Die Theorie vom größeren Narren

ETF Tastatur – Imilian – shutterstock_557751157

Können sich Dinge ereignen, die wir nicht erwarten? Klar. Die Preisfrage ist: Wann sie sich ereignen! (Foto: Imilian / Shutterstock.com)

Seit 2 Tagen ist es amtlich: Nie zuvor in der Börsengeschichte verbuchten US-ETFs (Exchange Traded Funds = börsengehandelte Fonds) innerhalb eines Jahres einen höheren Vermögenszufluss als 2020!

Sagenhafte 507,4 Mrd. USD ließen Anleger den an US-Börsen gelisteten ETFs zukommen. Das waren nochmals +6,6% mehr als der Rekordzufluss von 476,1 Mrd. USD aus dem Jahr 2017 (Quelle: ETF.com vom 4. Januar 2021).

Dann haben wir damit also die Erklärung für die Wall Street-Rallye der letzten 9 Monate? Ganz so einfach liegen die Dinge nicht.

Und da kommt die Theorie des „größeren Narren“ ins Spiel.

Was ETFs von Investmentfonds unterscheidet

ETFs sind Investmentfonds ähnlich: Anleger geben diesen Sammelstellen Teile ihres Vermögens, damit deren Fondsmanager dieses für sie investieren.

Was beide indes grundlegend unterscheidet: ETFs bilden stets etwas nach, in das sich ansonsten eher schwer investieren lässt. So müssten Sie beispielsweise, wenn Sie den DAX im Depot haben wollten, in alle 30 Aktien entsprechend ihrer Gewichtung nach Marktkapitalisierung investieren. Schwierig für einen Privatanleger.

Investmentfonds hingegen streben – oder sollten es zumindest – nach der bestmöglichen Performance. Das tun sie, indem die Fondsmanager in die Instrumente investieren, welche die Philosophie oder Strategie (beispielsweise deutsche, internationale oder Rohstoff-Aktien, Anleihen etc.) des Fonds widerspiegeln.

ETFs entwickeln sich daher stets nur so (gut oder schlecht), wie das nachgebildete Instrument (Index, Rohstoff, Anleihe usw.) sich bewegt.

ETFs verbuchen Rekordzuflüsse an Vermögen

Im vergangenen Jahr floss eine Rekordsumme von 507,4 Mrd. USD in US-ETFs. Doch dieser gewaltige Betrag verteilte sich natürlich auf verschiedene Vermögensklassen:

211,9 Mrd. USD (41,8% des Gesamtzuflusses) wanderten in Anleihe-bezogene ETFs. Davon entfielen 186,4 Mrd. USD auf US-Anleihe-Fonds, der Rest auf ETFs für internationale Anleihen.

Aktien-ETFs verfügten zum Jahresende 2020 über 237,8 Mrd. USD (47% des Gesamtzuflusses) mehr verwaltetes Vermögen. Diese verteilten sich mit 165,38 Mrd. USD auf US-Aktien und mit 72,4 Mrd. USD auf international agierende Aktien-ETFs.

Allein die an US-Börsen gelisteten US-Aktien-ETFs verwalteten zum Jahreswechsel ein Vermögen von 3.085,51 Mrd. USD. Seit Ende März 2020, also kurz nach dem Ende des Crashs, flossen den Aktien-ETFs 1.057,8 Mrd. USD zu. Davon entfielen auf die letzten beiden Kalendermonate 490,75 Mrd. USD! (Quelle aller Daten: ETF.com vom 4. Januar 2021).

Hinweis: Hier sind weder Investmentfonds, noch Hedgefonds, noch Vermögensverwaltungen und andere US-Kapitalsammelstellen berücksichtigt. Geschweige denn der Rest der Welt.

Die Wahrheit über Geldzuflüsse

Doch was geschieht eigentlich wirklich, wenn Sie als Privatanleger Geld in Investmentfonds, ETFs oder auch in einzelne Aktien investieren? Fließt durch diesen Akt tatsächlich Geld IN den Markt? Die Antwort lautet: Jein!

Der Fondsmanager kauft von dem eingebrachten Kapital beispielsweise Aktien. Doch dazu muss jemand anderes ihm diese Aktien verkaufen. Und der zieht ja damit das Geld gleich wieder aus dem Markt.

