Venezuela koppelt Währung an eigene Kryptowährung: Kann das klappen?

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Venezuelas Kryptowährung ist die weltweit erste Landeswährung als Recheneinheit und Basis für das neue Papiergeld. So geht es schief. (Foto: AlekseyIvanov / shutterstock.com)

Bitcoin, Ethereum oder Ripple – Krypto-Währungen scheinen nicht aufzuhalten. Sie basieren auf einer Datenbank-Technologie, die klassische Grenzen überwindet: die Blockchain-Technologie. Mit ihrer dezentralen Struktur ist sie sicher, anonym, bietet volle Kontrolle und ist unabhängig von Notenbanken und klassischen Währungssystemen. Das reizt nicht mehr nur Privatleute.

Erste Kryptowährung in Venezuela

So hat bereits Venezuela eine Kryptowährung eingeführt. Das marode Land hat das umgesetzt, worüber auch in anderen wirtschaftlich angeschlagenen Staaten laut nachgedacht wird. Vor drei Jahren gab es etwa in Griechenland entsprechende Überlegungen für eine Parallelwährung. Und nach Russland plant wohl die Türkei eine staatliche Digitalwährung. Beide leiden unter Wirtschaftssanktionen und vor allem die Türkei unter Inflation.

Angesichts von Sanktionen, einer Hyperinflation, die an Deutschland der 20er Jahre erinnert, und faktischem Staatsbankrott greift Venezuela zur Kryptowährung: der Petro als rettender Strohhalm – unterlegt mit seinen Ölschätzen, die größer sind als die Saudi Arabiens. Im Februar hatte der Vorverkauf des Petro begonnen. Über hohe Abschläge kassierte die Regierung in Caracas, die sich an die Macht klammert, 735 Mio. US-Dollar allein am ersten Tag.

Ein Fass Öl als Sicherheit

Doch die Bevölkerung wollte im Alltag von der neuen Kryptowährung Venezuelas nichts wissen. Fehlende Akzeptanz, obwohl sie an den Ölpreis gekoppelt ist, was dem Versprechen gleicht kommt, einem Investor für jeden Petro notfalls ein Fass Öl zu liefern. Zum einen: Wer hat schon den Platz, Öl zu lagern? Das Problem kennt jeder, der in Rohstoffe und Terminkontrakte investiert. Zum anderen unterliegen Kryptowährungen, außer bei der Neueinführung, keinerlei einheitlichen Regulierungen.

Damit sind sie das, was im Fachjargon „dumb money“ genannt wird. Sie sind abhängig von den Tradern und somit den volatilen Kursen, die sich bilden. Dafür freuen sich Anhänger von Bitcoin oder Ethereum über eine unabhängige Währung in einem dezentralen System. Der Petro indes wird von der Regierung zentral geführt. Sie versucht, sich finanziell über die Runden zu retten bis auch die Kryptowährung, in unbegrenzter Menge aufgelegt, so wertlos wird wie das alte Papiergeld, der Bolivar.

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Nicht nur die hohen Wertabschläge untergraben das Vertrauen, auch die Tatsache, dass Venezuela seine Ölvorkommen kaum noch fördern kann. In dieser Gemengelage hat die Regierung in Caracas nun den nächsten Schritt unternommen: Die Digitalwährung Petro wird zur offiziellen Recheneinheit und zur Basis für den neuen Bolivar mit dem Namenszusatz „soveran“, also souverän. Er ersetzt den alten in der Inflation von fast 1 Mio.% wertlos gewordenen Bolivar und hat schlicht fünf Nullen weniger. Das entspricht einer Abwertung von 96 %.

Grundregeln lösen sich nicht digital in Luft auf

Der Soveran Bolivar ist an den Petro gekoppelt, der wiederum mit dem Ölpreis gedeckt ist. Eine geniale Idee oder eine Konstruktion, die zum Scheitern verurteilt ist? Noch kostet ein US-Dollar 60 Petros und damit neue Bolivars. Doch abgesehen von den zuvor genannten Problemen wird sich die Regierung gezwungen sehen, Geschenke an die Bevölkerung zu verteilen, um an der Macht zu bleiben. Der neue ums Fünffache gestiegene Mindestlohn ist nur eines davon.

Die gebeutelten Unternehmen und Arbeitgeber können ihn vermutlich nicht zahlen, ohne dass sich die Inflationsspirale erneut dreht. Dafür spricht schon, dass die Geldmenge des neuen Bolivar nicht begrenzt ist. Irgendwann geht die Schere so weit auseinander, dass die Kopplung an den Petro aufgehoben werden muss. Spätestens dann ist das Experiment gescheitert. Bis dahin allerdings will sich Machthaber Maduro mit frischem Kapital über die Runden retten und die Sanktionen gegen sein Land umgehen.

Abgesehen von Venezuela: das generelle Problem ist, dass Kryptowährungen die Grundregeln der Geld- und Finanzsysteme nicht mal eben digital aus der Welt schaffen können. Auf Ebene ganzer Länder und Volkswirtschaften schon gar nicht. Selbst im bislang begrenzten Rahmen sind Kryptowährungen ein Experiment, das vor allem durch unberechenbare und extreme Kursausschläge gekennzeichnet ist.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.