Rolf Morrien im Interview: Ein DAX unter 10.000 ist ein Geschenk

GeVestor-Redaktion: Herr Morrien, der DAX ist inzwischen schon deutlich unter die 10.000-Punkte-Marke gefallen. Ein großer Auslöser ist der China-Schock. Was sagen Sie zur aktuellen Lage?

Rolf Morrien: Die Antwort fällt zweigeteilt aus: Am chinesischen Aktienmarkt sind die Kursverluste angemessen, da Luft aus der gigantischen Spekulationsblase gelassen wird. Das ist ein Börsenproblem, kein Problem der chinesischen Wirtschaft. Aktienkurse und Wirtschaftsentwicklung hatten sich entkoppelt. In Deutschland halte ich DAX-Kurse unterhalb der 10.000-Punkte-Marke für ein Geschenk. Sie können erstklassige Unternehmen plötzlich mit 20% Rabatt kaufen. Daher meine Empfehlung: Chinesische Aktien weiterhin meiden, deutsche Dividenden-Titel günstig einsammeln. Spätestens im Frühjahr kommt der erste Zahltag.

GeVestor-Redaktion: Gehen wir zunächst auf den Krisenherd China ein. Warum beurteilen Sie die chinesischen Aktien so skeptisch?

Rolf Morrien: Wenn Sie sich einen Mehrjahres-Chart des CSI 300 anschauen, erkennen Sie, dass eine Korrektur überfällig war. Im Jahr 2014 pendelte der Index rund um die Marke von 2.000 Punkten. Dann haben Politik, Banken und Notenbank beschlossen, das Thema Aktien zu fördern. Es wurden sehr viele Anleger in den Markt getrieben. Woher das Geld kam, war den Verantwortlichen egal. Aktienkauf auf Kreditbasis war an der Tagesordnung. Die Folge dieser Politik: Innerhalb von Monaten schoss der chinesische Leitindex wie eine Rakete in den Himmel. Der CSI 300 sprang in kurzer Zeit von 2.000 auf deutlich über 5.000 Punkte. Und das, obwohl die chinesische Volkswirtschaft nur durchwachsene Daten lieferte. Irgendwann haben Politik und Banken dann erkannt, dass sie eine gigantische Blase erschaffen haben. Richtig wäre es gewesen, den Fuß langsam vom Gas zu nehmen und behutsam eine Wende einzuleiten. Stattdessen nahm die Politik den Fuß vom Gas und trat gleichzeitig mit voller Kraft auf die Bremse. Wenn Sie auf der Autobahn mit über 200 Sachen unterwegs sind und dann eine Vollbremsung einleiten, ist der Crash vorprogrammiert. Das gilt auch an der Börse. Der Index rauschte von über 5.000 auf 3.000 Punkte nach unten. Damit notiert der Index aber noch immer gut 1.000 Punkte über dem Niveau aus dem Jahr 2014.

GeVestor-Redaktion: Hat die chinesische Regierung aus den Fehlern gelernt?

Rolf Morrien: Leider nein. Fast täglich gelten neue Börsenregeln. Die Regierung schaut sich täglich die Kursentwicklung an und beschließt dann neue Maßnahmen. Wenn aber täglich die Börsenspielregeln geändert werden, dann kann kein Vertrauen entstehen. Investoren meiden die Börse oder wollen aussteigen, weil sie nicht wissen, welche glorreiche Idee die Regierung am nächsten Tag hat. So wurde heute als Reaktion auf den jüngsten Kurssturz beschlossen, dass Großaktionäre zukünftig nur alle 3 Monate maximal 1% der Anteile eines Unternehmens verkaufen dürfen. Zudem muss der Verkauf 15 Tage vorher angekündigt werden. Was wird wahrscheinlich passieren? Wahrscheinlich werden weitere Großaktionäre verkaufen, weil sie befürchten, dass die Regierung im nächsten Schritt ein vollständiges Verkaufs-Verbot verhängt. Dieser Aktionismus ist Gift für die Börse in China.

GeVestor-Redaktion: Die Regierung hat aber Regeln beschlossen, die für einen besseren Schutz der Anleger sorgen sollen. Was sagen Sie dazu?

