Abwehrstrategien im Übernahme-Geschäft: Die Pac-Man-Verteidigung

In einem vorangegangenen Beitrag haben wir Ihnen von der sogenannten „Giftpille berichtet.

Sie haben erfahren, dass der Übernahme-Kandidat Braas Monier von den Avancen des Bieters Standard Industries zunächst wenig begeistert war.

Und wir ließen Sie wissen, wie es das Unternehmen schaffte, mit Hilfe der Giftpille einen höheren Übernahme-Preis zu erzwingen.

Die Giftpille ist jedoch nur eine Abwehr-Strategie im Übernahme-Geschäft. Neben den 3 verschiedenen Arten der Giftpille gibt es auch noch andere Abwehr-Strategien.

An dieser Stelle möchten wir Ihnen die sogenannte „Pac-Man“-Verteidigung vorstellen.

Diese kann ebenfalls von Konzernen ausgespielt werden, die nicht übernommen werden möchten.

Bei dieser Pac-Man-Strategie, die – für die meisten unter Ihnen wohl unschwer zu erkennen – vom Helden des gleichnamigen Computerspiels abgeleitet ist, wird der Jäger zum Gejagten.

Denn verwendet ein Übernahme-Kandidat diese Strategie, erfolgt ein Übernahme-Angebot an die Aktionäre des Unternehmens, das zuerst ein Angebot vorgelegt hat – also an den Bieter.

Bieter ist nicht immer das größere Konzern – Geld entscheidet, wer wen übernimmt

Im Übernahme-Geschäft gilt grundsätzlich: Groß frisst Klein. Ein Konzern schnappt sich ein Ziel, um größer und effizienter zu werden. Viele Groß-Konzerne sind so über die Jahre weiter gewachsen.

Bei der Pac-Man-Strategie ist es jedoch anders herum: Der (kleinere) Übernahme-Kandidat will dann den eigentlichen Bieter schlucken.

Diese Strategie setzt jedoch auch voraus, dass der Übernahme-Kandidat eine Reihe von Geldgebern besitzt, die das Gegenangebot auch finanzieren würden.

Im Normalfall ist der größere Bieter nämlich auch finanzstärker. Dennoch ist ein Deal nicht unmöglich. Zuletzt wurden mehrere Deals eingefädelt, bei denen der Käufer das kleinere Unternehmen war.

Dies waren zwar vornehmlich freundliche Deals, also gewollte Übernahmen, doch zeigen sie, dass nicht per Definition ein größeres Unternehmen ein kleineres Unternehmen übernimmt.

Und auch bei etwa gleich großen Unternehmen ist diese Abwehr aber durchaus denkbar.

Bei der Pac-Man-Strategie als Abwehr einer ungewollten Übernahme geht es nicht selten auch nur  darum, den ungewollten Bieter zu verscheuchen.

Zieht der Bieter sein Angebot zurück, dann wird die selbst angedrohte Übernahme häufig dann auch fallengelassen.

Die Methode kam zwar bisher nur selten zum Einsatz, dennoch haben sich schon einige Firmen erfolgreich mit Hilfe der Pac-Man-Verteidigung gewehrt.

Manchmal reicht sogar die bloße Androhung der Pac-Man-Strategie, um eine Übernahme zu verhindern.

Pac-Man-Strategie im Einsatz: Rio Tinto verscheucht BHP Billiton

Das bekannteste Beispiel einer erfolgreichen Abwehr mit Hilfe der Pac-Man-Strategie ist der US-Konzern Martin Marietta.

1982 erfolgte ein feindliches Übernahme-Angebot vom Konkurrenten Bendix.

Daraufhin verkaufte Marietta alle Geschäftsbereiche, die nicht zum Kern des Unternehmens gehörten, nahm sich die Unterstützung von Banken und machte seinerseits ein Übernahme-Angebot.

Martin Marietta überstand diese Übernahme-Schlacht und blieb ein eigenständiger Konzern. Bendix dagegen wurde später selbst Opfer einer Übernahme.

Auch in der Übernahme-Boom-Phase 2007 drohten Firmen, die mit einer feindlichen Übernahme konfrontiert wurden, mit der Pac-Man-Strategie.

So versuchte damals z.B. der australische Rohstoff-Gigant BHP Billliton, den Konkurrenten Rio Tinto feindlich zu übernehmen.

Als das Angebot auf wenig Gegenliebe stieß und Rio Tinto drohte, ein Gegenangebot abgeben zu wollen, zog sich BHP schnell wieder zurück.

Men´s Wearhouse nutzt Pac-Man-Strategie und übernimmt Jos A Bank Clothiers

2014 wurde die Pac-Man-Strategie erfolgreich vom US-amerikanischen Bekleidungshersteller Men´s Wearhouse (MW) genutzt.

Im Oktober 2013 hatte der kleinere Rivale Jos A Bank (JAB) bereits versucht das Unternehmen zu übernehmen.

Men´s Wearhouse war alles andere als begeistert und legte kurze Zeit später die Pac-Man-typische Gegenofferte auf den Tisch. Das wiederum gefiel Jos A Bank überhaupt nicht.

JAB lehnte ab, ergriff Abwehrmaßnahmen und kündigte an, unter Umständen die Offerte für MW anzuheben. Das gleiche machte auch MW.

Im Dezember dann, nachdem MW die Offerte für den einstigen Bieter ein 2. Mal aufgestockt hatte, kündigten beide Unternehmen an, dass sie eine Fusion prüfen würden.

Dass JAB den größeren Konkurrenten übernehmen würde, war zu dem Zeitpunkt bereits vom Tisch. Die Pac-Man-Verteidigung hat also einmal mehr funktioniert.

Anders als bei Rio Tinto und BHP Billiton wurde diese Pac-Man-Strategie allerdings bis zum Ende durchgezogen. Men´s Wearhouse hat am Ende JAB übernommen.

Gewinner waren die Aktionäre beider Lager, denn sowohl das JAB- als auch das MW-Papier stieg um über 50%.

Erst Feind, dann Freund: Viele Übernahmen enden mit Einigung

Wenn Konzerne nicht aufgekauft werden möchten, bieten sich gerade im anglo-amerikanischen Raum eine Reihe von Abwehrmaßnahmen an, die einen Bieter „verjagen“ können.

In Deutschland hingegen ist die Gesetzlage anders: Viele Strategien, die in Amerika angewendet werden dürfen, sind hierzulande verboten.

Als Hochtief vor einigen Jahren plötzlich der feindlichen Übernahme-Offerte von ACS gegenüberstand, waren kaum Abwehrmaßnahmen möglich.

So fiel auch die kaum effiziente Stacheldraht-Abwehr von Hochtief in Wasser.

Glücklicherweise ist der Einsatz von Abwehrmaßnahmen häufig ohnehin nicht notwendig.

In den meisten Fällen (wie auch bei Jos A Bank) mündet eine zunächst feindliche Übernahme nach Verhandlungen in eine freundliche.

Voraussetzung dafür ist lediglich ein angemessener Preis.

30. Dezember 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.

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