Die Gewinner und Verlierer des niedrigen Ölpreises

Der Barrel Öl (= 159 Liter) ist so günstig wie seit rund 5 Jahren nicht mehr. Welche Folgen hat dies für die Wirtschaft und welche Chancen ergeben sich daraus für Sie? – darüber schreibt GeVestor-Experte Rolf Morrien in der aktuellen Ausgabe des Diplomatischen Magazins.

Die Überraschung des Börsenjahres 2014 ist der Preissturz am Öl-Markt. Der Preis für ein Barrel Öl der Sorte Brent ist von gut 110 auf 70 US-Dollar gesunken. Damit ist ein Barrel Öl (= 159 Liter) so günstig wie seit rund 5 Jahren nicht mehr. Das hat enorme Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben. Die größten Profiteure sind die Fluggesellschaften, denn der Treibstoff ihrer Flugzeuge macht rund ein Drittel ihrer Betriebskosten aus. Aber auch die Logistik-Konzerne und die Schifffahrt profitieren enorm vom günstigen Öl. Einen Schub dürften auch die Pharma-, die Chemie- und die Automobilindustrie erhalten. Die Pharma- und die Chemieunternehmen können dadurch günstiger produzieren und z. B. Automobile – vor allem die Modelle mit größerer Motorisierung und entsprechend größerem Verbrauch – sind durch die günstigeren Spritpreise wieder gefragter.

Die US-Investmentbank Goldman Sachs rechnet in einer Studie vor, dass die Unternehmensgewinne theoretisch – wenn der Ölpreis um rund 20 Prozent fällt – um 2 Prozent steigen müssten. In den vergangenen Monaten ist der Öl-Preis sogar um über 30 Prozent eingebrochen. Das bedeutet: Schon bald dürften sich in den Unternehmenszahlen erste positive Folgen zeigen.

Zudem kurbelt das billige Öl den privaten Konsum an. Denn eine alte Faustregel für den US-Markt besagt: Wenn die Treibstoffkosten um 1 Cent sinken, bedeutet dies 1 Milliarde US-Dollar mehr an frei verfügbarem Einkommen in den USA. Daher könnte der Ölpreisrutsch, wenn er sich über einen längeren Zeitraum entfalten kann, wie ein riesiges Konjunkturprogramm wirken. Laurence Fink, der Chef des weltweit größten Vermögensverwalters Blackrock, sagte im US-Wirtschaftskanal CNBC: „Das ist wie eine riesige Steuersenkung für die ganze Welt“.

Der Preissturz beim Öl kennt aber auch Verlierer. Die großen Verlierer sind die Staaten, die von Öl-Exporten abhängig sind. Hier ist vor allem Russland zu nennen. Die US Bank Morgan Stanley hat errechnet, dass ein Rückgang des Ölpreises um 10 Prozent für Russland zu rund 32 Milliarden US-Dollar weniger Exporteinnahmen führt. Das deckt sich mit Angaben aus Russland. Im November veröffentlichte das Finanzministerium eine erste Schätzung, die besagt, dass Russland durch den Preissturz beim Öl rund 100 Milliarden US-Dollar verlieren wird. Das ist eine dramatische Entwicklung, da Russland mit seinen Ölund Gasverkäufen den halben Haushalt finanziert und von dieser Einnahmequelle abhängig ist. Da Russland der größte Verlierer ist, hält sich am Markt auch das Gerücht, dass der Ölpreis bewusst nach unten getrieben wurde, um den Druck auf Russland zu erhöhen. Russland soll gezwungen werden, in der Ukraine-Krise eine friedliche Verhandlungslösung anzustreben.

Es gibt aber auch noch einen anderen Erklärungsansatz: Einige Rohstoffexperten gehen davon aus, dass die OPEC unter Führung von Saudi-Arabien bewusst einen Preis- und Mengenkampf betreibt, um die aufstrebende Öl-Branche in den USA zu treffen. Dank der Fracking-Technologie erleben die USA einen Öl- und Gasförderboom. Wenn jetzt der Öl- Preis längere Zeit unter 80 oder 100 US-Dollar gedrückt wird, lohnen sich viele neue Öl-Projekte in den USA nicht mehr.

Beide Szenarien – Druck auf Russland, Druck auf amerikanische Öl-Branche – sehen keinen dauerhaft niedrigen Öl-Preis vor. Daher müssen wir uns darauf einstellen, dass der Öl-Preis mittelfristig wieder Richtung 100 US-Dollar je Barrel steigt. Kurzfristig zählen Aktionäre und Autofahrer zu den Gewinnern. Wenn Sie Aktien von Unternehmen halten, die vom geringen Ölpreis profitieren, können Sie sich 2015 über steigende Gewinne freuen. An der Tankstelle und beim Kauf von Heizöl profitieren Sie schon heute.

Dieser Artikel von Rolf Morrien erschien in der Zeitschrift “Diplomatisches Magazin” in der Ausgabe 1/15

Datum: 2. Januar 2015

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