Aus der Krise nichts gelernt?!

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Die Niedrig- bzw. Nullzinspolitik der EZB verpufft völlig. Eine bestürzende Bestandsaufnah-me, die auch mich erschreckt. (Foto: nitpicker / shutterstock.com)

Gestern stolperte ich über einen meiner Beiträge aus dem Jahr 2013. Damals, am 22. August, ging es eigentlich um die Zins- und Liquiditätspolitik der US-Notenbank.

Zu jener Zeit lief das sogenannte „Quantitative Easing“-Programm der FED (Federal Reserve Bank) auf Hochtouren. Investoren fürchteten, eine Kürzung oder gar das Ende der Geldschwemme könne sich negativ auf den Aktienmarkt auswirken.

In meinem Beitrag stellte ich dazu 2 Thesen auf: Bei der zweiten war ich offensichtlich viel zu optimistisch.

„Quantitative Easing“? Was war das noch gleich?

Für diejenigen unter Ihnen, die nicht mehr genau die Bedeutung des Begriffs „Quantitative Easing“ in Erinnerung haben:

In Folge der Finanzkrise 2007 stieg die Arbeitslosigkeit in den USA sprunghaft von 4,5% im Sommer 2007 auf 10,2% Ende 2009 an! Da die amerikanische Zentralbank – anders als andere Notenbanken – zusätzlich mit der Steuerung des Arbeitsmarktes betraut ist, waren diese Maßnahmen vor allem auf dieses Ziel ausgerichtet.

Der Leitzins wurde in der Rekordzeit von nur 15 Monaten ab September 2007 von 5,25% auf 0% bis 0,25% regelrecht herunter geprügelt. Es folgte eine historisch ebenso spektakuläre Nullzinspolitik von exakt 7 Jahren bis zum Dezember 2015.

Tatsächlich sank die Arbeitslosenrate bis dahin wieder auf 5,0% bis 5,5%. Aktuell liegt sie gar bei (vermutlich) historisch niedrigen 3,5%: Vermutlich, weil meine Datenbank nur bis 1980 zurückreicht.

Nachdem die Ladungen des Zauberstabes „Zinssenkung“ Ende 2008 erschöpft waren, griff die FED zum Instrument „Quantitative Easing“: Im Rahmen von 4 Programmen wurden bis 2014 etwas mehr als 5 Billionen (5.000.000.000.000) USD durch den Aufkauf von Anleihen in die Finanzwelt gepumpt.

Hier nun meine beiden Thesen vom 22. August 2015:

„1. Da ein ‚garantierter‘ Abnehmer für diese Anleihe-Volumina vorhanden ist, wird die ansonsten ja fehlende Nachfrage ausgeglichen und die Anleihekurse fallen nicht (so stark), wie sie ohne diese Nachfrage wohl sinken würden. Entsprechend trägt diese Politik zur Stabilisierung des Rendite-Niveaus bei.

  1. Ein auf historisch niedrigem Niveau stabilisierter Marktzins hilft wiederum dem Staat, seine Neu-Verschuldung zu historisch niedrigen Zinskonditionen abzuschließen. Das verringert auf Dauer die Zinslast des Staates und trägt somit zu einer Entspannung der Schuldenproblematik bei. Daher sind Notenbank und Staat an einer dauerhaft niedrigen Zinspolitik stark interessiert.“

Hier irrte ich –  und zwar gewaltig

Bei Punkt 1 traf ich ins Schwarze. Bei meiner Annahme unter Punkt 2 war ich offensichtlich nicht nur zu optimistisch, sondern wohl auch zu vertrauensselig.

Über die massiv gestiegene Staatsverschuldung der USA hatte ich in den letzten Wochen schon mehrfach geschrieben. Doch in der Euro-Zone fährt die Europäische Zentralbank EZB schon seit 2016 ja sogar eine Nullzinspolitik.

Das hätten die Länder der Euro-Zone also prima nutzen können, um die eigene Schuldenlast herunter zu fahren. Daher habe ich das einmal für ein paar Kandidaten überprüft:

Portugal

Portugal litt ganz besonders unter der Verschuldungslast: Das drückt sich in einem Rekordanstieg der Rendite für portugiesische 10-jährige Staatsanleihen von rund 4% im Jahr 2008 auf bis zu 16% Anfang 2012 aus.

Halten Sie sich fest: Schon ab 2014 blieb diese Rendite unter der 4%-Marke und liegt aktuell sogar nur noch bei 0,42%! Das sind doch ideale Voraussetzungen für einen Schuldenabbau sagen Sie?

Weit gefehlt: 2008 lag die Staatsverschuldung (Quelle: statista.de) bei 128,2 Mrd. Euro und kletterte bis 2012 auf 212,6 Mrd. Euro. Für 2019 wird sie bei 247,45 Mrd. Euro erwartet! Portugal hat seine Verschuldung also seither fast verdoppelt (+93%).

Italien

Schauen wir nach Italien: Die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen kletterte von etwa 4,2% im Jahr 2008 auf bis zu 7% Anfang 2012. Seit 2014 liegt sie – mit einer vorübergehenden Ausnahme von etwa 3,4% Ende 2018 – unter 2,3% und aktuell bei 1,4%.

Die Staatsverschuldung wuchs von 2008 bis heute kontinuierlich von 1.671,5 Mrd. Euro über 1.990,1 Mrd. Euro in 2012 auf für 2019 erwartete 2.357,7 Mrd. Euro an! Das entspricht einem Zuwachs von +41% in 11 Jahren (Quelle: statista.de)!

Spanien

Das krasseste Beispiel habe ich mir für den Schluss aufbewahrt.

Die Rendite der 10-jährigen spanischen Staatsanleihen kletterte von etwa 4,2% im Jahr 2008 auf bis zu 6,8% im Frühjahr 2012. Seit Mitte 2014 liegt sie konstant unter 2,3% und aktuell bei 0,47% (Quelle: statista.de).

Doch jetzt halten Sie sich fest: Die Staatsverschuldung wuchs von 2008 bis heute sprunghaft von 439,8 Mrd. Euro über 891,5 Mrd. Euro in 2012 auf für 2019 erwartete 1.200 Mrd. Euro an! Das ist ein Anstieg von +173% im Betrachtungszeitraum!

Fazit

Auch wenn sich die EZB unter ihrem Chef Mario Draghi nie explizit so äußerte: Die Niedrigzins- und die seit 2016 durchgezogene Nullzinspolitik für die Euro-Zone hatte klar das Ziel, den bis zur Halskrause verschuldeten Mitgliedstaaten Luft zum Atmen zu verschaffen.

Doch die so bedachten Länder nahmen dies nicht etwa zum Anlass, ihre Verschuldung zu senken. Wie die 3 hier beispielhaft genannten Staaten Portugal, Italien und Spanien zeigen, wurde sich munter immer weiter verschuldet.

Vielleicht erinnern Sie sich noch: 2011 / 2012 kochte das Thema Staatsverschuldung in der Euro-Zone massiv hoch. Der Euro stürzte gegenüber dem US-Dollar von einem Zwischenhoch bei 1,4940 im Mai 2011 auf 1,2042 im Juli 2012 ab.

Nicht umsonst erreichten daraufhin die Renditen der Staatsanleihen Rekordniveaus. Doch trotz der EZB-Politik seither steigerten Portugal, Italien und Spanien ihre Verschuldung seit 2012 um +16,4%, +18,5% und +34,7%.

Nicht nur in den USA haben wir in den vergangenen Jahren nichts hinzugelernt: Europa verschuldet sich ebenfalls weiter, als wenn es kein Morgen gäbe!

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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