Börse – ganz praktisch

Der Chefredakteur des Börsendienstes„ Der Depot-Optimierer“ Rolf Morrien im Interview über sein neues Buch „Börse – ganz praktisch“.

Ihr neues Buch „Börse – ganz praktisch“ ist ein spannender Leitfaden für Börseneinsteiger.

Ganz direkt im Frage-Antwort-Modus werden hier die wichtigsten Probleme aufgeworfen und erörtert.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Vor über 10 Jahren habe ich mit der Co-Autorin Judith Engst zusammen die Ausbildung zum Wirtschaftsredakteur gemacht. Judith konnte sich schon früh für Bank-, Versicherungs- und Geldservicethemen begeistern, ich bin schon seit Jugendzeiten ein leidenschaftlicher Aktien-Fan. Wir ergänzen uns also bei Geldanlagethemen sehr gut. Vor knapp drei Jahren haben wir zusammen das Einführungsbuch „Börse leicht verständlich“ geschrieben. Viele Leser haben uns danach Fragen geschickt, die aus ihrer Sicht noch offen waren. So sind wir auf die Idee gekommen, als Buchschreiber die Perspektive zu wechseln. Wir haben alle Leserfragen ausgewertet und passende Antworten geschrieben. Die Leser haben also die einzelnen Buchkapitel festgelegt. Schon nach den ersten Seiten haben wir gemerkt, wie spannend dieser Perspektivenwechsel ist. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ein Wirtschaftsredakteur aus seiner Perspektive ein Einführungsbuch schreibt oder ob man die Leser in den Mittelpunkt stellt und sich als Redakteur von den Anfängerfragen leiten lässt. Wer mit einem klassischen Einführungsbuch wenig anfangen kann, dürfte mit „Börse ganz praktisch“ glücklich werden.

Seit 11 Jahren sind Sie Chefredakteur des Depot-Optimierers. Welche Entwicklung bezüglich des Börseninteresses der Bevölkerung können Sie für die vergangenen Jahre konstatieren? Könnte man sagen, die Resonanz steigt? Woran liegt das?

Leider gehöre ich als Börsen-Fan zu einer kleinen Minderheit. Nur rund 7,5 Prozent der deutschen Bevölkerung investiert in Aktien. In der Boomphase im Jahr 2000 war die Aktionärszahl etwas größer, aber dann hat der Crash für eine kalte Dusche gesorgt. Der Absturz der Telekom-Aktie von über 100 auf unter 10 Euro wirkt noch heute nach. Einzelfälle überdecken den langfristigen Erfolg. Trotz der Schwächephasen konnte der deutsche Aktien-Leitindex DAX seit der Gründung vor 25 Jahren um gut 8 Prozent pro Jahr zulegen. Aktien schlagen langfristig alle anderen Anlageformen. In Deutschland kommt diese Botschaft nicht an. In den USA setzen über 35 Prozent der Menschen auf die Anlageform Aktie. In Schweden sind es knapp 18 Prozent, in der Schweiz sogar fast 20 Prozent. Daher ist die Abneigung der Deutschen nur schwer verständlich. Aber vielleicht müssen die Anleger zu ihrem Glück gezwungen werden. Wenn die Zentralbanken die Leitzinsen noch lange Richtung 0 Prozent drücken, werden Staatsanleihen, Festgeldkonten, Lebensversicherungen und Bausparverträge so uninteressant, dass ein Anlagenotstand entsteht. Davon können Aktien mit hoher Dividenden-Rendite profitieren. Warum soll ich ein Festgeldkonto mit 1 Prozent Guthabenzins eröffnen, wenn die Nestlé- Aktie 3,5 Prozent Dividendenrendite abwirft? Diese Frage werden sich in den nächsten Jahren noch viele Sparer stellen, die Geld neu anlegen müssen oder wollen.

Welche Fragen – neben den wahrscheinlich klassischen Prognosebitten – bekommen Sie am häufigsten?

Die Frage, wo der DAX in 12 Monaten notiert, ist natürlich der Klassiker. Auch die Frage nach der einen, besten Aktie kommt immer wieder. Sehr oft werden auch die ganz elementaren Fragen gestellt: Wo und wie kaufe ich eine Aktie? Wie sorge ich dafür, dass ich als Aktionär die Dividende ausgezahlt bekomme?

Wo lauern bei Depotführung und Aktienkauf die Kostenfallen? Das war auch der Auslöser, warum wir 2011 das erste Einführungsbuch geschrieben haben.

Welche Frage war am schwierigsten zu beantworten?

