Wirtschaft im Wandel: Unternehmensbewertungen werden komplexer

Den richtigen Moment, um in die verheißungsvollsten Papiere vielversprechender Unternehmen einzusteigen, wird immer schwieriger. Bisher hatte sich bewährt: Substanzstarke Titel mit Ertragskraft ausfindig machen, die gerade niedrig bewertet sind, und kaufen bevor die Masse zuschlägt und der Kurs steigt. Erkennt man, dass der Substanzwert auffallend höher ist als der Börsenwert, werden zuvor neben den Fundamentaldaten die Marktstellung, das Geschäftsmodell oder die Qualität der Unternehmensführung analysiert.

Wirtschaft im Wandel erfordert Umdenken

Da sich aber die Wirtschaft im Wandel befindet, stellt sich die Frage, ob dieser für ein Value Investment typische Ansatz künftig nicht zu kurz gegriffen ist. Dass er bisher funktioniert hat, zeigt nicht zuletzt Starinvestor Warren Buffet. Er und seine Mitarbeiter bei Berkshire Hathaway haben das Vorgehen so perfektioniert, dass Buffets Vermögen auf rund 79 Mrd. US-$ gestiegen ist. Noch vor drei Jahren war es ein Viertel weniger.

Es ist davon auszugehen, dass er die aktuellen Veränderungen in seine Analysen einbezieht. Die Digitalisierung entfaltet eine völlig neue Dynamik. War schon früher die Wirtschaft im Wandel, dreht sich das Rad nun noch schneller.

Deshalb ist zu überlegen, ob es noch sinnvoll ist, sich vorwiegend auf eine niedrige Bewertung zu konzentrieren, die sich im Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ausdrückt. Klar, derzeit finden sich einige verlockende Konstellationen. Im Dax sind Traditionsunternehmen wie BMW, Daimler oder VW so preiswert wie selten zuvor. Und das, obwohl sie angesichts der Probleme in der Autobranche wie Diesel- und Kartellskandal beachtliche Gewinne einfahren.

Schnäppchen oder Abstiegskandidat?

Auch liegen Banktitel wie die der Deutschen Bank in der Bewertung weit unter ihrem Buchwert. Üblicherweise geht man beim Value-Ansatz davon aus, dass dies eine Gelegenheit ist, weil der Preis der Aktie, der Kurs, früher oder später aufschließen muss. Günstig kaufen und abwarten.

Doch was, wenn es viel länger dauert als vermutet? Wenn die Kurse sogar eher weiter nachgeben? Die Vergangenheit pauschal in die Zukunft zu übertragen, wird schwieriger, wenn die disruptive Wirkung des Digitalisierungsprozesses alte Denkmuster infrage stellt. Gleiches gilt für die Betrachtung des Kurs-Umsatz-Verhältnisses (KUV).

Mehr denn je sollte man in Betracht ziehen, dass niedrige Werte nicht immer nur positiv sind. Sie können auch ein Warnsignal sein, etwa weil ein Unternehmen auf eine Strukturkrise zusteuert. Es ist nicht von ungefähr, dass sich Konzerne reihum bemühen, den Anschluss an die Zukunft zu schaffen. In der Automobilbranche ist es neben der Digitalisierung auch noch die Umstellung auf neue Antriebsarten.

Die Investitionen bei gleichzeitig drohender Lücke in absterbenden traditionellen Segmenten zu stemmen, ist eine extreme Herausforderung. Ähnlich müssen sich die Banken mit ihrer Umstrukturierung beeilen, bevor sie von neuen Playern überholt werden.

Rasches Wachstum – und nicht nur das

Künftig kommt es umso mehr auf ein schnelles Umsatz- und Gewinnwachstum an. Vermutlich mit ein Grund warum Warren Buffet dieser Tage von IBM hin zu Apple umgeschichtet hat. Doch Tempo allein ist nicht alles. Die Kunst besteht darin, das Wachstum auf seine Nachhaltigkeit hin zu beurteilen. Und wieder fällt einem Buffet ein: Er ist hoch beim chinesischen Autokonzern BYD investiert, dem größten E-Fahrzeughersteller der Welt. Beim Pionier Tesla jedoch nicht.

Schaut man genauer hin, geht es um mehr als nur Autos. BYD ist Teil eines Riesenkonzerns, der von der Batterie über Solaranlagen bis zur entsprechenden Infrastruktur alles entwickelt und anbietet – ein integriertes Gesamtunternehmen. Tesla will ebenfalls eines werden. Ob es das schafft, steht auf einem anderen Blatt.

Wendig, anpassungsfähig und mit ausreichender Grundmasse nachhaltig rasch wachsen – die Herausforderungen sind nicht nur für die Unternehmen gestiegen. Auch für Anleger wird es anspruchsvoller, im rasanten Wandel der Wirtschaft die richtigen Signale zu erkennen und im Kontext radikal mutierender Märkte zu bewerten. Kennziffern wie Ertragskraft und Substanzwert allein reichen jedenfalls nicht mehr aus.

7. Dezember 2017

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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