Venezuelas Wirtschaft zwischen Desaster und Potenzialen

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Venezuelas Wirtschaft hat nach einem Machtwechsel gewaltiges Aufholpotenzial. Auch die weltweite Ölbranche wittert das große Geschäft. (Foto: AlekseyIvanov / shutterstock.com)

Derzeit lohnt sich ein Blick auf die Länder mit den größten Ölvorkommen der Welt. Noch vor Saudi-Arabien und Kanada liegen sie in Venezuela. Dessen Wirtschaft aber liegt schon länger danieder. Hyperinflation, Armut, Hunger und Massenflucht prägen das Land.

Die Hoffnung richtet sich auf einen Machtwechsel zugunsten von Parlamentspräsident Juan Guaidó. Präsident Nicolás Maduro, der um seinen Machterhalt kämpft, hat das Land komplett heruntergewirtschaftet. Die ihn stützenden Militärs besetzen die wichtigsten Positionen in der Wirtschaft Venezuelas.

Wirtschaft in Venezuela – vom Öl verbrannt

Dass das System mit Korruption und staatlicher Plan- und Vetternwirtschaft das Elend zu verantworten hat, liegt auf der Hand. Dennoch fragt man sich, wie es angesichts von 303,2 Mrd. Barrel Öl in der Reserve soweit kommen konnte. Venezuelas Wirtschat besteht zu über 90 venez% aus Öl.

Als vor 20 Jahren Maduro-Vorgänger Hugo Chávez an die Macht kam, verkündete er den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Er verstaatlichte alle Unternehmen, setzte nur noch auf Öl und entzog der restlichen Wirtschaft damit die Basis. Das alles hätte sogar leidlich funktionieren können, wenn er und dann Maduro nicht einen entscheidenden Fehler gemacht hätten: Im Gegensatz zu anderen Ölförderländern wurde kein Fonds für Devisenreserven durch die Einnahmen gegründet, der in Zeiten niedriger Ölpreise für Ausgleich sorgt. Immerhin muss fast alles andere importiert werden.

Stattdessen wurde das Geld aus Ölexporten mit vollen Händen ausgegeben. Die Bevölkerung hatte sich daran gewöhnt, auch dass Benzin quasi zum Nulltarif zu haben war. Nahrungsmittel und sonstiges Importgut wurden vom Staat mit Petrodollars bezahlt. Als dann 2014 der Ölpreis für drei Jahre auf Tauchkurs ging, wurde es eng. Es fehlten nicht nur Devisenreserven, auch gab es außer Öl keine funktionierende Wirtschaft mehr, die noch irgendetwas hätte exportieren können.

Der letzte Rest wurde abgewürgt, weil obendrein Wechselkurs künstlich hochgehalten wurde – um günstiger zu importieren. Die Folge waren Schwarzmarkt, Hyperinflation und der Zusammenbruch. Auch die Ölförderung geriet ins Stocken. Zuletzt hielten Russland, unter anderen der Energiekonzern Rosneft, und China über PetroChina das Regime mit großzügigen Krediten über Wasser. Die aber wollen nun ihr Geld, auch für ihre Waffenlieferungen, anderenfalls ihren Anteil am Öl.

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Hoffnungsträger in der Zwickmühle

Venezuelas neuer Hoffnungsträger Guaidó steckt in der Zwickmühle. Er möchte sein Land in eine Demokratie mit sozialer Marktwirtschaft, zuverlässiger Zentralbankpolitik und privaten Investitionen überführen. Die Ölfelder sollen nationales Eigentum bleiben, der staatliche Ölkonzern PDVSA umstrukturiert werden und Ölprojekte für Investoren offen stehen.

Gleichzeitig kommen von allen Seiten Forderungen und Druck. Russland und China wollen Venezuela nicht nur als Waffenabnehmer halten, sie wittern vor allem das große Geschäft mit dem Öl. Guaidó hat China bereits eine enge Zusammenarbeit beim Aufbau des Landes zugesagt und die Rückzahlung von 60 Milliarden US-Dollar. Doch auch die Amerikaner stehen auf der Matte.

Auf Entschädigung werden Chevron, Halliburton oder Schlumberger pochen, die aufgrund von US-Sanktionen, vom Geschäft ausgeschlossen wurden. Ganz zu schweigen von Ölkonzernen, die unter Chávez und Maduro aus Venezuela gedrängt wurden und Raffinerien verloren. ConocoPhilips wurden von der Internationalen Handelskammer bereits zwei Milliarden US-Dollar zugesprochen. Exxon war zuletzt von Erkundungsfahrten aus grenznahen Gewässern verjagt worden. Und BP wurde im November die Übernahme von Gasfeldprojekten des Mitbewerbers Total versagt.

Öl- und Pulverfass zugleich

Die Reihe derer, die etwas zu verlieren, zu fordern haben und ihren Teil an Venezuelas Ölreichtum sichern wollen, geht quer durch die gesamte Ölbranche und darüber hinaus. Hoch brisant sind die rivalisierenden Machtinteressen von China und Russland sowie den USA oder Brasilien. Venezuela ist ein Öl- und Pulverfass zugleich. Juan Guaidó weiß, dass er beiden Seiten gerecht werden muss. Und er scheint es mit Geschick anzupacken.

Nicht zuletzt braucht er auch China, um Maduro zu entmachten. Danach dürfte Russland nachgeben, das noch auf Maduro setzt, und Nicaragua sowie Kuba werden einen Kampfgefährten verlieren. Davon abgesehen muss Venezuela auch seine Wirtschaft abseits vom Öl aufbauen. Neben der Infrastruktur bietet sich der brachliegende Kaffeeexport an. Und für die Tourismusbranche hat das Land mehr als genug zu bieten.

Die Aufholpotenziale sind enorm, das Land ist weit mehr als doppelt so groß wie Deutschland und liegt mit 31,1 Millionen Einwohnern nahe Größenordnung Kanadas.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.