Twitter-Aktie: Der Weg ist noch lang

Die Twitter-Aktie zwitschert hoffnungsvoller. Doch trotz der Aussicht auf eine Trendwende: Eine Schwalbe allein macht noch keinen Frühling. (Foto: Allmy / Shutterstock.com)

Spätestens seit Donald Trumps Botschaften im 140-Zeichen-Format die Gemüter auf Trab halten, hat sich auch bis in den letzten Winkel der Welt herumgesprochen, dass man mit Twitter auf sich aufmerksam machen kann. Und die jüngsten Hashtag Me Too-Debatten zum Thema Sexismus führen die Schützenhilfe in Sachen Marketing fort.

Twitter-Aktie sieht freundlicher aus

Besser könnte es eigentlich nicht laufen. Derartige Aufmerksamkeitseffekte für immer mehr Nutzer hat der Mikroblogging-Dienst von vornherein im Geschäftsmodell einkalkuliert. Entsprechend hoffnungsvoll war die Twitter-Aktie 2013 an der Börse gestartet und erreichte im Steilflug die Höhe von 69 US-$. Doch dann die Ernüchterung: Trotz gestiegener Umsätze erreichte das Ergebnis nach Steuern mit minus 645,32 Mio. US-$ den Gefrierpunkt.

Anfang 2014 rutschte die Twitter-Aktie um mehr als die Hälfte ab. Danach zweimal ein Aufbäumen in den 50 US-$-Bereich, weil geringere Verluste Hoffnung machten. Ab 2015 verloren die Anleger den Mut. Das Papier ging auf Tauchkurs und erst im Oktober wieder über die Marke von 20 US-$. Die war zuletzt für kurze Zeit 2016 überschritten worden, als Gerüchte aufkamen, Google wolle den Dienst übernehmen.

Als daraus nicht wurde, war klar: Twitter-Aktionäre würden einen langen Atem brauchen. Auch ging der Verlust im Geschäftsjahr 2016 auf nur 456,87 US-$ zurück. Wenigstens waren die Umsätze weiterhin gestiegen. Vor gut drei Wochen schließlich machte Twitter-Chef Jack Dorsey fürs vierte Quartal Hoffnung auf die Trendwende: endlich Gewinne in Sicht. Die Botschaft wirkte wie eine Erlösung. Die Twitter-Aktie sprang um 8 % in die Höhe. Der Markt hatte Schlechteres erwartet.

Langsam scheinen sich die Sparbemühungen des Managements auszuzahlen. Dorsey hatte zuletzt überall Kosten reduziert und nach neuen Geldquellen wie etwa die Lizenzierung von Daten gesucht. Dass der Umsatz zuletzt leicht rückläufig war, ist zum Teil die Begleiterscheinung eines positiven Schritts: Twitter hat die Flop-Plattform TelApart geschlossen. Und immerhin ist die Zahl der Nutzer um 4 Mio. auf nun 330 Mio. geklettert.

Formatumstellung problemlos

Gemessen am Aufmerksamkeitsrummel, den Twitterbotschaften verursachen, würde man mehr erwarten. Zumindest scheint sich die Umstellung aufs neue 280-Zeichen-Format nicht negativ auszuwirken, mit dem Twitter nun mehr in die Nähe von Facebook rückt. Gleichzeitig ist und bleibt es ein Kurznachrichtendienst für den schnellen Schlagabtausch von Informationen – mit hoher Relevanz für Politiker und Journalisten.

Dennoch, der große Wurf sind die 4 Mio. zusätzlichen Nutzer nicht. Was stört sind die einhergehend schleppenden Einnahmen. Facebook ging gerade ein Jahr früher an die Börse und verdient Milliarden. Auch wenn die beiden Dienste nicht eins zu eins vergleichbar sind, Ziel beider Geschäftsmodell ist es, Geld mit mehr oder weniger gehaltvollem Klatsch, Tratsch, Selbstdarstellung und Neugier zu verdienen.

Die Angst, dass das Konzept nicht aufgeht und in einer Blase endet, gab und gibt es auch bei Facebook. Jedoch: Würde es beide nicht geben, müsste man sie erfinden. Die mutmaßlichen Übernahmegedanken, die Twitter bei Google, AT&T oder Disney zwischenzeitlich hervorgerufen hat, mag man als Bestätigung verstehen. Andererseits sind sie alle abgesprungen.

Konkurrent Weibo macht’s vor

Twitter muss erst seine hausgemachten Probleme überwinden. Dass es besser geht, zeigt etwa die chinesische Konkurrenz: Weibo hat sich vor drei Jahren internationalisiert und erfreut sich gerade in Asien zunehmender Beliebtheit. Der Anbieter legte zuletzt überraschend starke Quartalszahlen vor. Schon 2016 lag der Gewinn bei 107,75 Mio. US-$. Und das bei einem Umsatz von 654 Mio. US-$. Twitters Umsatz dagegen ist viermal so hoch. Die Weibo-Aktie brachte auf Nasdaq über drei Jahre 521 %. Die von Twitter verlor 51,35 %.

Die meisten Analysten halten die Twitter-Aktie für stark überbewertet. Für alle, die seit Anbeginn investiert sind, gibt es derzeit keinen akuten Grund zu verkaufen. Doch auch wenn sich die Perspektiven etwas verbessert haben, eine echte Empfehlung ist sie offenbar noch nicht. Wer abwartet bis sich die Lage weiterhin aufhellt und nachhaltige Gewinnzuwächse erwarten lässt, dürfte mit der Twitter-Aktie keinen Fehler machen. Es wäre dann auf jeden Fall noch Potenzial vorhanden.

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.