Wirecard-Aktie: Beschuss von allen Seiten

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

Die Wirecard-Aktie erinnert an ein Pennystock-Papier. Das Fintech ist an vielen Fronten unter Beschuss. VW und Deutsche Bank lassen grüßen. (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

Ob traditionelle Geldhäuser wie die Deutsche Bank insgeheim frohlocken, ist zwar nicht bekannt. Tatsache aber ist, dass nach dem spektakulären Sturz der Wirecard-Aktie der Börsenwert des Fintech Unternehmens auf einmal deutlich unter dem des deutschen Bankenprimus mit 15,23 Mrd. Euro lag. Noch vor geraumer Zeit brachte der aufstrebende Dienstleister aus Aschheim bei München rund 25 Mrd. Euro auf die Waage.

Dax-Titel erinnert an Pennystock-Papier

Der Fall der Wirecard Aktie ist ebenso aufregend wie ihr bisheriger Verlauf. Innerhalb von zehn Jahren ist sie von rund 4 Euro auf ca. 200 Euro geklettert. Doch ab September 2018 verhielt sie sich kaum wie ein in den Dax aufgestiegener Titel eines findigen Unternehmens. Vielmehr erinnert die Performance an einen windigen Pennystock Kandidaten. Der Kurs fiel zunächst bis Jahresende auf 127 Euro, erholte sich wieder und sackte dann innerhalb kürzester Zeit auf 86,28 Euro – ein Verlust von insgesamt 120 %.

Zuletzt wetteten auch noch Hedgefonds im großen Stil gegen die Aktie. Wirecard sieht sich von mehreren Seiten unter Beschuss: Leerverkäufer, verschreckte Anleger und massive Vorwürfe wegen angeblicher finanzieller Tricksereien. In die Welt getragen wurden die von der „Financial Times“, und zwar in mehreren Etappen. Was verwundert, da es stets um denselben Vorwurf geht: Wirecard habe sein Finanzvolumen mit Scheintransaktionen aufgepeppt, um die Hürde für eine Lizenz in Hongkong zu nehmen.

Attacken haben Tradition

Noch ist der Hintergrund der Aktion recht undurchsichtig. Das kreative Anpassen von Bilanzen ist schließlich gang und gäbe, solange es sich im gesetzlichen Rahmen bewegt. Zwar gab es eine polizeiliche Durchsuchung, bei der sich Wirecard wohl kooperativ verhalten hat, doch dient sie zunächst nur dem Zweck, Beweismaterial im Vorfeld einer gerichtlichen Klärung zu sammeln. Wirecard jedenfalls gibt sich zuversichtlich und will seinerseits gegen die Financial Times klagen. Und nun scheinen sich Vermutungen zu bewahrheiten, dass einige Leerverkäufer vorab von den Veröffentlichungen wussten. Ermittler der Staatsanwaltschaft in München verfolgen jetzt die Spur nach ersten Zeugenaussagen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine mediale Attacke ein Unternehmen in Verruf bringt. Bei Wirecard kommt hinzu, dass sein Aufstieg nach den Anfangsjahren häufig von Anfeindungen und Wetten gegen die Aktie begleitet war. Der ursprüngliche Fokus auf den Bereich Glücksspiel und Erotik lieferte eine willkommene Steilvorlage. Dabei waren dies lediglich die ersten Kunden, die damals für Zahlungsvorgänge im Internet offen waren und mit Blick auf die kommende Entwicklung eine Startrampe für Wirecard darstellten.

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

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Heute verdient das ambitionierte Unternehmen bei zahllosen Kartenzahlungen über die Abwicklung und entsprechende Provisionen. Das Problem von Wirecard: Während andere Konzerne bei der Eroberung neuer Marktanteile in Asien und Schwellenländern generell beklatscht werden, weckt das auf digitale Geldtransaktionen spezialisierte Unternehmen genau damit Argwohn. Die Geschäfte und Kundenbeziehungen in diesen Regionen werden verbreitet als „undurchsichtig“ kritisiert.

Mehr Transparenz für die Wirecard-Aktie

Ob dies nun berechtigt ist oder nicht, Wirecard sollte sich um etwas mehr Transparenz bemühen. Nur so lässt sich verlorenes Vertrauen wieder herstellen. In der Vergangenheit ist das trotz vieler unbewiesener Anschuldigungen in Sachen Bilanzfrisieren oder Geldwäsche immer wieder gelungen. Wobei volle Transparenz beim Zahlungsabwickler unverändert ein Problem zu sein scheint.

Die Unternehmenszahlen jedenfalls geben Anlass zum Optimismus. Das erste Quartal deutet auf einen neuen Rekord hin. Nach Firmenangaben soll der Betriebsgewinn dieses Jahr von zuletzt 568 Mio. Euro auf bis zu 800 Mio. Euro steigen. Dennoch könnte die Aktie von Wirecard einstweilen unter Druck bleiben. In den USA werden Sammelklagen vorbereitet. Ob sie vor Gericht überhaupt angenommen werden, muss sich erst zeigen. Nicht nur VW, auch die Deutsche Bank kann ein Klagelied über die Folgen derartiger Aktionen singen.

Fintechs sind eine neue Herausforderung an die Finanzbranche und werden noch eine Weile mit Beharrungskräften und gelegentlichem Gegenwind zu kämpfen haben. Doch im Trend zu neuen Zahlungsarten gehören sie zu den Gewinnern, die Anlegern noch viel Potenzial bieten.


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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.