Auftragsdebakel für die deutsche Industrie

Immer neue Auftragsrekorde in der deutschen Industrie sind vorbei. Die jüngsten Zahlen geben Anlass zu großer Sorge. (Foto: John Casey - Fotolia)

Die deutsche Industrie kann sich vor der Flut an Aufträgen kaum mehr retten. So oder so ähnlich war noch vor einigen Monaten der Grundtenor der Schlagzeilen der Hauptstrommedien. Diese Zeiten scheinen aber nun endgültig der Vergangenheit anzugehören. Interessant ist jedenfalls, dass auch von einem XXL-Auschwung nicht mehr gesprochen wird. Im Gegenteil, in diesen Tagen räumen selbst die Ökonomen im Mainstream ein, dass für die deutsche Wirtschaft wohl die besten Zeiten schon leider vorbei sind.

Starker Auftragseinbruch

Erst kürzlich vermeldete jedenfalls die Agentur Reuters unter Berufung auf Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums in Berlin, dass der deutschen Industrie vor dem Hintergrund des Handelskonflikts mit den USA die Aufträge so stark wie seit rund anderthalb Jahren nicht mehr weggebrochen seien.

Fakt ist demnach, dass das Neugeschäft im Juni um sage und schreibe vier Prozent im Vergleich zum Vormonat rückläufig gewesen sei. Damit sei der Rückgang deutlich stärker als erwartet ausgefallen. Laut Reuters hätten im Konsens Ökonomen ein Minus von nur 0,4 Prozent erwartet. Das Ministerium merkte wörtlich an, dass bei der Entwicklung auch Verunsicherungen durch die Handelspolitik eine Rolle gespielt haben dürften.

Aufträge aus dem Ausland brechen ein

Konkret betrachtet fiel die Auslandsnachfrage nach deutschen Industriegütern im Juni insgesamt um 4,7 Prozent. Dabei nahmen die Bestellungen aus der Euro-Zone um 2,7 Prozent ab, während das Geschäft mit dem Rest der Welt um 5,9 Prozent nachließ. Die Inlandsnachfrage schrumpfte um 2,8 Prozent. Kein Wunder also, dass die Schar der Ökonomen die Entwicklung in der gesamten Industrie Reuters zufolge vorsichtiger einschätzt.

Herr Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank aus Vaduz, Liechtenstein, merkte an, dass die Furcht vor einem Handelskrieg möglicherweise schon jetzt für eine gewisse Zurückhaltung bei neuen Aufträgen sorgen würde. Herr Krüger vom Bankhaus Lampe sprach indes Klartext und von einem in diesem Ausmaß überraschenden Debakel für die deutsche Industrie.

Ja, liebe Leser, angesichts solch drastischer Rückgänge ist das Wort „Debakel“ durchaus angebracht. Die erfolgsverwöhnte deutsche Industrie wird in den kommenden Monaten wohl um jeden Auftrag kämpfen müssen. Die Bäume wachsen wahrlich nicht in den Himmel. Der Zenit des deutschen Aufschwungs ist jedenfalls längst überschritten. Und damit wird es für die Euro-Notenbank EZB immer schwerer, eine wirklich starke und nachhaltige Zinswende einzuläuten. Gut möglich, dass die Notenbanker mit einem Zinsniveau von Null-Prozent in die nächste allfällige Rezession gehen werden.


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Von: Günter Hannich. Über den Autor

Günter Hannich, Bestseller-Autor und gefragter Experte auf dem Gebiet Kapitalschutz, unter anderem bei n-tv. Er steht mit dem „Crash Investor“ ab sofort zur Verfügung, um sein persönliches Wissen zu teilen. Für Ihre ­Sicherheit.