Was bedeutet das Sprichwort „Gut für die ‘Wall Street’, schlecht für die ‘Main Street’“?

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„Wall Street“ und „Main Street“ haben nicht nur unterschiedliche Mitglieder, sondern auch verschiedene Interessen – das führt zu Konflikten. (Foto: MR.LIGHTMAN1975 / Shutterstock.com)

Der Begriff „Wall Street“ bezieht sich im weitesten Sinne auf alle Finanzmärkte und -gesellschaften.

Dazu zählen auch Führungskräfte in Firmen, Finanzfachmänner, Börsenmakler und Unternehmen.

Die sogenannte „Main Street“ (engl. für „Hauptstraße“) bezieht sich wiederum auf die gesamte Wirtschaft, den einzelnen Anleger und die Angestellten von Unternehmen.

„Wall Street“ und „Main Street“ unterscheiden sich also erheblich, vor allem aufgrund ihrer konkurrierenden Interessen.

Dadurch ergeben sich drei Hauptkonflikte – zwischen Wirtschaft und Finanzmärkten, einzelnen Anlegern und Finanzgesellschaften sowie zwischen Unternehmen und ihren Angestellten.

Wirtschaft und Finanzmärkte

Oftmals werden auf den Finanzmärkten folgenreiche Verkäufe von Aktien und Anleihen getätigt, wenn ein Wirtschaftsbericht über Beschäftigungszuwachs und die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) veröffentlicht wird.

Was zunächst paradox erscheint, wird bei genauerem Hinsehen deutlich: So kann sich die positive Entwicklung der Wirtschaft und ihrer Teilnehmer auch negativ auf die Finanzmärkte auswirken.

Die beiden Hauptfaktoren auf den Aktien- und Obligationenmärkten sind Inflations- und Zinsraten.

Wirtschaftliches Wachstum und Beschäftigungszuwachs bedeuten gleichzeitig eine Inflation, wodurch häufig die Zinsraten steigen und somit die gesamte Wirtschaft wieder verlangsamt wird.

So führen höhere Inflations- und Zinsraten in der Regel dazu, dass die Unternehmenserträge verringert und viele Aktienanteile verkauft werden.

Grund dafür sind die ansteigenden Unternehmenskosten.

Die Aussicht steigender Zinsraten führt auch zu einem großflächigen Verkauf auf dem Obligationenmarkt, denn es gilt: Steigende Zinsraten bedeuten niedrigere Preise für Anleihen.

Außerdem kann auch ein Beschäftigungszuwachs in der Wirtschaft zu einer Inflation führen. Denn durch die Bezahlung der Angestellten ist mehr Geld im Umlauf.

Ebenso kann dieser Beschäftigungszuwachs auch höhere Gehälter bedeuten, so dass die Unternehmenskosten steigen.

Während die „Main Street“ also von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert, wirkt diese sich negativ auf die „Wall Street“ aus.

Finanzgesellschaften und Anleger

Obwohl Anleger Finanzgesellschaften zu Rate ziehen, unterscheiden sich die Hauptinteressen dieser beiden doch erheblich.

So wollen Anleger ihre finanziellen Ziele erreichen, während Finanzgesellschaften und Fachberater Umsätze erwirtschaften wollen – in Form von Kommissionen, die proportional zur Höhe des investierten Geldes ansteigen.

Somit gilt: Je mehr der Anleger investiert, desto mehr Geld verdienen die Finanzgesellschaften daran.

Unternehmen und ihre Angestellten

Die Gehälter für Führungskräfte in Unternehmen sind innerhalb der letzten Jahre kontinuierlich angestiegen.

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Dabei verdienen einige Geschäftsführer (engl. „chief executive officers“ bzw. CEOs) jedes Jahr mehrere hundert Millionen Euro an Kompensationszahlungen.

Während die Teilnehmer der „Wall Street“ dies als legitime Methode ansehen, um Geschäfte zu machen, stößt diese Praktik bei den Mitgliedern der „Main Street“ auf Kritik.

Die meisten Geschäftsführer werden anhand einiger Performancemaßstäbe kompensiert – wie Aktienkurse, Erträge oder Kostensenkungen.

Daher ist es logisch, dass oftmals zuerst bestimmte Ausgaben gesenkt und viele Mitarbeiter entlassen werden, um bestimmte vorgegebene Ziele zu erreichen.

Wurden diese Ziele erreicht, werden die Geschäftsführer großzügig kompensiert. Parallel dazu müssen die entlassenen Mitarbeiter mit Arbeitslosigkeit und Existenzängsten kämpfen.

So liegen wieder einmal unterschiedliche Interessen vor.

Schließlich ist es das Ziel des Unternehmens, den Marktwert des Eigenkapitals (das sogenannte „Shareholder Value“) zu vergrößern.

Dazu muss der Aktienkurs hoch gehalten werden – oftmals auf Kosten der Mitarbeiter bzw. Teilnehmer der „Main Street“.


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David Gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.