Waymo: Roboterautos als Mega-Geschäft

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Waymos Vorsprung bei autonomen Fahrzeugen wird auch von VW auf gut zwei Jahre geschätzt. Die Hürden zur Alltagstauglichkeit aber sind hoch. (Foto: Sundry Photography / shutterstock.com)

Beim Blick auf die großen Technologie-Aktien wird neben Apple, Facebook oder Microsoft nach wie vor gerne von Google gesprochen. Doch dies ist seit Ende 2015 lediglich eines von einem Dutzend Unternehmen unter dem Dach von Alphabet. Ein weiteres unter diesem Dach ist Waymo, das sich auf selbstfahrende Autos spezialisiert. Ein Zukunftstrend, auf den immer mehr Autohersteller aufspringen. Waymo wird hier eine Führungsrolle zugeschrieben, weshalb etliche Anleger auf den Tag warten, an dem Waymo an die Börse geht.

Bei autonomen Autos zwei Jahre voraus

Auch wenn es verbreitet den Anschein hat, als würde autonomes Fahren kurz vor dem Durchbruch stehen, so ist angesichts zahlloser ungeklärter Detailfragen und den Herausforderungen an eine flächendeckende Infrastruktur so schnell nicht damit zu rechnen. Zumindest nicht im Privatbereich. Druck kommt viel eher von Branchen, die mit Fahrzeugen ohne Fahrer Personalkosten sparen wollen: Logistik und Transport oder auch die Personenbeförderung.

Auch die Hersteller erhoffen sich Multimilliardengeschäfte. Prognosen und Zahlen sollte man zwar mit Vorsicht genießen, denn das Ganze steckt noch völlig in den Kinderschuhen, doch das Potenzial ist auf jeden Fall enorm. Und Waymo hat hier offenbar die Nase vorn. Unlängst hat sogar VW-Chef Diess eingeräumt, Waymo sei um „ein, zwei Jahre voraus“. Und das obwohl der Wolfsburger Konzern im Bereich autonomes Fahren mit zuletzt 981 Patenten nach Bosch den internationalen zweiten Platz belegt.

Mit 391 Patenten liegt Waymo lediglich auf Rang neun. VW hat aus dieser Sicht ebenso wie General Motors, Ford, BMW oder Daimler erhebliches Potenzial. Waymo jedoch ist das einzige Unternehmen, das mit seinem wegweisenden System Fahrzeuge der Automatisierungsstufe vier bereits außerhalb von Testfahrten einsetzen kann. Hierbei geht es um den Einsatz von Robotersteuerungen, auch bekannt als Künstliche Intelligenz.

Hürden zur Alltagstauglichkeit

Die Fachwelt unterscheidet dabei fünf Stufen, angefangen von einfacheren Fahrassistenzsystemen bis hin zum Auto ohne Lenkrad. Stufe vier bezeichnet Fahrzeuge, die mit Lenkrad und Pedalen ausgestattet sind. Damit der Fahrer im Notfall eingreifen kann, Stichwort Sicherheit. Völlig autonome Fahrzeuge testet Waymo ebenso, die auf den ersten Blick erstaunlich selbständig ihren Weg finden. Doch sobald die Bordrechner mit Signalen von Sensoren, Kameras und Radarsystemen nicht klarkommen, weil etwa im Nebel oder in unvorhergesehenen Situationen kein eindeutiges Reaktionsprofil aktivierbar ist, bleibt das Auto sicherheitshalber einstweilen stehen.

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Selbstlernende Systeme kommen an ihre Grenzen, wenn eine Einschätzung der Gesamtsituation erforderlich ist. Es gibt zahllose Beispiele, in denen nur der Mensch eine Güterabwägung zwischen akuter Gefahr und erforderlichen Verstößen gegen Verkehrsregeln treffen kann. Davon abgesehen müssten programmierte Systeme festlegen, wer bei einem unvermeidlichen Crash Vorrang hat: das eigene Auto oder der Gegner, ein Kind oder ein Rentner? Dass Menschen spontane Fehlentscheidungen treffen, ist eine Sache. Potenzielle Opfer von vornherein zu kategorisieren, ist jedoch nicht mit unserem Rechtsverständnis vereinbar.

Waymos Angaben im richtigen Licht sehen

Rein technisch wird das Bestreben nach höchstmöglicher Sicherheit, wie Waymo nicht müde wird zu betonen, beim Alltagseinsatz nur mit flächendeckender Umwelterfassung sowie eigenen Lotsenzentralen für nicht programmierte Situationen möglich sein. Die gesellschaftliche Akzeptanz, Stichwort Datensammeln, und die entsprechenden Mehrkosten sind Hindernisse, die bislang kaum kommuniziert werden. Die Verlagerung menschlicher Instinkte und Verantwortung auf technische Systeme wird nicht nur Versicherungsunternehmen beschäftigen.

Von daher sind einstweilen eher Fahrzeuge der Stufe vier realistisch. Etwas Realitätssinn ist auch in Bezug auf Waymos Verlautbarungen zu über 16 Mio. Testkilometern angesagt, die eine technische Reife suggerieren. Daimler etwa hat für die Freigabe bisheriger Assistenzsysteme mehr als doppelt so viel absolviert. Kritiker in den USA geben zu Bedenken, dass die Regelungen für autonome Fahrzeuge bei weitem nicht an die hohen Auflagen etwa für Flugzeuge oder Medikamente heranreichen. Und dass Waymo mit seinen Testergebnissen äußerst intransparent umgeht.

Bezeichnenderweise wurde eine Gesetzesvorlage zur Zulassung autonomer Fahrzeuge vom Senat zunächst abgelehnt. Gleich wie die Sache im Detail weitergehen wird, Waymo hat in Bezug auf voll- oder teilautonome Autos einen Vorteil: Es ist Teil von Alphabet mit seiner geballten Expertise in Sachen IT und Künstlicher Intelligenz. Eine eigene Waymo-Aktie jedoch ist allenfalls Zukunftsmusik für übermorgen – auch wenn das Unternehmen mit geschätzten 175 Mrd. US-Dollar schon jetzt mehr wert ist als Daimler und VW zusammen.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.