VW-Aktie trotz diverser Skandale attraktiv

Skandale haben Tradition im VW-Konzern, die Abgasprobleme dauern viel zu lange. Dennoch: Die Aktie ist unterbewertet und hat Potenzial. (Foto: AR Pictures / shutterstock.com)

Ist jetzt der Zeitpunkt, sich mit Aktien von Volkswagen einzudecken? Was dafür spricht, ist das niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) mit 6,17 und der jüngste Kurseinbruch bei gleichzeitig überraschend guten Geschäftszahlen des Konzerns.

Unruhe und Frust in der Chef-Etage

Überraschend schon wegen der zurückliegenden VW Skandale. Nicht nur, dass Dieselgate bislang fast 23 Mrd. € gekostet hat. Auch der Imageschaden scheint sich weniger als befürchtet aufs Kaufverhalten der Kunden ausgewirkt zu haben.

Doch die jüngste Fortsetzung der VW Skandale um Tierversuche mit Affen zur Auswirkung von Abgasen sowie das Auftauchen der Staatsanwaltschaft in der Zentrale von Audi wegen Verstrickungen in den bisherigen Abgasskandal ließen wieder Unruhe aufkommen. VW steht erneut am Pranger. Gerade Tierversuche sind hoch emotional aufgeladen und werden in der Öffentlichkeit mit „ekelhaft“ oder „niederträchtig“ kommentiert.

Ob dies das Fass zum Überlaufen bringt und in Scharen Kunden vertreibt, darf aber zu bezweifelt werden. Substanziell hat das heiß gekochte Thema zu wenig Sprengkraft. Allerdings ist es, wie die staatsanwaltlichen Aktionen, Teil eines als abgeschlossen geglaubten Kapitels um Abgasprobleme. Die Frage ist, wie viele potenzielle Sprengsätze noch hochgehen werden. VW Chef Matthias Müller jedenfalls scheint genervt und frustriert, weil er ständig neu aufflammende Brandherde bekämpfen muss.

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VW-Skandale haben Tradition

Und hier zeigt sich das aktuelle Problem von VW. Müller gelingt es offenbar nicht, den von ihm versprochenen Kulturwandel im Konzern erfolgreich abzuschließen. Andererseits wäre dies nichts Neues. Haben doch bei VW Skandale und Tricksereien eine lange Tradition. Auf den Devisenskandal von 1990 folgte die Opernball-Affäre, dann 1997 die Schmiergeld- und kurz darauf die Lopez-Affäre, gefolgt von Gehalts- sowie Korruptions-Skandalen – und seit 2015 der Diesel- bzw. Abgasskandal.

Und immer wieder mussten Köpfe rollen und Posten geräumt werden. Bisher hat der Konzern das alles erstaunlich gut überstanden. Jetzt aber geht es um mehr als einen Kulturwandel. Der Teilumbau angesichts der Herausforderungen an neue Formen von umweltgerechten Antrieben und Mobilität erfordert den vollen Einsatz von Konzentration und Ressourcen. Und sollte die Staatsanwaltschaft am Ende Anklage wegen Marktmanipulation erheben, dürfte der Vorstand aufs Neue umgebaut werden.

Konzentration auf Konzernumbau

Letztlich könnte selbst das als Chance verstanden werden. Im Vergleich zu früheren VW-Skandalen dauert die ganze Abgasgeschichte nun viel zu lange. Die bisherigen Kosten dafür würden einen Großteil der Investition in Höhe von 34 Mrd. € decken, die bis 2022 in die Entwicklung von E-Autos, autonomes Fahren sowie die Digitalisierung gesteckt werden. Schon jetzt kommt VW mit der Produktion von E-Fahrzeugen nicht hinterher. Wobei die enorme Nachfrage ein positives Signal ist.

Es geht auch darum, die Spitzenposition als weltweite Nummer eins vor Toyota zu halten. Beim Umsatz erwartet VW immerhin, erstmals über die Marke von 220 Mrd. € zu überschreiten. Und künftig soll es höhere Dividenden geben. Die Quote wird in den kommenden fünf Jahren bei 30 % anstatt der bisherigen 20 % liegen. Grundsätzlich sind die Aussichten gut. Die Aktie hat zwar jüngst nachgegeben, doch vergleichsweise moderater als der Dax. Angesichts der niedrigen Bewertung hat die Aktie durchaus Potenzial.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.