Auch bei Netflix gilt das Gesetz der Schwerkraft

An der Börse ist Netflix nun mehr als 100 Milliarden Dollar wert. Wie geht es für die Aktie weiter? (Foto: Harry Wedzinga / shutterstock.com)

Die gestern veröffentlichten Finanzzahlen des Videostreaming-Dienstleisters Netflix für das abgelaufenen Geschäftsjahr 2017 haben die Börsen berauscht. Trotz höherer Preise ist es Netflix – zahlende Abonnenten können bei Netflix jederzeit und auf Abruf Spielfilme und TV-Serien sehen – im vergangenen Jahr gelungen, 24 Millionen neue Abonnenten zu gewinnen. Mit insgesamt knapp 118 Millionen zahlenden Kunden konnte der Jahresumsatz auf fast 12 Milliarden US-Dollar gesteigert werden.

Mit seinen Wachstumsraten überflügelt das erst 2007 gegründete Unternehmen sämtliche Mitbewerber und wird als echte Bedrohung für die etablierten Fernsehsender und Medienunternehmen eingeschätzt. Viele Marktbeobachter halten Netflix sogar für das Fernsehen der Zukunft.

Frei empfangbare und werbefinanzierte TV-Sender wie RTL oder Pro Sieben Sat 1 spüren das an sinkenden Werbeinnahmen, ihrer wichtigsten Umsatzquelle. Selbst Netflix-Gründer und Großaktionär Reed Hastings zeigte sich begeistert. An seine Aktionäre schrieb er: „Wir hatten ein wunderschönes Quartal“.

Analysten empfehlen die Aktie, als ob es alles so einfach wäre

Unisono werden nun die Kursziele von den Analysten angehoben. Fast einstimmig lautet das Anlageurteil Kaufen. Kein Wunder, dass die Aktie nach der Bekanntgabe der Finanzzahlen um 10% auf ein neues Allzeithoch von 250 Dollar anstieg. Damit ist Netflix in den exklusiven Kreis jener Unternehmen aufgestiegen, die an der Börse mit mehr als 100 Milliarden Dollar bewertet werden.

Dabei hat Netflix durchaus Chancen auf weiter steigende Kurse. Zum einen, weil Netflix der einzige globale Streaming-Dienstleister ist: Um sich von seinem US-amerikanischen Wettbewerbern abzuheben, hat sich Netflix sogar eine ausländische Film- und Programmierbibliothek aufgebaut. Zum anderen, weil Netflix inzwischen selbst mit schlechten Nachrichten wie der Einstellung der Erfolgsserie House of Cards nach dem Sex-Skandal um Hauptdarsteller Kevin Spacey gut umzugehen weiß.

Wer kauft schon gerne am Allzeithoch?

Trotzdem fühlen viele Anlegern ein beinahe körperliches Unbehagen, eine Aktie auf deren Allzeithoch zu kaufen. Aus fundamentaler Sicht befürchten sie, dass zu diesem Zeitpunkt bereits alle guten Nachrichten in die Aktie eingepreist sind. Aus technischer Sicht befinden sich Aktien auf ihrem Allzeithoch in einem überkauften Bereich.

In der Tat bleiben bei Netflix einige Fragen ungeklärt. Etwa, wie das Unternehmen in der hart umkämpften Streaming- Branche langfristig wachsen kann. Jeder, nicht zuletzt Walt Disney, das größte Medienunternehmen der Welt, will sich ein Stück vom Kuchen abschneiden. Dass es Disney ernst meint, zeigt nicht zuletzt die Übernahme der 21st Century Fox-Gruppe des Medienmoguls Rupert Murdoch.

Mittelfristig können auch unternehmensinterne Probleme auftauchen

Besonders beunruhigen sollte jeden Aktionär jedoch der nach wie vor exorbitante Investitionszwang, dem Netflix ausgesetzt ist. Allein in diesem Jahr plant Netflix, bis zu 8 Milliarden Dollar in Fernsehsendungen und Filme zu investieren, nur um Disney, Amazon, Hulu und lokale Konsorten Paroli zu bieten. Immer größer werden dabei die Film-Budgets: Die Produktion von der neuen Eigenserie „Bright“ wird etwa 90 Millionen Dollar verschlingen. Auch das Marketingbudget wächst deutlich schneller als der Umsatz: Für 2018 sind hierfür rund 2 Milliarden US-Dollar budgetiert.

Finanziert werden soll dies alles über Preiserhöhungen und Kapitalerhöhungen. Bislang ist dafür das Kapital vorhanden. „Anleger sind tolerant, solange sich etwas verbessert“, meinte Netflix-Chef Hastings vielsagend in einem kurzen Webcast zu den Finanzzahlen. Zu beachten ist jedoch, dass diese Toleranz-Phase nicht ewig dauert. Früher oder später kommt das Ende, und dann oft sehr abrupt.

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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.