Was ist Vollgeld? Eine Idee mit Abgründen

Nach der gescheiterten Schweizer Initiative zu Vollgeld lohnt ein genauer Blick auf die verlockende Konstruktion und ihre Folgen. (Foto: wara1982 / Shutterstock.com)

Nicht nur Anlegern, die in Banktitel investiert sind, ist wohl einiges erspart geblieben: Die Vollgeld-Initiative der Schweiz ist bei der Volksabstimmung im Juni gescheitert. Bei einem Erfolg wären vermutlich auch außerhalb der Schweiz derartige Begehren entstanden.

Auch wenn nicht jeder so genau auf dem Radar hat, was Vollgeld ist und welche Folgen es hätte – allein die Idee, die Banken entmachten zu können, wäre Wasser auf die Mühlen populistischer Anti-Strömungen gewesen.

Gar nicht so einfach: Was ist Vollgeld?

Doch was ist Vollgeld wirklich? Das Grundkonzept ist keine Kopfgeburt abgehobener, notorischer Systemgegner. Es entstammt der Suche nach einem System, das Finanzkrisen wegen Spekulationsgeschäften und Blasen verhindert. Bereits in den 1930er Jahren schlug der US-Ökonom Irving Fisher vor, dass Bankkredite voll mit hinterlegtem Notenbankgeld gedeckt sein sollten.

In abgewandelter Form griff später der Nobelpreisträger Milton Friedman den Gedanken auf. Auch aus den Reihen der Bundesbank kamen vereinzelt sogar Überlegungen, Kredite nur noch rein über die Zentralbank zu vergeben. Für Spekulationen durch Banken bliebe damit kein Raum mehr. Denn die laufen in der Regel über Buchgeld, also kein „volles“ Geld in Form von Scheinen.

Buchgeld beruht auf Forderungen im Zyklus der Kreditvergabe. In der Wechselwirkung zwischen Spareinlagen, Krediten und Zinsen werden fortlaufend neue Werte geschaffen. Genau davon leben Geschäftsbanken und sie sind damit Teil der Geldschöpfung. Parallel findet die Geldschöpfung bei der Notenbank statt, die Geldnoten drucken darf.

Buchgeld als „Luftnummer“

Für Hardliner ist Buchgeld eine Art Luftnummer. Was in gewisser Weise zutrifft. Und das liegt am klassischen Geschäfts- und Refinanzierungssystem von Banken. Simples Beispiel: Ein Sparer bringt 100 Euro zu Bank. Davon vergibt sie 90 Euro an einen Kreditnehmer. Wenn der etwa das Geld zum Bezahlen einer Rechnung verwendet, landet es über den Empfänger dann wieder auf der Bank. Aus dieser Einlage werden dann erneut 90% verliehen, und schon bald entstehen aus 100 Euro 1.000 Euro. Die Bank verdient an den höheren Kreditzinsen.

Der wunde Punkt: Wenn in der Krise alle ihr Geld wollen, ist es logischerweise nicht sofort in vollem Umfang vorhanden. Zwar können sich die Geldinstitute bei der Zentralbank Geld leihen, doch ihr Guthaben ist begrenzt. Aus diesem Grund müssen sie Mindestreserven nachweisen. Aber auch das deckt im Extremfall nicht alles ab. Erst recht nicht, wenn die Bank auf faulen Krediten oder geplatzten Spekulationsgeschäften sitzen bleibt.

Auf den ersten Blick schreit dies regelrecht nach einer Alternative. Doch bekanntlich hat alles seine Schattenseiten. Was also ist beim Vollgeld die Folge? Egal, ob Kredite voll hinterlegt sein müssen oder nur durch die Zentralbank vergeben dürfen, die Geld- und Wertschöpfung reduziert sich alleine auf eine formal unabhängige aber dennoch staatliche Organisation: die Notenbank.

Notenbank als Machtmonster

Doch erfahrungsgemäß funktioniert ein zentralistisches System nicht besser. Im Gegenteil. Als erstes würde dessen Machtfülle derart anschwellen, dass ein organisatorisches und personelles Aufblasen einer Notenbank mit neuen Zusatzaufgaben unvermeidlich wäre. Sie allein würden dann die Geldmenge bestimmen und damit die Wirtschaft steuern. Zinsen würden dabei ihre Bedeutung als Steuerungselement verlieren. Und höchstwahrscheinlich würden Kredite im Einheitssystem schlichtweg teuerer.

Erheblich teurer wäre bei einem Erfolg der Vollgeld-Initiative aber auch der Schweizer Franken geworden. Denn alle Welt hätte ihr Vermögen in einer 100% sicheren Währung anlegen wollen. Die Verwerfungen auf den Finanzmärkten und die Auswirkungen auf die Exportwirtschaft wären unabsehbar gewesen.

Teure und nur noch begrenzte Kredite, ein erheblich geringeres Wirtschaftswachstum und dazu wankende Banken, denen eine zentrale Einnahmequelle wegfiele – für den Umstieg auf ein Vollgeldsystem hätten die Bürger einen extrem hohen Preis bezahlt.

Schattensysteme blühen auf

Und weil in dem Moment der Druck steigt, nach Ausweichstrategien zu suchen, würde im Zentralsystem die Schatten-Finanzwirtschaft erstarken. Die zu bekämpfen würde ein erneutes Ausweiten der Notenbankbefugnisse nach sich ziehen. Schon die Beliebtheit von Kryptowährungen zeigt, wie mühsam es sein kann, das traditionelle Geldsystem zu verteidigen.

Und hier liegt wohl das größte Problem: Wenn Geld in unregulierte Kanäle abwandert, lassen sich Krisen erst recht nicht mehr steuern. Nun ist die Schweiz noch ein kleines Land mit einigermaßen überschaubaren Interessen. Ganz anders beim Euro und der EZB. Im Gemenge heterogener politischer Interessen würde die Gemeinschaftswährung in kurzer Zeit zerbrechen – und damit die EU.

Mit dem Rückfall in kleinere Finanz- und Wirtschaftseinheiten würde selbst Deutschland zum Spielball fremder Interessen. Was das bedeutet, zeigt nicht zuletzt der jüngste Handelskrieg der USA.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.