Analyse der Ölgiganten: Gazprom, Lukoil, Chevron und Occidential

Gazprom hat für das 1. Quartal sensationelle Zahlen vorgelegt. Die Gasverkäufe stiegen um 11% auf 178,3 Mrd m³, der Umsatz um 38% und der Gewinn um 43,5%.

Besonders gut lief das Europageschäft mit einem Umsatzzuwachs von 39%. Hier hatte der lange Winter die Nachfrage angekurbelt.

Zudem zogen die Gaspreise um 14% an. Der Absatz auf dem Heimatmarkt lag dagegen auf Vorjahresniveau.

Die Zahlen offenbaren aber auch einige Schwächen. Die operativen Kosten stiegen um 33% und der freie Cashflow fiel negativ aus. Denn während die Sachinvestitionen um 81% auf 397,4 Mrd RUB hochschnellten, sank der operative Cashflow um 19% auf 390,4 Mrd RUB.

Gazprom ist bekannt dafür, den Cashflow für Investitionen zu nutzen, vor der Wirtschaftlichkeit der Projekte stehen aber oftmals Fragezeichen. Für das Gesamtjahr ist das Management aber optimistisch und will das Ergebnis vor Abschreibungen um ein Drittel auf 1.800 Mrd RUB steigern. Daraus errechnet sich ein Nettogewinn von etwa 1.150 Mrd RUB.

Die langfristigen Aussichten sind gut. Gazprom dürfte von der Energiewende in der EU profitieren. Denn der billige Atomstrom muss durch Strom aus anderen Quellen ersetzt werden. Insofern darf der Konzern mit höheren Gaslieferungen nach Europa rechnen.

Zudem bemüht sich Gazprom über Kooperationen und Zukäufe um den Einstieg in die europäische Stromproduktion und den Stromvertrieb. Konzerne wie RWE oder EnBW könnten den Markteintritt der Russen erleichtern, indem sie aus der Not heraus Teile ihres Kraftwerkparks oder des Stromnetzes verkaufen. Timing angesichts der niedrigen Bewertung weiterhin 5 Sterne.

Auch Lukoil überzeugt

Der Umsatz stieg um 30% und der Gewinn um 69%. Die hohen realisierten Ölpreise halfen, die gesunkene Ölförderung zu kompensieren. Diese ging um 4,4% auf täglich 2,16 Mio Barrel zurück. Dagegen stieg der Preis für Ural-Öl, dem wichtigsten Exportgut des Konzerns, um 48% auf 113,73 $ pro Barrel.

Die Produktionskosten verteuerten sich dagegen nur um 17,4% auf 4,72 $ pro Barrel. Eine verbesserte Effizienz und strikte Kostenkontrolle führten zu einem hohen freien Cashflow. Denn während die Investitionen um 14,4% auf 3,57 Mrd $ erhöht wurden, legte der operative Cashflow um 32% auf 8,29 Mrd $ zu.

Zusammen mit seinen Partnern Statoil und der irakischen Southoil forciert Lukoil jetzt die Erschließung der Ölfelder West Qurna 2 im Irak. Die Vorkommen sind äußerst ergiebig. Spätestens ab 2013 sollen dort 150.000 Barrel am Tag gefördert werden und nach Abschluss der kompletten Erschließung 1,8 Mio Barrel täglich.

Daneben wird die Gasförderung in Usbekistan ausgeweitet. Hauptabnehmer ist China. Vielversprechend sind daneben die vor kurzem erworbene Beteiligung an einem Offshore-Projekt in Vietnam sowie die Vorkommen im Kaspischen Meer. Bis 2017 will Lukoil den Anteil der Auslandsprojekte an der Gesamtfördermenge von derzeit 10 auf 40% vervierfachen.

Angesichts seiner soliden Bilanz kann sich Lukoil die notwendigen Investitionen auch leisten. Der Cashbestand hat sich seit Jahresbeginn auf 4,25 Mrd $ erhöht, die Nettoschulden sind dagegen um gut ein Viertel auf 6,58 Mrd $ gesunken. Wir belassen das Timing aufgrund der attraktiven Bewertung bei 4 Sternen.

