AstraZeneca: Vom Hoffnungsträger zum Problemfall

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Im Streit zwischen EU und AstraZeneca wird der Tonfall schärfer: Der solidarische Schulterschluss wird zur offenen Machtprobe. (Foto: Roland Magnusson / shutterstock.com)

In Brüssel war man zunächst verdutzt, dann verärgert und inzwischen zunehmend ungehalten: AstraZeneca, der britisch-schwedische Pharmakonzern, der in der Europäischen Union kurz vor einer Zulassung seines Impfstoffs gegen Covid-19 steht, will plötzlich nicht mehr liefern.

Jedenfalls nicht so viel wie zugesagt, zumindest nicht an die EU. Großbritannien, Israel und andere Länder sollen von den angeblichen Produktionsengpässen nicht betroffen sein. Das wirft in Brüssel verständlicherweise eine Menge Fragen auf – immerhin hat die EU im vergangenen Jahr viele Milliarden in die Hand genommen, um sowohl die Entwicklung als auch die Vorproduktion der Impfpräparate mitzufinanzieren. Im Gegenzug erwartete man eine rasche Lieferung der Ware unmittelbar nach Zulassung in vereinbarter Größenordnung.

Profitorientierung statt Nächstenliebe?

AstraZeneca hat nun angekündigt, anstelle von 80 zunächst nur etwas mehr als 30 Millionen Impfdosen für die EU zur Verfügung zu stellen. Da andere Kunden, die offenbar besser bezahlen, weiterhin uneingeschränkt beliefert werden, wittert man in Brüssel Vertragsbruch. Handelt AstraZeneca womöglich rein profitorientiert und nicht aus tiefer Überzeugung und humanitärer Solidarität?

Es steht zu vermuten, und wer sich darüber ernsthaft wundert, ist bestenfalls naiv. Das gesamte globale Wirtschaftssystem ist auf Profitorientierung ausgerichtet, das Handeln der Regierungen in der Pandemiebekämpfung geht in dieselbe Richtung. Andernfalls wären längst auch Industriebetriebe geschlossen und die staatlichen Hilfsmilliarden wären nicht von der Pleite bedrohten Großkonzernen zugeflossen, sondern in die Ausstattung des Bildungssystems und des Gesundheitswesens investiert worden.

Dass AstraZeneca also nicht aus reiner Nächstenliebe handelt, auch wenn der Konzern das vorab gern so verkauft hat, kann man ihm also kaum zum Vorwurf machen. Der Imageschaden, den sich das Unternehmen mit dieser Art von PR-Strategie selbst zufügt, steht auf einem anderen Blatt.

Vom Schulterschluss zur Machtprobe

Vom gemeinsamen Kampf gegen die Pandemie, bei der alle glückselig auf derselben Seite stehen und am gleichen Strang ziehen, um den gemeinsamen Gegner – das Virus – erfolgreich zu bekämpfen, ist nach 10 Monaten nicht viel übriggeblieben. Der enge Schulterschluss, den die Politik im Sommer voller Zuversicht mit den Pharma- und Biotechunternehmen gesucht hatte, wandelt sich mehr und mehr zur wechselseitigen Machtprobe.

Exportverbote will die EU zwar (noch) nicht verhängen, sehr wohl aber Ausfuhrkontrollen vornehmen, sprich: Wollen AstraZeneca (oder auch andere Hersteller) ihre Präparate aus den EU-Produktionsstätten heraus in Drittstaaten exportieren, muss das künftig wohl vorab angemeldet werden – und dann wird erst einmal geprüft, ob denn die Verträge erfüllt sind, die die Unternehmen mit der EU geschlossen haben.

Wer betont, dass Exportverbote zurzeit kein Thema sind, droht zwischen den Zeilen sehr offensiv: Sie könnten aber bald Thema sein. Gleiches gilt für den Hinweis darauf, dass AstraZeneca praktisch tagtäglich irgendwo in der EU ein Patent, eine Baugenehmigung oder ähnliches beantragt. Der Subtext dieser Anmerkung von Seiten der EU ist eine unverhohlene Drohung: Kommt das Unternehmen seinen vertraglich geregelten Lieferungen nicht nach und wird die EU dabei nachweislich schlechter gestellt als andere Abnehmer, dürfte es AstraZeneca künftig deutlich schwerer haben, bürokratische Hürden aus dem Weg zu räumen.

Ausgerechnet AstraZeneca

Das Ringen um die knappen Impfstoffe wird zunehmend hässlich, doch die Verärgerung der EU ist nachvollziehbar – zumal es nicht um eine Priorisierung der Lieferungen an die EU geht, sondern lediglich um die Gleichbehandlung der verschiedenen Impfstoffkäufer. Wären Großbritannien und andere Länder von den Engpässen in gleichem Ausmaß betroffen, würde der ganze Vorgang wohl weitaus weniger hohe Wellen schlagen.

Dass es ausgerechnet mit AstraZeneca nun diese Schwierigkeiten gibt, ist aus Sicht der EU gleich doppelt ärgerlich: Denn das Präparat gilt als weitaus einfacher handhabbar als die bislang verfügbaren mRNA-Wirkstoffe, die auf Temperatur und Transport empfindlich reagieren. Mit dem Impfstoff von AstraZeneca wäre eine Impfung bei häuslich gepflegten Personen oder auch in Hausarztpraxen wesentlich leichter und somit flächendeckender umsetzbar. Durch die zeitliche Verzögerung ausgerechnet bei der Auslieferung dieses Impfstoffs gerät somit die gesamte europäische Impfstrategie ins Stocken.

Dass es trotz der angespannten Lage auch weiterhin so etwas wie humanitäre Überzeugungstaten gibt, zeigt unterdessen ein Blick nach Indien: Auch dort wird der AstraZeneca Impfstoff hergestellt, und das Land hat vor wenigen Tagen angekündigt, mehrere hunderttausend Impfdosen an umliegende ärmere Staaten zu verschenken.

So geht Nächstenliebe.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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