Zinsen: Darauf müssen sich Bank- und Versicherungskunden einstellen

Des einen Freud, des anderen Leid. Währen niedrige Zinsen Aktienmärkte und konjunkturabhängige Unternehmen beflügeln, stehen andere unter Druck. Es gibt Gewinner und Verlierer im anhaltenden Zinstief. Problembranchen sind vor allem die, bei denen das Geschäft vom Zins abhängt: Banken und Versicherungen.

Zinstief: Problembranchen massiv unter Druck

Dass ein Zinstief den Problembranchen zu schaffen macht, war eigentlich schon vor Jahren absehbar, nicht aber, wie lange es dauern würde. Derzeit liegen die Leitzinsen bei 0% und der Einlage-Strafzins für Banken bei minus 0,4%. Kreditinstitute können sich mit dem geringen Abstand zwischen Einlagen- und Kreditzinsen nur noch schlecht refinanzieren. Und die Versicherer sind ebenfalls auf Zinserträge angewiesen.

Seit geraumer Zeit wird es für einige Vertreter mit immer dünnerem Finanzpolster richtig eng. Druck machen zudem die verschärften Eigenkapitalvorgaben durch Basel III für Banken sowie das entsprechende neue EU-Regelwerk Solvency II für Versicherungen.

Wer mehr oder weniger Probleme hat, hängt großteils vom Abhängigkeitsgrad der Zinsgewinne ab. Bei kleineren und mittleren Kreditinstituten machen sie gut 80% aus, bei Großbanken bis zu 70%. Bei Versicherungen wiederum kommt es auf deren Anlagepolitik und Produktpalette an. Das Zinstief zwingt die Problembranche zu neuen Geschäftsmodellen aber auch zu riskanteren Anlagen, denn gut 80% davon stecken in festverzinslichen Papieren.

Mit Junkbonds auf Renditesuche

Versicherungen sind traditionell die größten Käufer von Anleihen aller Sektoren. Auf der Suche nach Rendite setzen sie nun verstärkt auf Hochzinspapiere am Rande des Investmentgrade. Auch der spekulative Bereich ist kein Tabu mehr. Es sind nicht nur italienische Konzerne wie Generali, die zum Teil in Junkbonds investieren, auch Zürich oder Allianz sehen sich gezwungen, ins niedere Ranking vorzustoßen. Hinzu kommt, dass die Aktienmärkte unruhigen Zeiten entgegensehen.

Es braut sich im Zinstief für die Problembranche ein Sturm zusammen – für einige geht es ums Überleben. Branchenführer Allianz und andere Größen indes können mit ihrem Kapitalvorsprung in alle Anlageklassen streuen und in neue Felder investieren.

Teuere Innovationsoffensive

Während in der Branche zinsunabhängige Sachversicherungen stabiler laufen, ist die klassische Lebensversicherung  mit Garantiezins so gut wie tot. Deshalb werden verstärkt Alternativen wie fondsgebundene Lebensversicherungen oder Indexpolicen angeboten, bei denen der Kunde mehr Kapitalmarktrisiko eingeht.

Auch mit weiteren Plänen zeigt die Allianz, wohin die Reise geht. So ist eine Investitionsoffensive in digitale Produkte geplant, bevor innovative Start-Ups immer mehr Marktanteile erobern. Begleitend erfolgt schon mal der Einstieg beim italienischen Online-Vermögensverwalter „MoneyFarm“, der hohes Wachstumspotenzial verspricht.

Und als Ergänzung zu Kfz-Policen wird es eine eigene Verkaufsplattform für Gebrauchtwagen geben – mit Fahrzeugtest, digitaler Probefahrt und Lieferung an die Haustür, inklusive Zulassung. Mitbewerber HUK Coburg hat mit „HUK-Autowelt“ bereits ein eigenes Modell. Die Versicherungen müssen sich also etwas einfallen lassen. Ohne Kreativität und genügend Investitionskapital wird es brenzlig.

Banken setzen auf Digitalisierung

Dass die Großen mit Investitionen leichter durchs Zinstal kommen, zeigt sich auch bei den Banken, die weitaus mehr vom Zins abhängen. Die Deutsche Bank etwa steckt ca. 1 Mrd. € in die Digitalisierung. Es gilt aufzuholen, wo findige FinTechs längst punkten: schlanke Modelle, weniger Kosten und zinsunabhängere Erlöse – schon mit wenig Daten lässt sich gutes Geld verdienen. Vom klassischen Konto über die Anlageberatung bis zum Investment, bei der Vielzahl von Produkten eine Herausforderung.

Eng wird es vor allem für kleinere Spezialbanken. Auch wird es im Drei-Säulen-Modell von Genossenschaftsbanken, Sparkassen und Privatbanken zu Übernahmen und Zusammenlegungen kommen. Kunden und Anleger jedenfalls müssen sich auf veränderte Servicestrukturen und neue Gebühren einrichten. Ein tiefgehender Strukturwandel ist unvermeidlich. Wenn die Branche auf Dauer unter Druck steht, hat das auch negative Folgen für die Konjunktur.

9. November 2016

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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