Rolf Morrien: Auch hier gilt: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint! So gilt seit dem 1. Januar, dass es eine Handelsunterbrechung gibt, wenn der Leitindex 5% verliert und der Handel komplett eingestellt wird, wenn der Index 7% verliert. Damit sollen die Anleger geschützt werden. Aber was ist die Wirkung? Die Spekulanten, die auf fallende Kurse setzen, haben plötzlich eine konkrete Zielmarke. Sie wissen, sie müssen den Index nur um 5 bis 7% nach unten drücken und schon wird weltweit ein Börsenerdbeben ausgelöst. Wenn es diese neue 7%.-Regel nicht geben würde, hätte die Kursentwicklung in China weltweit für viel weniger Schlagzeilen gesorgt. Es ist ja kein Zufall, dass direkt am ersten Tag der neuen Regelung die 7%-Marke gerissen wurde und der Handel abgebrochen werden musste. Die Regierung hat die Spekulanten herzlich eingeladen, gegen den Index zu wetten. Und das Börsenbeben, das in China ausgelöst wurde, hat weltweit die Kurse nach unten gedrückt. Dabei gibt es keine Verbindung zwischen der chinesischen Börse und den Unternehmen in den USA oder Deutschland. Wenn eine Bayer-Aktie 10% verliert, weil in China die Aktienkurse einbrechen, ist das einfach nur absurd und ein Zeichen für ein krankes System.

GeVestor-Redaktion: Sie halten also die chinesische Börse für krank und die chinesische Wirtschaft für kerngesund?

Rolf Morrien: Nein, nur der erste Teil Ihrer Frage ist korrekt. Ich halte die Entwicklung an der chinesischen Börse für krank. Die chinesische Wirtschaft ist nicht kerngesund, aber auch kein Fall für die Notaufnahme. Das vom Staat angepeilte Wachstum kann aktuell nicht erreicht werden. Das ist nicht schön, aber kein Beinbruch. Unternehmen aus den zyklischen Branchen Chemie, Automobil, Maschinenbau und Anlagenbau müssen zur Zeit in China etwas kleinere Brötchen backen. Wobei Spezialisten durchaus noch sehr gute Geschäfte machen können. Anders sieht es in Branchen wie Konsum oder Tourismus aus. Da laufen die Geschäfte weiterhin prächtig. Adidas hat Anfang der Woche neue Verkaufsrekorde in China gemeldet. Die kaufkräftige Mittelschicht in China wird immer größer. China erlebt in diesen Jahren das, was jede etwas reifere Volkswirtschaft durchmacht: Die Entwicklung hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Die industrielle Basis wurde weitgehend aufgebaut, jetzt geht der Trend Richtung Konsum und Dienstleistungen. Die chinesische Wirtschaft wandelt sich.

GeVestor-Redaktion: Welche Folgen hat das für die deutsche Exportwirtschaft?

Rolf Morrien: Die Wachstumsraten werden kleiner. Das darf aber nicht dramatisiert werden. Da die Ausgangsbasis steigt, bedeuten auch optisch kleinere Wachstumsraten, volumenmäßig hohe Steigerungen. In Euro oder Dollar umgerechnet werden die Verkaufserlöse in China weiter dynamisch steigen. Nur in Prozent umgerechnet werden die Zahlen immer kleiner. Wobei selbstverständlich auch in China gilt: Es gibt Konjunkturschwankungen. So wird sich die Anzahl der PKW sicherlich noch einmal verdoppeln, das bedeutet aber nicht, dass VW, BMW, Daimler und Audi nicht auch Umsatzrückgänge in einzelnen Jahren verkraften müssen. Der Trend geht weiter nach oben, aber unter starken Schwankungen. Die deutsche Industrie hat aber das Glück des Tüchtigen. Genau jetzt läuft die Binnenkonjunktur besser und gleicht Schwankungen im Exportgeschäft aus.

GeVestor-Reaktion: Warum legt die Binnenkonjunktur genau jetzt zu?

Rolf Morrien: Das kann fast jeder Bundesbürger im eigenen Geldbeutel sehen: Es gibt mehr Jobs, die Gehälter steigen, die Renten steigen seit langer Zeit mal wieder und die Inflationsrate ist niedrig. Die niedrigen Benzin- und Ölpreise sorgen dafür, dass die Konsumenten mehr Geld für andere Dinge ausgeben können. Das Statistische Bundesamt hat heute veröffentlicht, dass die Umsatzsteigerungen im deutschen Einzelhandel 2015 so hoch waren, wie seit über 20 Jahren nicht mehr. Ein Umsatzplus von rund 3% ist für deutsche Verhältnisse sehr bemerkenswert. Diesen Effekt spürt auch die deutsche Industrie. Zuletzt stiegen die Bestellungen aus dem Inland um 2,6%. Die Bestellungen aus dem Ausland legten nur um 0,6% zu. Das zeigt: Die Binnenkonjunktur springt in Deutschland an.

GeVestor-Reaktion: Wie lautet Ihr Fazit?

Rolf Morrien: Ich kann mich nur wiederholen: Meiden Sie in den kommenden Wochen chinesische Aktien und sammeln Sie günstige deutsche Dividenden-Titel ein. Im Jahr 2016 könnte es den nächsten Dividenden-Rekord in Deutschland geben. Diese Zahltage sollten Sie sich nicht entgehen lassen.

GeVestor-Redaktion: Herr Morrien, vielen Dank für das Gespräch.

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