Aktienmärkte sterben in Euphorie

Noch ist das Ereignis auf dem Chart kaum zu sehen. Nichtsdestotrotz ist es real:

Der Nasdaq Composite hat am vergangenen Donnerstag erstmals über der vor 15 Jahren aufgestellten Bestmarke geschlossen. Falls Sie seinerzeit schon in Aktien investiert haben, dann werden Sie sich erinnern:

Am 10. März des Jahres 2000 erklomm das Barometer für die amerikanischen Technologieaktien die Marke von 5.132,52 Punkten. Damals ahnten nur wenige Marktteilnehmer, dass dieser Rekordwert für anderthalb Dekaden das „Ende der Fahnenstange“ bedeuten würde.

Auch dürften nur wenige Investoren vorausgesehen haben, welche Dramatik sich in den darauffolgenden 31 Monaten am Aktienmarkt im Allgemeinen und bei den Technologiewerten im Besonderen abspielen würde.

Zum Vergleich: Der Dow Jones Industrial Average verlor zwischen Januar 2000 und September 2002 (Hoch und Tief) -31,3%. Der Nasdaq Composite hingegen brach um -78,4% auf nur 1.108,49 Zähler ein!

Der nachfolgende Monats-Chart dokumentiert, was sich damals im Technologieindex abgespielt hat:

nasdaq composite seit 1989 -22-06-2015

Neues Allzeithoch = Aufbruch in neue Kursdimensionen?

Kurstreiber Internet

Vom Tief im Oktober 1990 bei 325 Punkten, war der Nasdaq Composite innerhalb von 8 Jahren bis auf 2.028 angestiegen. Was der Index hier geleistet hatte, war schon reichlich beeindruckend. Doch was dann folgte, war eine regelrechte Kaufpanik:

Nach dem Rücksetzer bis in den Oktober 1998 startete das Technologiebarometer von 1.343 Punkten aus eine schier unglaubliche Rallye. In gerade einmal 17 Monaten legte der Index (!) satte +182% zu! Was war geschehen?

Der Computer hatte in den 1990er-Jahren seinen Siegeszug begonnen und die wachsende Popularität des noch neuen Mediums Internet ließ die Kurse wie im Goldrausch ansteigen.

Die Perspektive der Anleger veränderte sich ebenfalls. Plötzlich zählten die Unternehmensgewinne nichts mehr – Kursgewinne wurden dort maximiert, wo Gesellschaften den größtmöglichen Umsatz aufgrund ihrer Internet-Geschäfte versprachen.

Die Aktie mutierte in diesen 17 Monaten vom Investment zu einem Vehikel, mit dem in kürzester Zeit Gewinne generiert wurden und das schnellen Reichtum versprach.

Der gelbe Kreis macht deutlich: Der Aktienmarkt schaltete in jenen Tagen vom Rallye- in den Euphorie-Modus. Sie können dies sehr plastisch an den grünen Trend-Linien und dem violetten Bogen ablesen. Und damit sind wir beim Kern meines heutigen Beitrages:

Aktienmärkte sterben in Euphorie, nicht im Schwanengesang

Crash-Propheten feierten in den vergangenen Wochen wieder mal fröhliche Urständ. Doch eine Entwicklung wie von 2000 bis 2002 sehe ich derzeit ganz und gar nicht.

Denn wenn Sie den Aktienmarkt aus der historischen Perspektive betrachten, dann wird schnell klar: Trotz der feinen Zuwächse der vergangenen Jahre sind wir noch weit von einer Euphorie der Marktteilnehmer wie in den End-Neunzigern und damit von einem Ende des Aufwärtstrends entfernt.

Gewiss: Noch ist es zu früh, beim US-Technologiebarometer nach einem marginal höheren Top nun bereits den Aufbruch in neue Kursdimensionen auszurufen, wie wir dies seit dem Frühjahr 2013 beim Dow Jones und beim DAX 30 erleben.

Doch immerhin ist das neue 15-Jahres- und zugleich Allzeithoch ein ernst zu nehmendes Signal. Und wer weiß: Vielleicht wird eine neuerliche Euphorie-Welle von einer bis dato noch unbekannten „Killer-Applikation“ ausgelöst, wie es in den 1990ern das Internet darstellte.

22. Juni 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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