Amalphi AG: Aktionäre sind die Verlierer

Die Serie der Gewinnmitnahmen geht weiter.

Da kurz vor der Osterpause kaum noch frisches Geld investiert wird, lösen selbst kleine Verkäufe große Verluste aus.

So ist der DAX heute um fast 3% auf knapp unter 6.800 Punkte gesunken.

Konkrete Nachrichten gab es dazu nicht. In den USA wechselten sich heute positive und negative Konjunkturdaten ab. Der US-Markt liegt aktuell auch nur gut 1% im Minus.

Einige Händler verweisen auf fehlende Geldspritzen der US-Notenbank FED und auf neue Sorgen über die Entwicklung im Euro-Land Spanien.

Wenn es aber tatsächlich um die Schuldenkrise und um die Zukunft des Euro gehen würde, müssten die Edelmetall-Preise steigen. Die sind aber heute parallel zu den Aktienkursen gefallen. Das spricht ebenfalls für Gewinnmitnahmen.

Bank-Meldung des Jahres

Ein DAX-Verlust von fast 3% ist hart, aber die (zum Glück nur wenigen) Aktionäre der Amalphi AG hätten sich heute über einen solchen Verlust gefreut. Tatsächlich verlor die Amalphi-Aktie über 20%.

Ich muss gestehen, dass ich das deutsche IT-Unternehmen bis heute nicht kannte. Unternehmen mit einem Jahresumsatz von unter 5 Mio. Euro trage ich nicht in meine Datenbank ein.

Wenn nicht eine gewisse Mindestgröße erreicht wird, ist eine fundamentale Analyse schwierig bis unmöglich. Ein einzelner Großauftrag kann plötzlich für extreme Umsatz- und Gewinnschwankungen sorgen.

Trotz der fehlenden Größe habe ich mir die Daten des Unternehmens heute etwas genauer angesehen. Auslöser war eine Meldung der BankM. Die Kurzanalyse mit Datum vom 4. April ist bisher die ungewöhnlichste Bank-Meldung des Jahres.

Börsen-Flop nach Börsengang

Es geht wieder einmal um das Thema Börsengang (IPO). Gestern habe ich hier im Schlussgong die Frage aufgeworfen, ob das amerikanische Internet-Unternehmen Groupon beim Börsengang Ende 2011 die nötige Börsenreife hatte. Die Antwort lautete: Nein.

Die Fehler, die Groupon gemacht hat, sind aber im Vergleich zum Fall Amalphi winzig klein. Der deutsche IT-Dienstleister Amalphi ist erst seit 2011 an der Börse notiert. Die oben genannte BankM hat das Unternehmen im August an die Börse gebracht (und damit sicherlich sehr gutes Geld verdient).

In einer Bank-Studie vom 16. August 2011 lauteten die Überschriften: „Hidden Champion im Markt für IT Wartungskonzepte“, „Innovatives, am Markt einzigartiges Geschäftsmodell“, „Alleiniger Anbieter in Deutschland“, „Breite Kundenbasis – Keine Abhängigkeit von Großkunden“ und „Expansion im Vertrieb sorgt für erheblichen Umsatzschub“.

In der aktuellen Bank-Studie vom 4. April 2012 lauten die Überschriften etwas anders: „Amalphi stellt Geschäftsmodell in Frage“, „Unternehmensgründer und Leadership Team verloren“, „Ein Großkunde mit einem Vorjahresumsatz von rund 2,5 Mio. Euro bricht weg“ und „Empfehlung zum Verkauf“.

Bank-Analyst ist auf Versprechungen reingefallen

Wie die Überschriften bereits andeuten: Die Gründer sind innerhalb weniger Monate verschwunden, der Umsatz ist im Boomjahr 2011 eingebrochen und das Ergebnis ist in den Verlust-Bereich abgerutscht.

Neu ist, dass der Bank-Analyst von dieser Entwicklung überrascht wurde und das auch ganz offen zugibt. Wörtlich heißt es in der Einleitung der Kurz-Analyse: „Sowohl Investoren als auch uns trifft das Ergebnis im vorliegenden Jahresbericht des Börsenneulings überraschend.

War das Management der Gesellschaft zum Börsendebüt Mitte des letzten Jahres noch von einem überlegenen Geschäftsmodell ausgegangen, welches in ein überdurchschnittliches Wachstum gemünzt werden sollte, so stellt die heutige Geschäftsleitung das Geschäftsmodell zumindest teilweise in Frage.“

Der Analyst nennt anschließend die 3 größten negativen Überraschungen. Ein Punkt löst auch bei mir spontan einen Anfall von Übelkeit aus: Innerhalb von nur 6 Monaten (!) verließen die 3 Unternehmens-Macher die börsennotierte AG. Die Käufer der Amalphi-Aktien wurden einfach im Stich gelassen. Und das in Rekordzeit.

Der Bank-Analyst beschreibt das noch etwas höflicher: „Das derzeitige (neue) Management hat aus unserer Sicht eine schwere Hypothek von den Gründern übernommen.

Es hätte im Verantwortungsbereich des ursprünglichen Managements gelegen, den zum Börsendebüt mit Euphorie aufgezeigten und vertretenen Geschäftsplan umzusetzen.“

Gebühren kassiert, Schätzungen übernommen

Zwischen den Zeilen wird klar sichtbar, was der Bank-Analyst denkt: Bank und Neu-Aktionäre wurden vom alten Management-Team reingelegt. Die in der Studie beschriebene Entwicklung ist in der Tat einmalig dreist, wenn sie so richtig beschrieben wurde.

Allerdings muss auch der Analyst zugeben, dass er blind den Versprechungen der ehemaligen Manager geglaubt hat. Wenn ein Analyst ein Kursziel von 18,25 Euro nennt, der Gewinn je Aktie jedoch bis einschließlich 2013 nur auf 0,86 Euro steigen soll, muss schon extrem viel Wachstum eingepreist werden.

Wie oben beschrieben: Wenn ein Unternehmen nur 5 Mio. Euro Umsatz erzielt, muss man auch Risiken einkalkulieren. Jeder Kundenabsprung tut dann richtig weh.

Der Vorwurf muss daher lauten: Die Bank hat eifrig Gebühren von Amalphi kassiert und im Gegenzug den Planzahlen der ehemaligen Manager blind vertraut. Beide Seiten haben finanziell profitiert. Verloren haben aber die Anleger, die beim Börsengang die Aktien erworben haben und jetzt auf hohen Kursverlusten sitzen.

4. April 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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