AT&T kauft Vodafone? Die Pro&Contra-Analyse

Im Mobilfunksektor soll sich Medienberichten ein Mega-Deal anbahnen. Angeblich hat der amerikanische Mobilfunk-Riese AT&T ein Interesse am europäischen Mobilfunk-Anbieter Vodafone und auch in Foren wird eifrig diskutiert, ob ein Deal ansteht.

Die neuen Übernahmespekulationen haben die Aktie der Briten sogar angetrieben. Nachdem erste Gerüchte am Freitag Morgen aufgetaucht sind, kletterte das Vodafone-Papier in wenigen Minuten um 5%.

Beide Unternehmen wollten die Spekulationen nicht kommentieren. Sollte es zu einem Deal kommen, würde der weltgrößte Mobilfunkanbieter mit einer Marktkapitalisierung von über 350 Mrd. US-$ entstehen.

Pro: AT&T laut Bloomberg schon Anfang 2013 an Vodafone interessiert

Der amerikanische Mobilfunk-Riese AT&T will im europäischen Markt stärker Fuß fassen. Das ist längst kein Geheimnis mehr. Mit Vodafone, wäre dies zweifelsohne möglich. An einem Kauf war AT&T schon Anfang des Jahres interessiert – von dem her wäre ein Deal-Interesse grundsätzlich vorstellbar.

Damals überlegten die Amerikaner zusammen mit Verizon und America Movil, ob ein Deal möglich ist, berichtet der Nachrichten-Dienst Bloomberg unter Berufung auf Insider-Quellen.

Dem Plan zufolge sollte AT&T dabei das europäische Geschäft von Vodafone übernehmen, Verizon sollte die restlichen Anteile am Joint Venture Verizon Wireless bekommen und America Movil (AM) sollte die übrigen Teile (Asien, Afrika) erhalten.

Verizon lehnte einen Deal jedoch ab und kaufte kurze Zeit später Vodafone dann im Alleingang die restlichen 45% von Verizon Wireless ab. Vielleicht wollen die beiden anderen Partner, AM (die zuletzt von KPN eine Abfuhr erhalten haben) und AT&T, jetzt den Plan gemeinsam neu aufleben lassen. Möglich ist auch, dass AT&T es wie von Insidern berichtet alleine versucht.

Pro: Vodafone passt zur AT&T-Strategie

A&T will mit der Übernahme eines europäischen Mobilfunk-Anbieters nicht mehr allein vom US-Markt abhängig sein. Der amerikanische Markt birgt nur wenig Potenzial und bedeutet eine hohe regionale Abhängigkeit. Daher will AT&T neue Wachstumsquellen erschließen und sich weltweit positionieren.

Europa löst für AT&T beide Negativ-Aspekte. Grob umschrieben steht dahinter folgender Gedanke: Erst ein Unternehmen kaufen, dann das Netz ausbauen und schließlich kassieren. In Europa ist die Markt-Konzentration längst nicht so groß wie in Amerika und bietet noch viel Gewinn-Potenzial.

Da AT&T im Rennen um Telekom Italia den Kürzeren zog und auch bei der spanischen Telefonica kein weiterkommen ist, könnte Vodafone auch von der Seite her eine logische Konsequenz sein.

Nur ein Deal und AT&T gehört direkt zu den ganz großen im Europa-Geschäft.

Pro: Seriosität des Gerüchte-Ursprungs

Dass wirklich etwas an einem Deal-Plan dran sein könnte, darauf lässt die Quelle des Gerüchts schließen. Erstmals berichtete der amerikanische Nachrichten-Dienst Bloomberg von den internen Plänen.

Bloomberg hat es nicht nötig haltlose Gerüchte zu streuen und gilt als sehr gut vernetzt. Wenn Bloomberg von einer möglichen Übernahme berichtet, dann lohnt sich definitiv ein genauer Blick. Die Treffer-Quote ist bei den Amerikanern sehr hoch.

Contra: Übernahme-Plan heißt nicht gleich Übernahme

Wie der ursprüngliche Bericht von einigen Internet-Medien ausgewertet wurde, steht auf einem anderen Blatt. Mit der Meldung lassen sich schnell Leser gewinnen und einige Gesellschaften stehen unter Druck. Da wird dann gerne mal vergessen, dass es sich um Pläne handelt und nicht um fertiges Übernahme-Interesse.

