Amazon, Argentinien & Co.: Anleihemarkt im Blickpunkt

Erfahren Sie in diesem Beitrag, wie und warum sich Argentinien für 100 Jahre Geld leiht, Details zur jüngsten Amazon-Anleihe und mehr: (Foto: Jonathan Weiss / shutterstock.com)

An dieser Stelle habe ich für Sie in den zurückliegenden Tagen zahlreiche Halbjahres-Zahlen börsennotierter Unternehmen unter die Lupe genommen.

Nun möchte ich mich in diesem Beitrag einem Markt widmen, den oft nur Börsen-Insider auf dem Radar haben: dem Anleihemarkt.

Vielleicht haben Sie es mitbekommen: Der Internet-Handels-Gigant Amazon hat dieser Tage mit einer riesigen Anleihe-Emission insges. 16 Mrd. US-Dollar eingenommen.

Amazon mit der viertgrößten Anleihe-Emission 2017 in Dollar

Es handelt sich dabei um die viertgrößte Anleihe-Emission in US-Dollar in diesem Jahr.

Das Interesse der Anleger an der Zeichnung der Amazon-Anleihen war trotz des Sommerlochs sehr groß:

Das Orderbuch erreichte rund 47 Mrd. US-Dollar. Damit hätte Amazon deutlich mehr Geld mit den neuen Anleihen einsammeln können als tatsächlich geschehen.

Amazon bediente fast das gesamte Laufzeit-Spektrum; angefangen bei 3 Jahren bis hin zu 40 Jahren Laufzeit.

Und der Online-Handels-Riese konnte sehr gute Konditionen herausschlagen:

Für die Laufzeit von 3 Jahren zahlt Amazon knapp unter 2% Zinsen, für das 40-jährige Papier rund 4,3% Zinsen.

Eine interessante Beobachtung: Die kürzeste Laufzeit von 3 Jahren war kaum gefragt.

Am meisten wurden die Papiere mit einer Laufzeit von 10 Jahren nachgefragt, gefolgt von der 7-jährigen Anleihe und den Papieren mit 40 Jahren Laufzeit.

Längere Laufzeiten in Kombination mit höheren Zinsen sind im aktuellen Niedrig-Zins-Umfeld besonders gefragt.

Für die Anleihen mit einer Laufzeit von 40 Jahren, die für ein Tech-Unternehmen ungewöhnlich lang ist, sollen sich v. a. Pensionsfonds interessiert haben.

Insges. kamen für diese Laufzeit Orders mit einem Volumen von 6 Mrd. US-Dollar rein.

Die bis dato 3 größten Dollar-Anleihen in diesem Jahr

Wie bereits erwähnt, handelte es sich bei der jüngsten Anleihe-Emission von Amazon um die viertgrößte in Dollar notierte Emission in diesem Jahr.

Auf den ersten 3 Plätzen liegen:

  1. der Telekom-Konzern AT&T mit 22,5 Mrd. US-Dollar,
  2. British American Tobacco (Tabakwaren) mit 17,3 Mrd. US-Dollar
  3. und Microsoft mit 17 Mrd. US-Dollar.

Die Investoren sind ganz heiß auf diese Papiere:

Während bei Amazon das Orderbuch 47 Mrd. US-Dollar verbuchte, waren es bei der Anleihe-Emission von AT&T sogar 55 Mrd. US-Dollar.

Argentinien leiht sich Geld für 100 Jahre

Das südamerikanische Land Argentinien hat sich kürzlich sogar für 100 Jahre Geld geliehen und zahlt dafür einen Zins von 7,92%.

Zunächst war ein Anleihe-Volumen von 2 Mrd. US-Dollar bei einem Zinskupon von 8,25% im Gespräch.

Die große Nachfrage nach diesen Anleihen bewog die argentinische Regierung jedoch dazu das Volumen zu erhöhen.

Das wiederum ermöglichte eine Reduzierung des Zinses auf die bereits erwähnten 7,92%.

Nach Angaben der argentinischen Regierung reichten Investoren Gebote für 9,75 Mrd. US-Dollar ein. Das verdeutlicht die große Nachfrage nach Papieren mit vergleichsweise hohen Zinsen.

Besonders sicher sind diese Papiere jedoch nicht; Besitzer von Argentinien-Anleihen mussten in der Vergangenheit z. T. schwer bluten und auf Rückzahlungen verzichten.

Die abschreckende Wirkung ist jedoch verpufft.

Anleihemarkt gefährlicher als Aktienmarkt

Die aktuellen Beispiele vom Anleihemarkt zeigen Ihnen 2 Dinge:

  1. Es muss weltweit extrem viel Geld angelegt werden.
  2. Angesichts der Niedrig-Zins-Politik gehen Anleihe-Investoren teilweise auf verrückte Deals ein. Wer leiht Argentinien – angesichts der unrühmlichen Vergangenheit als Schuldner – für 100 Jahre Geld?!

Fazit

Am Aktienmarkt gibt es nur noch wenige „Schnäppchen“, aber bewertungstechnisch keine Blase.

Am viel größeren Anleihemarkt spielen sich dagegen verrückte Dinge ab: Dort können wir gar von einer gefährlichen Blase sprechen.

Achten Sie am Zinsmarkt auf vernünftige Laufzeiten und solide Bilanzen! Die Anleihen mit den höchsten Renditen sind dagegen oft tickende Zeitbomben…

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Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.