Seit etwa 2010 gewinnt eine Frage rasant an Bedeutung: Wird der Euro überleben? Das beschäftigt die Menschen. Der Leidensdruck ist enorm. Viele Menschen fürchten um ihre Altersvorsorge und um die Ersparnisse. Wird es den Euro in fünf Jahren in dieser Form noch geben? Eine schwere Frage. Es muss Regeln geben, welche Länder in das Euro-System einsteigen können und wann ein Land das Euro-System verlassen darf oder muss. Davon unabhängig lautet meine Antwort, wenn jemand unter der Euro-Angst leidet: Kaufen Sie konservative, langweilige Dividenden-Aktien wie Nestlé oder Coca-Cola. Diese Unternehmen haben in den vergangenen 100 Jahren zwei Weltkriege, Währungsreformen und Weltwirtschaftskrisen überstanden. Wer einen Teil seines Geldes in solide Unternehmen investiert, kann anschließend ruhiger schlafen. Eine Aktie ist nicht nur ein Wertpapier, sondern eine Unternehmensbeteiligung und damit ein Sachwert, der auch die größten Krisen überstehen kann.

In Ihrem Buch behandeln Sie auch weiterführende Fragen etwa zu Fonds & EFTs, Anleihen, Wandelanleihen, Genussscheinen und Zertifikaten. Welche Anlageform ist am wenigsten bekannt? Wieso?

Das Thema Wandelanleihen steht fast nie auf der Tagesordnung. An sich sehr merkwürdig, denn Wandelanleihen verbinden die Stärken von Anleihen und Aktien. Wer eine Wandelanleihe kauft, kann am Ende der Laufzeit entscheiden, ob die Rückzahlung in Geldform oder in Aktien erfolgen soll. Wenn die entsprechenden Aktien gut gelaufen sind, wähle ich als Wandelanleihen-Besitzer die Aktien, wenn die Kurse niedrig sind, wähle ich die Barrückzahlung. Warum diese Anlageform so selten in Depots zu finden ist? Zum einen ist die Auswahl leider nicht sehr groß, zum anderen verdienen Banken und Broker daran nicht so viel. Die verkaufen lieber Zertifikate und Fonds mit Ausgabeaufschlag. Also Wertpapiere, bei denen sie selbst fette Gewinne einstreichen.

Ein Kapitel in Ihrem Buch lautet „Börsenweisheiten & Anlagestrategien“. Was ist Ihre persönliche Lieblingsbörsenanlageweisheit?

Ich bin ein großer Fan der amerikanischen Börsenlegende Warren Buffett. Er hat einen Satz geprägt, der sehr simpel ist, aber in Stressphasen leicht in Vergessenheit gerät: „Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, aber sei gierig, wenn andere ängstlich sind.“ An der Börse ist das ganz komisch: Die Anleger kaufen, wenn die Kurse schon hoch gestiegen sind. Verkauft wird dann in Panikphasen zu Ramschpreisen. Wer sich dagegen an die Buffett- Strategie hält, wird 80 Prozent der Anleger klar schlagen.

Welches ist Ihr Lieblingsbörsenmythos? Und wie kann man verhindern, hier aufs Glatteis geführt zu werden?

Es gibt das Vorurteil, dass sich nur die Reichen an der Börse tummeln. Das ist falsch. Wenn ich bereits ein Vermögen besitze, lebe ich von den stetigen Zins- und Mieteinnahmen. Wer dagegen ein Vermögen langfristig aufbauen will oder einfach nur an die Altersvorsorge denkt, sollte an der Börse aktiv werden. Dafür bieten sich zum Beispiel Sparpläne an. 50 Euro pro Monat reichen schon. Wer ein Sparfuchs ist, investiert das Geld quartalsweise und spart so sogar noch Transaktionskosten, also Kaufgebühren. Wer dann etwas mehr Startkapital hat, kann das Aktien- und Fondsvermögen schrittweise erhöhen. Wie bereits gesagt: Aktien werfen langfristig rund 8 Prozent Gewinn pro Jahr ab. Das ist also nicht der schnelle Weg nach oben, aber Geduld und eine klare Strategie zahlen sich aus. Wer dagegen die Börse als Casino betrachtet und stets voll ins Risiko geht, wird sein Geld schnell verlieren. Wichtig sind also: etwas Startkapital, eine klare Strategie und ausreichend Zeit.

Gibt es eine Frage, die Sie sich selbst zum Thema hin und wieder stellen?

Ja, eine Frage lässt mich nicht mehr los: Gibt es ein funktionierendes Geldsystem? Jede ungedeckte Papierwährung verliert irgendwann das Vertrauen der Menschen und zerfällt dann. Umgekehrt bilden gedeckte Währungen, denken Sie an den Goldstandard, ein zu enges Korsett. Vielleicht muss man ganz offen eingestehen, dass es keine dauerhafte Lösung gibt. Das Thema Geld, Inflation und Kaufkraftverlust ist eine unendliche Geschichte.

Wird es eine Fortsetzung geben?

Wir lassen die Buch-Leser entscheiden. Wenn alle Leser wunschlos glücklich sind und uns keine Fragen zum Buch oder zum Thema Börse stellen, können wir dieses Kapitel schließen.

 

Dieser Artikel von Rolf Morrien erschien in der Zeitschrift “Diplomatisches Magazin” in der Ausgabe 12/13

Datum: 09. Dezember 2013

 

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