Es gibt keine formellen Verhandlungen, keine Bestätigungen, keine Details. Aktuell ist das einzige was passt, dass Vodafone in die Strategie der Amerikaner passt und das Bloomberg die Quelle ist. Die Machbarkeit eines Deals wurde von den Medien mit wenigen Ausnahmen nicht hinterfragt – doch genau darauf kommt es doch an.

Contra: Finanzierung

Eine Vodafone-Übernahme wird mit Sicherheit nicht einfach. Wenn AT&T die Briten freundlich (Einigung zwischen den beiden Unternehmen) übernehmen will, dann werden deutlich über 200 Mrd. Dollar fällig.

Das Geld hat AT&T nicht und es ist zumindest fraglich, ob die Amerikaner trotz der aktuell günstigen Finanzierungsbedingungen das Geld auch zusammen bekommen. Die Banken unterstützen zwar gute Deals, doch ein risikoloses Investment ist Vodafone bei Leibe nicht.

Für AT&T ist Europa komplettes Neuland und eine Übernahme bietet im Vergleich zur Dealgröße kaum Kosteneinsparungen. Eine Integration würde etliche Jahre dauern.

Der europäische Telekom-Markt ist hart umkämpft und streng reguliert. Europa ist nicht das Schlaraffenland, wo die Trauben besonders tief hängen. Zudem braucht es neben der Übernahme-Summe noch weitere Milliarden für den Netzausbau.

Contra: Abhörskandal und Marktdominanz

Neben der Finanzierungsfrage bestehen auch kartellrechtliche und aktuelle politische Probleme. AT&T hätte nach einer Übernahme weltweit betrachtet eine klar dominante Stellung. Ein Interessent, der schon in den USA Zweiter im Markt ist, kann nicht einfach Vodafone kaufen!

Ein zeitnaher Deal ist auch politisch schwierig durchzusetzen. Der Abhörskandal ist noch zu frisch, als dass sich AT&T einfach Europas führenden Telekom-Anbieter schnappt. Regierungen die wegen des Abhörskandals unter Druck stehen, könnten da schnell eine Chance zur Wiedergutmachung wittern, indem Sie aus Sicherheitsgründen einen Deal ablehnen.

Fazit Übernahme-Sensor: Markteinstieg über Plan B wahrscheinlicher

Der Übernahme-Sensor hält es für wahrscheinlich, dass wie von Bloomberg berichtet, AT&T Interesse an Vodafone hat und intern einen Deal prüft. Dass am Ende aus den Planspielen ein Übernahme-Angebot an die Vodafone-Aktionäre folgt, ist jedoch nicht wahrscheinlich.

Gut möglich, dass die Planungen dahin gehend waren, dass sich AT&T gefragt hat, ob das „irgendwie“ möglich sein könnte. Das war mit Sicherheit noch nicht der Auftrag: Wir übernehmen jetzt Vodafone und machen was dazu nötig ist.

Der Auftrag könnte in einem zweiten Schritt zwar aus den Vorüberlegungen resultieren – wäre jedoch für den Übernahme-Sensor eine faustdicke Überraschung.

AT&T hat einen Plan B in der Tasche, um in Europa Fuß zu fassen. Die Umsetzung dieses Plans ist nach Ansicht des Übernahme-Sensors deutlich wahrscheinlicher.

Als Übernahme-Kandidat gilt der britische Mobilfunk-Anbieter EverythingEverywhere (keine Kaufempfehlung), ein Joint-Venture der Deutschen Telekom und des französischen Telekomunternehmens Orange.

Mit dem Kauf von EverythingEverywhere (EE) bekämen die Amerikaner ein erstes Standbein in Europa und könnten dann schrittweise den Markt erobern. Dieser Schritt wäre deutlich risikoärmer als das Projekt Vodafone, würde keine Kartellbedenken auslösen und ist spielend finanzierbar.

Früheren Berichten zufolge, könnten sich die beiden EE-Eigner einen Teilverkauf vorstellen – wollen aber nicht komplett verkaufen.

Da AT&T allerdings großes Interesse hat, wäre es nicht verwunderlich, wenn die Zahlungsbereitschaft hoch ist und am Ende doch eine Komplett-Übernahme ansteht. Orange und Deutsche Telekom könnten das Geld gut gebrauchen und für den Netzausbau nutzen.

Diese Variante erscheint wahrscheinlicher als eine Vodafone-Übernahme. Der Übernahme-Sensor bleibt für Sie am Ball.

6. November 2013

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.

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