Chevron profitiert vom kräftigen Ölpreisanstieg und höheren Raffineriemargen

Allerdings kam es zu einem leichten Produktionsrückgang um 1,3% auf 2,73 Mio Barrel Öläquivalente pro Tag. Denn der Konzern hat ähnlich wie die Rivalen Probleme mit dem Ersatz bereits ausgeschöpfter Ölfelder durch neue Projekte. Hinzu kamen Produktionsausfälle wegen Wartungsarbeiten. Dennoch stieg der Umsatz um 28% und der Gewinn um 40%. Im 2. Quartal fielen die Wachstumsraten noch höher aus. In diesem Zeitraum realisierte Chevron einen Ölpreis von 104 $ pro Barrel, verglichen mit 71 $ im Vorjahr.

Mit seinem Raffineriegeschäft ist Chevron vor allem in Asien stark vertreten und profitiert dort vom anhaltend hohen Wirtschaftswachstum. Daneben sollten die Flüssiggas-Vorkommen in Australien langfristig für ein hohes Produktionswachstum sorgen. Kurzfristig erwarten wir aber nur moderate Zuwächse.

Chevron selbst will zwischen 2011 und 2014 die Öl- und Gasproduktion jährlich um 1% erhöhen und danach um 4 bis 5%. Die Aktivitäten zur Steigerung der Ölförderung konzentrieren sich auf Projekte im Golf von Mexiko, in Kalifornien, Kasachstan und in Bulgarien.

Sein Gasgeschäft hat der Konzern zuletzt in den USA durch den Erwerb von Ländereien mit Schiefergasvorkommen ausgebaut. Zudem wird Chevron gemeinsam mit der staatlichen Vietnam Oil & Gas ein Joint Venture gründen. Es geht um den Bau einer 400 km langen Gaspipeline und dreier Gaskraftwerke.

Von der gesamten Investitionssumme von 7 Mrd $ übernimmt Chevron 2 Mrd $. Chevron hat kaum Schulden und ist günstig bewertet. Timing weiterhin 5 Sterne.

Auch Occidential überzeugt

OXY hat im 1. Halbjahr sehr gut verdient. Bei einem Umsatzwachstum von 29% stieg der Gewinn um mehr als die Hälfte. Die tägliche Öl- und Gasproduktion wuchs um 3,1% auf 723.000 Barrel. Wachstumstreiber waren die Ölquellen im Mittleren Osten sowie die akquisitionsbedingt höhere Gasproduktion in Texas. Aber auch in der Chemie-Sparte konnte OXY das operative Ergebnis dank hoher Exporte auf 472 Mio $ mehr als verdreifachen. Hervorragend entwickelte sich daneben das Pipeline-Geschäft.

Angesichts des jüngsten Ölpreisrückgangs aufgrund der weltweiten Konjunkturabschwächung erwarten wir im 2. Halbjahr eine leichte Wachstumsverlangsamung. Dennoch haben wir unsere Umsatz- und Gewinnschätzung für das Gesamtjahr angehoben.

Im kommenden Jahr sollte sich das profitable Wachstum fortsetzen, zumal dann die Zukäufe der letzten 12 Monate höhere Beiträge liefern werden. Aber nicht nur die operative Entwicklung überzeugt, sondern auch die Bilanz. Die langfristigen Schulden wurden seit Jahresbeginn von 5,1 auf 3,75 Mrd $ abgebaut. Entsprechend hat sich der Verschuldungsgrad weiter verringert.

Die finanzielle Stärke kommt auch in einer Cashflow-Marge von nahezu 50% zum Ausdruck, der höchsten der hier besprochenen Ölkonzerne. Vor diesem Hintergrund bereitet die Finanzierung des für dieses Jahr geplanten 6,1 Mrd $ schweren Investitionsprogramms keine Probleme.

Die im Branchenvergleich immer noch stolze Bewertung relativiert sich aufgrund des hohen profitablen Wachstums. Wir erhöhen das Timing auf 4 Sterne. Aktienrückkäufe oder eine höhere Dividendenausschüttung würden noch mehr Anleger anlocken.

3. November 2011

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Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und Strategisches Investieren.

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