AstraZeneca: Wer traut sich?

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Nach neuem Chaos um den Impfstoff steht die AstraZeneca Aktie unter Druck. Bei der Konkurrenz läuft es deutlich besser. (Foto: Roland Magnusson / shutterstock.com)

Das Chaos ist perfekt. Der Impfstoff von AstraZeneca soll fortan nur noch Personen über 60 Jahren verabreicht werden.

Neue Regeln für AstraZeneca Impfstoff

Hatte es zu Beginn der Impfkampagne noch geheißen, das Präparat sei anhand der Studienlage zunächst nur für Menschen unter 65 Jahren zugelassen, schwenkt das Pendel nun in die andere Richtung aus. Plötzlich sind es die Jüngeren und unter ihnen vor allem die Frauen, die nach Einschätzung der Bundesregierung auf Anraten von Experten lieber andere Impfstoffe bekommen sollten.

Das jedenfalls war die Botschaft, die die Kanzlerin und der Bundesgesundheitsminister in dieser Woche verkündeten. Auch andere Länder hatten die Impfungen mit dem AstraZeneca Präparat zwischenzeitlich ausgesetzt und zum Teil noch nicht wieder aufgenommen, neuerdings wird das Mittel auch in Kanada nicht mehr verabreicht. Zunächst sollen die genaueren Umstände geklärt werden, die zu bislang deutschlandweit 31 Fällen von Hirnvenenthrombosen geführt haben. 9 dieser Fälle endeten tödlich, betroffen waren weit überwiegend Frauen.

WHO und EMA halten an Empfehlungen fest

Untersucht werden soll nun, ob es eine bestimmte Konstellation in der Blutgerinnung gibt, die das Risiko einer solchen seltenen Thromboseform begünstigt. Ob die Impfung mitursächlich für die Entstehung ist oder nicht, ist derzeit noch nicht vollständig sicher. Die Häufung dieser Diagnose im zeitlichen Kontext einer Impfdosis war allerdings statistisch signifikant, sodass dem nun nachgegangen wird.

Unterdessen halten die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Europäische Arzneimittelbehörde EMA an ihrer Empfehlung fest – ohne Einschränkungen bei Erwachsenen, lediglich mit einem zusätzlichen Hinweis im Beipackzettel, der auf eine mögliche, aber sehr seltene Nebenwirkung hinweist.

Umstrittene Äußerung: Impfung als Mutprobe?

In Deutschland mutiert die Impfung neuerdings zur Mutprobe: „Wer sich traut“, solle sich auch unter 60 Jahren mit AstraZeneca impfen lassen können, betonte Jens Spahn dieser Tage, gegebenenfalls könne dies bei entsprechend vorhandener Impfstoffmenge auch außerhalb der vorgesehenen Impfreihenfolge geschehen, von der man insgesamt aber weiterhin nicht abrücken will, um besonders vulnerable Gruppen vorrangig zu schützen.

Ein solches Wording schafft nicht unbedingt zusätzliches Vertrauen, von dem ohnehin viel verspielt wurde in den vergangenen Wochen und Monaten. AstraZeneca hatte einen schwierigen Start, doch je länger die Impfkampagne andauert, desto schlechter wird sein Ruf. Dabei werden Mediziner sowie auch der Bundesgesundheitsminister nicht müde zu beteuern, dass es sich um einen guten, sicheren und wirksamen Impfstoff handele. Jüngst hat sich auch der Bundespräsident mit dem Präparat von AstraZeneca impfen lassen, was Spahn positiv wertete und weitere Spitzenpolitiker der Altersgruppe über 60 Jahren dazu aufrief, als Vorbild zu fungieren und sich ebenfalls den Impfstoff verabreichen zu lassen. Bundesinnenminister Horst Seehofer empfand diese Aufforderung als übergriffig und lehnte dies ab, wollte das aber zugleich nicht als kritische Haltung gegenüber AstraZeneca verstanden wissen.

WHO kritisiert europäische Impfkampagne

Bundesweit steigen die Inzidenzwerte, von einer einst angedachten weiteren Ministerpräsidentenrunde vor Ostern war in dieser Woche nichts zu sehen, und während etliche Familien die Osterferien unter der Sonne Mallorcas verleben, wird in vielen Städten schon wieder über eine Rückkehr zur Notbetreuung diskutiert. Die regional geltenden Regelungen sind derart divers und oft verändert worden, dass kaum noch jemand den Überblick behält, was wann wo gilt oder nicht.

Das schleppende Fortkommen der europäischen Impfanstrengungen bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation als verheerend, dies trage zu einer „Verlängerung“ der Pandemie bei – zumal in vielen Teilen der Welt noch gar nicht mit dem Impfen begonnen wurde, während sich hier die Impfstoffe stapeln.

Rund 11 Prozent der deutschen Erwachsenen haben bislang zumindest eine erste Impfung erhalten, im gerade begonnenen zweiten Quartal soll das Unterfangen an Fahrt aufnehmen, doch das Vertrauen hat in den vergangenen Monaten stark gelitten.

Aktien: AstraZeneca unter Druck, Biontech kann glänzen

Die Aktie des britisch-schwedischen Herstellers gerät indes weiter unter Druck. In den vergangenen sechs Monaten – in denen immerhin Zulassungen des Impfstoffs in Großbritannien, Europa und den USA erfolgten – hat die AstraZeneca Aktie um rund 10 Prozentpunkte nachgegeben. Zuletzt befand sich der Kurs in einer volatilen Seitwärtsbewegung.

Bei der Konkurrenz läuft es erheblich besser: Biontech hat in dieser Woche seine Jahresbilanz für 2020 vorgestellt und dabei neben einer Vervierfachung des Umsatzes auch erstmals schwarze Zahlen ausgewiesen. Mit fast 500 Millionen Euro Umsatz und 15 Millionen Euro Gewinn schlägt das erste Pandemiejahr für den Hersteller des ersten im Westen zugelassenen Impfstoffs zu Buche, für das laufende Jahr erwarten die Mainzer einen gigantischen Sprung auf 10 Milliarden Euro. Die Biontech Aktie hat sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt, die von AstraZeneca befindet sich aktuell auf Jahressicht minimal im Plus.

Moderna und Biontech: Pioniere mit Zukunft

In den Schatten gestellt wird der Erfolg der Biontech Aktie vom US-Wettbewerber Moderna, der – ebenso wie die Mainzer – einen Impfstoff auf Basis der neuen mRNA-Technologie entwickelt und hierfür ebenfalls Zulassungen erhalten hat. Hier liegt das Kursplus auf Jahressicht bei deutlich über 300 Prozent.

Experten sind überzeugt, dass die mRNA-Technologie in Zukunft in der Pharmabranche eine tragende Rolle spielen wird und zu revolutionären Therapieansätzen führen könnte. Die Pandemie und die mit ihr verbundenen öffentlichen Millionenzahlungen, mit denen die Forschung gefördert wurde, haben dieser Technologie nun zum beschleunigten Durchbruch verholfen.

Biontech und Moderna könnten von ihrer Vorreiterrolle profitieren und auch über die Pandemie hinaus zu bedeutenden Größen in der Pharma- und Biotechnologiebranche aufsteigen.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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