punkte für langfristige Investments.
  • Grüner Kreis: Rücksetzer auf die ansteigende 50-Tage-Linie sind prima Gelegenheiten, um mittelfristige Käufe zu tätigen.
  • Gelber Kreis: Bewegen sich die Kurse dauerhaft über der 20-Tage-Linie, dann dokumentiert das einen extrem starken Aufwärtstrend. In diesem Fall bieten Rücksetzer unter den GD20 exzellente Nachkauf-Chancen.

Fazit

Sie sehen: Die Tage-Linie ist zwar simpel, aber kann für Sie, selbst als Neuling in der Charttechnik, ein extrem hilfreiches Werkzeug sein.

Das gilt nicht nur für die Trend-Einschätzung eines Marktes, sondern auch für Ihre eigenen Investment-Entscheidungen.

Da der betrachtete Markt selbst die für die Berechnung notwendigen Daten liefert, resultiert daraus eine objektive Anzeige der Trends durch die Tage-Linien.

Sie selbst können die Fristigkeit dieser Trends mit der verwendeten Zeitperiode für sich individuell festlegen.

Und für den Einsatz der Tage-Linien benötigen Sie nicht einmal eine professionelle Chart-Software:

Praktisch jedes online angebotene Chart-Werkzeug bietet Ihnen die Möglichkeit, den Zeitraum für die Tage-Linie selbst festzulegen.

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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.