VW: Digitalisierung kommt – zu spät?

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VW treibt die Digitalisierung spät aber zielstrebig voran. Umso unverständlicher, warum nun der renommierte Digial-Chef abgeschoben wurde. (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Der weltweit größte Autobauer kommt nicht zur Ruhe. Nun gerät auch VW Chef Herbert Diess in den Sog des Abgasskandals und der Konzern steht erneut vor Schadensersatzforderungen. Dabei gibt es genug anderes zu bewältigen. Erst kürzlich hatte Diess verlauten lassen, der Autohersteller werde sich in einen Technologiekonzern verwandeln. Volkswagen als Tech-Aktie – was für manchen Anleger wie Musik in den Ohren klingt, ist nichts anderes als eine Notwendigkeit. Ohne Digitalisierung verliert VW den Anschluss.

Späte Partnersuche

Die Digitalisierung der VW-Produktion ist eine Sache, eine andere sind selbstfahrende Autos. Nun ist auch die Nummer zwei auf den Zug aufgesprungen: Toyota startet ein Joint Venture mit Uber, um autonome Fahrzeuge zu entwickeln. Damit sind die Japaner unter den Großen eigentlich das Schlusslicht. Schon VW wurde in der Presse als Spätzünder bezeichnet, als es vor zwei Jahren eine Kooperation mit Gett einging. Der israelische Fahrdienstanbieter ist auch in Europa und Amerika präsent.

Derartige Kooperationen mit Spezialisten folgen alle dem gleichen Prinzip: Die Hersteller bringen ihr Know-how in der Fertigung sowie Kapital ein, die Partner ihre eigens entwickelten Systeme. Zudem bieten sie Zugriff auf ein ausgebautes Mobilitätsnetzwerk. Denn die enormen Entwicklungskosten müssen sich irgendwann rechnen. Das Kalkül folgt der Erwartung, dass sich Mobilität zunehmend in eine Dienstleistung verwandeln wird, die sich über Handys abrufen lässt – zumindest in den Ballungszentren.

Wettlauf um künftige Marktanteile

Hier treibt die Digitalisierung neben VW auch allen anderen vor sich her. Keiner will Marktanteile an Spezialisten und Newcomer wie Apple, Google, Uber & Co. verlieren. Als erster deutscher Hersteller investierte Daimler vor zehn Jahren über die Digitaltochter Moovel in die Taxi-App MyTaxi, den Carsharingdienstleister Car2Go und den Uber-Konkurrenten Blacklane. BMW ist überall mit seiner intelligenten Autovermietung Drive Now präsent und gilt beim vernetzten Fahren als führend.

General Motors hat sich beim Fahrdienst Lyft eingekauft und Fiat-Chrysler hat die Roboterautosparte Waymo von Google als Partner gewonnen. Ford arbeitet ebenso wie Nissan-Renault an einem eigenen Mobilitätskonzept, wofür weltweit Ingenieure abgeworben werden.

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Stichwort Abwerben: Zur Digitalisierung hatte VW vor drei Jahren den anerkannten Experten und vormaligen Teamleiter bei Apple nach Wolfsburg geholt. Als Digital-Chef bei sorgte er für frischen Wind. Während seiner Zeit stampfte VW seine eigene IT-Stadt für über 1.500 Soft- und Hardware-Spezialisten aus dem Boden, die an computerisierten Elektroautos mit ersten Elementen für autonomes Fahren arbeiten.

Und im April dieses Jahres wurde in Lissabon ein Entwicklungszentrum für Software eröffnet. Rund 300 Entwickler arbeiten an cloud-basierten Systemen für verschiedene Modelle mit Blick auf vernetztes Fahren. Bei der Digitalisierung blickt VW auch nach China. Dort vermutet der Konzern nicht nur den wichtigsten künftigen Markt, sondern zugleich die meisten Innovationen.

VW untergräbt seine Digitalisierung

In Sachen Digitalisierung nimmt VW viel Geld in die Hand. Nicht alles wird sich so schnell bezahlt machen. Einiges vielleicht gar nicht, das meiste erst in einigen Jahren. Dass bei dem risikobehafteten enormen Investment nun ausgerechnet der renommierte Digital-Chef Jungwirth nach Amerika in eine unspannende Abteilung abgeschoben wurde, ist kaum nachvollziehbar.

Es ist immer dasselbe: Zielstrebige und gelegentlich unbequeme Experten haben im Konzern keinen Platz. Machtgerangel und Eitelkeiten scheinen wichtiger zu sein als ein großes Ziel. Den Bereich Fahrzeug-IT will nun der Chef persönlich übernehmen. Dabei gilt Diess überhaupt nicht als Digitalexperte. Seine Geschichte vom Technologiekonzern klingt auf einmal etwas unstimmig.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.