Wacklige Übernahmen: Vorsicht bei Kursabschlägen von über 20%

Unsicherheit drückt sich in fallenden Kursen aus.

So geschehen etwa 2016 bei der Unsicherheit bzgl. des Ausgangs der US-Wahlen, welche die Kurse rund um den Globus belastet hatte.

Und auch in anderen Bereichen wird für Unsicherheit eine Risiko-Prämie verlangt:

Je schlechter die Möglichkeit für Investoren und Analysten, die Geschäfts-Entwicklung einzuschätzen (Visibilität), umso tiefer der Kurs.

Juristische Unwägbarkeiten (wie z. B. eine Strafzahlung) führen auch zu Kursabschlägen.

Lücke zum Angebots-Preis drückt das vom Markt erwartete Risiko aus

Gibt es Unsicherheiten über den Ausgang einer Übernahme-Offerte, wird der Aktienkurs unter dem Angebots-Preis liegen.

Vielleicht hatten Sie es bei der Übernahme des Chip-Spezialisten Aixtron gesehen.

Nachdem der Deal alle Voraussetzungen für eine reibungslose Übernahme genommen hatte, notierte der Kurs nur wenige Prozentpunkte unter dem Angebots-Preis.

Als es dann völlig überraschend zu einer erneuten Übernahme-Prüfung kam, fiel der Preis sehr stark unter dem Angebots-Preis zurück.

Dann hat die Aktie jedoch wieder ordentlich Boden gut gemacht – ein Zeichen dafür, dass das Risiko eines Deal-Aus wieder abgenommen hatte.

Als Faustregel kann man sagen: Je größer die Lücke zwischen Angebots-Preis und Übernahme-Angebot, desto größer das Risiko, dass der Deal scheitert.

Andere Einfluss-Größen auf die Kurslücke

Die Lücke zwischen Angebots-Preis und Börsenkurs wird auch noch davon beeinflusst, wann mit einem Abschluss der Übernahme gerechnet wird.

Grundsätzlich sollten Sie jedoch bei Kurslücken von über 20% vorsichtig sein.

Steht der Abschluss eines Deals kurz bevor und die Kurslücke ist über 20%, dann zeigt das die große Erwartungshaltung des Marktes, dass die Übernahme nicht stattfinden wird.

Sie sollten dann sehr genau prüfen, warum Sie anderer Meinung sind als der Aktienmarkt und investiert bleiben möchten.

Halten Sie sich vor Augen, dass der Markt erwartet, dass der Deal platzt und der Kurs wahrscheinlich unter Druck gerät, falls die Übernahme-Chance vom Tisch ist.

Oracle und Netsuite: Markt kann auch daneben liegen

Die Erwartungshaltung des Marktes stimmt natürlich nicht immer:

Am 07. November 2016 kam es für viele überraschend zum Abschluss der Netsuite-Übernahme durch Oracle.

Die Kurslücke zum Angebots-Preis lag 2 Std. vor Ende der Annahme-Frist bei gut 17%.

Die Einschätzung des Marktes war also: Dieser Deal fällt ins Wasser.

Grund dafür war, dass der mit 18% an Netsuite beteiligte Finanz-Investor T. Rowe Price das Angebot nicht unterstützte und einen höheren Preis forderte.

Aufgrund eines Interessen-Konflikts – der Oracle-Chef ist gleichzeitig größter Netsuite-Investor – war die Macht von T.Rowe Price so groß, dass nur ein weiterer Großaktionär gegen den Deal hätte votieren müssen, damit die Übernahme platzt.

Gleichzeitig wurde eine Angebots-Aufstockung von Oracle ausgeschlossen.

Dementsprechend vorsichtig war der Markt: Gut 90 Dollar kostete die Aktie 3 Tage vor Deal-Abschluss – 109 Dollar je Aktie bot Oracle.

Folgetag dann die Überraschung: Oracle konnte Vollzug anmelden, 53% der Aktien, die nicht aus dem Umfeld des Oracle-Chefs kamen, wurden angedient.

Damit war die Übernahme erfolgreich – der Markt hatte daneben gelegen.

7. November 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.

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