Zinswende in Europa wohl erst 2020

EZB RED – shutterstock_1153405414

Die Zinswende in Europa wird nicht vor Ende des Jahres kommen. Der Druck aber wächst, die deutsche Wirtschaft fordert planbare Schritte. (Foto: nitpicker / shutterstock.com)

Man muss kein Zinssparer sein, um die nicht enden wollende Niedrigzinsphase im Euroraum mit Sorge zu betrachten. Um es vorwegzunehmen: Eine Zinswende in Europa ist so schnell nicht in Sicht. Zumindest dürfte sich „mit Blick aufs erste und vermutlich auch zweite Quartal 2019 nicht viel tun“, sagte EZB Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger aktuell im Deutschlandfunk.

Geduld bis Ende des Jahres

Auch wenn Lautenschläger betonte, dass dies mit aller Vorsicht und „nicht als zuverlässige Vorhersage“ zu bewerten sei, so wird die Zinswende in Europa tatsächlich wohl nicht vor Ende des Jahres stattfinden. Dass es sogar eher Mitte 2020 sein wird, war tags darauf den offiziellen Worten von EZB- Präsident Mario Draghi zu entnehmen. Einstweilen ist also noch Geduld angesagt. Zwar wird die Amtszeit von Draghi kommenden Oktober enden. An der Person aber sollte man die Erwartungen nicht festmachen.

Die Zentralbank wird sich an Zahlen orientieren sowie dem weiteren Vorgehen der Fed in den USA. Dort läuft die Wirtschaft noch, doch angesichts langsam aufziehender Wolken am Konjunkturhimmel hat die Fed ihr straffes Zinserhöhungsprogramm schon etwas gestreckt. Mit dem nächsten Schritt wird im September gerechnet. Derzeit liegen US-Zinsen am oberen Korridor-Ende bei 2,5 %. In gleicher Höhe wird für dieses Jahr der Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) erwartet.

Im Euroraum hingegen sind allenfalls 1,5 % Wachstum in Sicht. Auf denselben Wert schwächt sich auch die Inflation wieder ab – was gegen eine baldige Zinswende in Europa spricht. Bei der Überlegung, ob die EZB den geeigneten Zeitpunkt verpasst hat, darf man nicht die dicken Bremsklötze wie Brexit oder den inzwischen beigelegten Haushaltsstreit mit Italien übersehen.

Doch wann gibt es einmal keinen Grund, mit Niedrigzinsen die Märkte bei Laune und die Finanzierung von Staatsschulden billig zu halten? Ihre Anfänge gehen auf die Überwindung der Finanzkrise vor zehn Jahren zurück. Seit März 2016 beträgt der EZB Leitzins 0,0 %. Wenigstens wurde das Kaufprogramm von Anleihen spürbar zurückgefahren. Doch auch wenn die EZB nicht gerade planlos agiert – sobald sich die Konjunktur spürbar eintrübt, ist das Pulver für den Notfall verschossen. Bei Nullzinsen ist kein Hebel zur Stimulierung vorhanden. Das einzige Mittel ist dann, eine Zinserhöhung erneut zu verschieben.

Kurse Hand Charts Crash – MR.LIGHTMAN1975 – shutterstock_413650720

Der Raubtier-Kapitalismus verschlingt seine SchöpferDer Sturm zieht auf – und zwar mit einer Gewalt, wie Sie sie noch nie erlebt haben: der Kollaps des globalen Finanz-Systems. Wir haben Ihnen aufgezeigt, dass die Weltwirtschaft am… › mehr lesen

Wirtschaft fordert absehbare Zinswende in Europa

Damit aber ist auch die Wirtschaft nicht mehr zufrieden. In einer jüngsten Forsa-Umfrage spricht sich nur grob ein Viertel der befragten Unternehmen für eine Fortsetzung der bisherigen Niedrigzinspolitik aus. Mit 62 % fordert allerdings fordert die Mehrheit eine absehbare Zinswende in Europa. Ein Appell also, den geplanten nächsten Schritt in die Tat umzusetzen.

Dass dies nicht ganz so schnell und nur vorsichtig geschehen kann, liegt auch an den Banken im Euroraum. Seit 2016 profitieren sie von billigen Langfristkrediten der EZB. Deren Ziel, die Kreditvergabe an die Realwirtschaft anzukurbeln, gilt als mittlerweile erreicht. Die Situation etlicher Banken ist aber nach wie vor nicht stabil. Gerade Italien gibt Anlass zur Sorge, wo die Geldhäuser besonders von den Langzeitkrediten profitierten.

Sobald die EZB-Kredite ab der zweiten Jahreshälfte auslaufen, wird es um möglichst günstige Anschlusskredite gehen. Allerdings nicht mehr zwingend in der bisherigen Billigversion. Da der Zweck, die Wirtschaft mit Krediten zu versorgen, erreicht ist, könnten in einer Neuauflage die Zinsen an die Entwicklung des Leitzinses gekoppelt werden. Gerade für instabile Banken wäre dies eine weniger erfreuliche Aussicht. Andererseits ist es nicht die Kernaufgabe der Zentralbank, auf Dauer ein schwaches italienisches Bankensystem zu stützen.

Instabile Banken als Sprengsatz

Dennoch ist die EZB gezwungen, den potenziellen Sprengsatz etwas zu entschärfen. Ginge er ungewollt hoch, so wäre auch der deutschen Wirtschaft nicht gedient. Die jedenfalls sieht sich fest im Euroraum verankert. Wie die erwähnte Forsa-Umfrage weiterhin ergab, stehen immerhin 83 % der befragten Unternehmen positiv zur Euro-Rettungspolitk der vergangenen Jahre. Ihre Sorgen gelten viel eher dem künftigen Zusammenhalt in Europa.

Für Anleger heißt dies, einstweilen Aktien gegenüber Anleihen zu bevorzugen. Bis die Zinswende spürbare Früchte trägt, bieten sich die erfreulich hohen Dividenden von Kandidaten wie BASF, Daimler und anderen als Alternative. Das Risiko ist zwar etwas höher, aber durchaus überschaubar.


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.