Ölpreis: Als Krisenindikator aktuell nicht geeignet

Rolf Morrien ist nicht nur als Experte für GeVestor gefragt, sondern schreibt nebenbei regelmäßig für andere Publikationen. Im Diplomatishen Magazin beschäftigt er sich in diesem Monat mit dem Ölpreis als Krisenindikator.

An den Aktienmärkten zeigt sich im Börsensommer 2014 folgendes Bild: Gibt es positive Meldungen aus Russland bzw. der Ukraine, steigen die Kurse, gibt es negative Meldungen, sacken die Kurse nach unten. Die Aktienkurse schwanken sehr stark. Relativ stabil entwickelt sich dagegen der Ölpreis. Bemerkenswert ist dies nicht nur wegen der Krise in der Ukraine, sondern auch aufgrund der Konflikte im Irak und im Nahen Osten.

So greift die radikalislamische Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) nach der Macht im Irak und Syrien und würde am liebsten die gesamte arabische Welt von ihren radikalen Ansichten „überzeugen“. Und dies ist nur ein Beispiel aus einer ganzen Reihe von Konflikten, die den Ölpreis potenziell in die Höhe schrauben könnten.

Vor diesem Hintergrund scheint der Ölpreis seinen Charakter als Krisenindikator verloren zu haben. Dabei hätten die derzeitigen Krisen den Ölpreis noch vor wenigen Jahren in die Höhe getrieben. Doch was macht der Ölpreis im Jahr 2014 stattdessen? Er liegt derzeit in Regionen, die weit von früheren Rekordständen entfernt sind. Genauer gesagt liegt der Preis für die Nordsee-Ölsorte Brent Crude weit unter seinem Allzeithoch von knapp unter 150 US-Dollar je Barrel aus dem Jahr 2008. Im Juni 2014 war der Ölpreis zwar kurz auf rund 115 US-Dollar geklettert, ist dann aber zuletzt auf 100 US-Dollar gesunken. Als Krisenindikator kann der Ölpreis daher in diesen Tagen nicht mehr gesehen werden.

Nach der Feststellung, dass der Ölpreis als Krisenindikator (zumindest vorerst) ausgedient hat, kommen wir jetzt zu den Ursachen für diesen Statusverlust. Es gibt gleich mehrere Gründe, warum der Ölpreis aktuell nicht als Krisenindikator funktioniert. Einer ist darin zu sehen, dass sich die Marktteilnehmer angesichts der Vielzahl von Krisen in den vergangenen Jahren mittlerweile nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen lassen, wie es vorher der Fall war, da sie mittlerweile die Gefahren für die Ölversorgung realistischer sehen.

Hinzu kommt, dass der Markt derzeit mit dem fossilen Energieträger Öl sehr gut versorgt ist. Die Förderung außerhalb der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Vor allem die USA bauen ihre Produktion aus unkonventionellen Quellen stark und kontinuierlich aus. So ist die Förderung außerhalb der OPEC von 1999 bis 2013 von 22 Millionen Barrel pro Tag auf 29,5 Millionen Barrel pro Tag gestiegen. Damit hat sich der Anteil der Förderung aus den tatsächlichen oder potenziellen Krisenländern, die zumeist der OPEC angehören, in den vergangenen Jahren deutlich reduziert.

Hinzu kommen massive Überkapazitäten: Das Angebot übertrifft aktuell sehr deutlich die Nachfrage. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur IEA betrug das Überangebot im 2. Quartal 2014 immerhin 900.000 Barrel pro Tag.

Dass der Ölpreis derzeit nicht als Krisenindikator dient, zeigt die Preisentwicklung im laufenden Jahr. Doch wird das auch in naher Zukunft so bleiben? Nach meiner Einschätzung lautet die Antwort zumindest auf kurzfristige Sicht „ja“. Denn die genannten Gründe dafür, dass der Ölpreis derzeit nicht mehr als Krisenindikator dient, lösen sich nicht einfach in Luft auf. Sie als Anleger sollten sich also darauf einstellen, dass der Ölpreis als Krisenindikator vorerst ausgedient hat.

Das kann sich aber wieder ändern, wenn Russland den Westen von seinen Öl- und Gaslieferungen abschneidet (ein eher unwahrscheinliches Szenario) oder der neue Öl- und Gas-Boom in den USA vorbei ist und die weltweit größte Volkswirtschaft wieder verstärkt auf Öl-Importe angewiesen ist. Dann werden die Karten am Ölmarkt neu gemischt.

Dieser Artikel von Rolf Morrien erschien in der Zeitschrift “Diplomatisches Magazin” in der Ausgabe 10/14
Datum: 6. Oktober 2014

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