In Wahrheit fließt nur dann „frisches“ Geld in den Markt, wenn der Preis steigt. Der Fondsmanager aus unserem Beispiel zahlt beim Kauf der Aktien mehr, als der Verkäufer dafür zuvor bezahlt hat.

Die Theorie des größeren Narren

Und damit sind wir bei der „Theorie des größeren Narren“ (The Greater Fool-Theory):

Wenn Sie eine Aktie kaufen, dann tun Sie das stets in der Erwartung (oder Hoffnung), dass sich in der Zukunft ein noch größerer Narr findet, der Ihnen diese Aktie zu einem höheren Preis wieder abkauft.

Die eingangs genannten Anleger, die im vergangenen Jahr Rekordsummen in ETFs investiert haben, taten dies in dem Vertrauen, dass die damit abgebildeten Indizes, Anleihen oder Rohstoffe in der Zukunft höher notieren und sie so daraus einen Gewinn erzielen können.

Doch was passiert, wenn sich kein Narr mehr findet, der bereit ist, mehr zu zahlen?

Finden sich noch größere Narren als 2020?

Erinnern wir uns an den Februar 2020: Seinerzeit war der S&P 500 in den vorausgegangenen 14 Monaten um +44% geklettert.

Obwohl sich schon seit August 2019 eine Rezession abzeichnete – wie von mir hier verschiedentlich u.a. am Beispiel des Frachtraten-Index (Baltic Dry Index) aufgezeigt – sahen die Fondsmanager sogar immer weniger Wolken am Konjunkturhimmel.

Ist die Chance, größere Narren zu finden, heute höher als vor 9 Monaten?

Entsprechend gingen die Investoren vor 11 Monaten davon aus, dass die Aktienmärkte diese wirtschaftliche Entwicklung durch weitere Kursanstiege widerspiegeln würden. Und entsprechend wandelte der S&P 500 wochenlang auf Rekordniveau.

Und nein: Es ist kein Zufall, dass die heutige Situation der vor 11 Monaten sehr ähnelt.

Damals fand sich zwischen dem 19. Februar und dem 23. März 2020 vorübergehend kein größerer Narr mehr!

Fazit

Es ist nicht, wie manchmal falsch unterstellt wird, der Geldzufluss in einen Markt allein, der für steigende Kurse sorgt. Tatsächlich ist es die Erwartung (oder Hoffnung), dass sich immer noch jemand findet, der bereit ist, für etwas einen noch höheren Preis zu bezahlen, als wir selbst gezahlt haben.

Das ist es, was hinter der „Größere Narren-Theorie“ steckt. Aktienmärkte können nur solange steigen, wie sich noch immer größere Narren finden.

Doch das endet in dem Moment, wo Anleger sich eingestehen müssen, dass alle Narren investiert SIND. Diese Erkenntnis wird Investoren immer dann besonders schnell bewusst, wenn sie von einem völlig unerwarteten Ereignis überrascht werden: Hohe Geschwindigkeit = Crash.

So wie bei der Ausbreitung des Coronavirus zu Beginn des letzten Jahres von China auf den Rest der Welt und der daraufhin ergriffenen Lock-Down-Maßnahmen. Das wirklich Tragische in 2020 war:

Obwohl eigentlich jeder Marktteilnehmer schon seit Mitte Januar, aufgrund der Abriegelungen in Wuhan und anderen chinesischen Metropolen, ahnen konnte, dass aus der Epidemie früher oder später eine Pandemie werden würde, wurde diese Möglichkeit lange ignoriert bzw. das Problem verniedlicht.

Schauen Sie bitte noch einmal auf den obigen Chart: Vergleichen Sie bitte den Anstieg von Dezember 2019 bis Februar 2020 mit dem der letzten 9 Monate. Und dann beantworten Sie sich die folgende Frage:

Ist die Chance, noch größere Narren zu finden, heute höher als im Februar 2020 oder geringer?

Es ist nur eine Frage des unerwarteten Ereignisses.

Aktienanleihen Symbolbild Schreibtisch_shutterstock_410963488_Sfio Cracho

Wandelanleihen: Was Sie darüber wissen solltenLesen Sie in diesem Beitrag, was die Vor- und Nachteile sind und was Sie sonst noch über Wandelanleihen wissen sollten.  › mehr lesen


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig den kostenlosen E-Mail-Newsletter "GeVestor täglich". Herausgeber: GeVestor Verlag | VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG. Sie können sich jederzeit wieder abmelden.

Hinweis zum Datenschutz