Ausblick 2015: Der Ölpreis könnte noch tiefer fallen

Wie Sie es gewohnt sind, nehme ich für Sie hier im „Schlussgong“ jeweils am Jahresende die wichtigsten Anlageklassen unter die Lupe. Wie war die Entwicklung im vergangenen Jahr? Wie ist der Ausblick? Beginnen möchte ich mit der – aus meiner Sicht – Überraschung des Jahres: Dem Preissturz beim Öl am Rohstoffmarkt.

Der Preis pro Barrel Öl der Nordseemarke Brent hat sich im Jahr 2014 beinahe halbiert. In der Spitze musste im laufenden Jahr pro Barrel rund 115 US-Dollar gezahlt werden – aktuell nur noch knapp über 60 US-Dollar.

Der Preissturz hat 2 Gründe: Zum einen wollen einige etablierte Ölförderländer ihre Marktanteile verteidigen und mit der Niedrigpreispolitik die aufstrebende US-Ölbranche ausbremsen. Zum anderen soll der niedrige Ölpreis Russland dazu zwingen, die Krise in der Ukraine friedlich zu beenden.

Über die Gewinner und Verlierer dieser Entwicklung habe ich hier im „Schlussgong“ bereits ausführlich berichtet. Daher möchte ich heute für Sie einen Blick in die Zukunft werfen und für Sie die mögliche Entwicklung des Ölpreises analysieren.

US-Ökonom sieht den Preisboden bei 10 US-Dollar

Eine Reduzierung der Öl-Fördermenge würde dazu führen, dass sich der Ölpreis stabilisiert. Saudi-Arabiens Ölminister Ali al Naimi lehnt eine Förderkürzung der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) jedoch ab.

„Das ist nicht im Interesse der Opec-Produzenten“, sagte der Vertreter des wichtigsten Opec-Mitgliedsstaates kürzlich gegenüber dem Branchendienst „Middle East Economic Survey“.

Saudi-Arabien hat kein Interesse an einem steigenden Ölpreis, da dieser dazu führen würde, dass die Marktanteile von Russland, Brasilien und die der US-amerikanischen Schieferölproduzenten weiter steigen.

Da die Opec-Staaten deutlich niedrigere Produktionskosten haben als die zuvor genannten Länder, bereitet den Opec-Mitgliedsstaaten das aktuelle Preisniveau die geringsten Sorgen. Aber wie weit können die Opec-Staaten den Preis nach unten drücken?

Paul Jackson, Analyseleiter der Anlagefirma Source, macht im Hinblick auf die Preisentwicklung von Öl folgende Rechnung auf.

Jackson entdeckte im Preisverlauf seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein einfaches, immer wiederkehrendes Muster: Auf Basis des heutigen Preisniveaus sei die Notierung nach einem starken Aufschwung immer wieder auf das Niveau von bis zu 20 US-Dollar gefallen.

Der unabhängige US-Ökonom Gary Shilling sieht den Preisboden hingegen erst bei den laufenden Förderkosten in den Ländern am persischen Golf. Und diese Größe liegt eher bei 10 als bei 20 US-Dollar.

Opec mit radikalem Kurswechsel

Die Opec hat mit ihrer aktuellen Politik einen radikalen Kurswechsel vollzogen. Denn: In den vergangenen Jahrzehnten war es stets so, dass die Opec bei fallenden Ölpreisen versuchte, durch Förderkürzungen gegenzusteuern.

Jetzt scheint diese Zeit (zumindest auf kurzfristige Sicht) vorbei zu sein. Ob der Preis dadurch auf 20, 40, 50 oder 60 US-Dollar fällt, sei irrelevant, sagte jüngst der Ölminister Saudi-Arabiens.

Ob es tatsächlich zu einem weiteren Sturz des Ölpreises kommt, ist schwer vorauszusagen. Einen großen Einfluss auf die weitere Preisentwicklung hat zweifelsohne die Opec. Aber auch die Russen um Präsident Wladimir Putin könnten die Richtung des Ölpreises entscheidend beeinflussen.

Denn wenn Russland im Ukraine-Konflikt nachgeben sollte, bestünde seitens der USA kein Interesse mehr an einem derart niedrigen Ölpreis wie im Augenblick.

Da die USA und Saudi-Arabien in der Vergangenheit häufig Partner waren, könnte auch die Opec plötzlich eine andere Politik verfolgen und den Ölpreis wieder nach oben treiben. Wie schnell und überraschend ein Richtungswechsel beim Ölpreis einsetzen kann, haben wir im Jahr 2014 erlebt.

Fazit: Sie können vorerst weiter billig tanken

Sie werden sich nach meiner Einschätzung noch eine Weile über die niedrigen Benzin-, Diesel- und Heizölpreise freuen können und auch viele Unternehmen profitieren vom günstigen Öl. Die Tankfüllung bleibt vorerst günstig und auch die Heizkosten sinken.

Das kurbelt den Konsum und damit die heimische Wirtschaft an. Wie lange dieses „Konjunkturprogramm“ für Rückenwind sorgt, lässt sich aber nicht sagen, da politisch motivierte Preise (wie aktuell der Ölpreis) oft über Nacht die Richtung ändern.

29. Dezember 2014

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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