Ausverkauf bei Thyssenkrupp geht in die nächste Runde

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Thyssenkrupp wird sich möglicherweise von seiner defizitären Stahlsparte trennen. Die britische Liberty Steel-Gruppe hat dem Essener Konzern ein Übernahmeangebot unterbreitet. (Foto: nitpicker / shutterstock.com)

Am vergangenen Freitag schoss der Kurs der Thyssenkrupp-Aktie gleich zweistellig in die Höhe. Der Grund für diese Kursexplosion war die Bekanntgabe eine Übernahmeofferte für die marode Stahlsparte des deutschen Traditionsunternehmens.

Das nicht-bindende Angebot wurde von der in Deutschland wenig bekannten Liberty Steel-Gruppe aus Großbritannien unterbreitet. Konkrete Details, z. B. zur Höhe des offerierten Preises, wurden jedoch nicht bekannt gegeben.

Liberty Steel ist Teil des Gupta-Clans

Liberty Steel gehört zur Gupta Family Group Alliance (GFG), einem Konglomerat von Unternehmen, das von der indisch-stämmigen britischen Gupta Familie im Jahre 1992 gegründet wurde. Kopf und CEO der GFG sowie der Liberty Steel-Gruppe ist der britische Geschäftsmann und Milliardär Sanjeev Gupta.

In einer Pressemitteilung gaben die Briten bekannt, dass die Liberty Steel Group ein unverbindliches Angebot zum Erwerb der Stahlaktivitäten von Thyssenkrupp abgegeben habe. Das Unternehmen ist überzeugt, dass eine Kombination mit Thyssenkrupp Steel Europe aus wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Sicht die richtige Antwort sein kann.

Kommt die Übernahme zustande, würde Liberty Steel zum zweitgrößten europäischen Stahlkonzern nach ArcelorMittal Europe aufsteigen. Liberty Steel beschäftigt weltweit etwa 30.000 Mitarbeiter während in der Stahlsparte von Thyssenkrupp noch etwa 27.000 Stahlkocher aktiv sind.

Liberty Steel ist erfahrener Stahlsanierer

In einem Interview mit dem Spiegel erläuterte Sanjeev Gupta, warum Liberty Steel das Angebot abgegeben hat. Er habe vor gut 5 Jahren angefangen, marode Stahlwerke in Großbritannien zu kaufen und erfolgreich zu sanieren. Später sanierte er dann auch weitere Stahlwerke in Europa, Australien und den USA.

„Die meisten Unternehmen sind profitabel und erfüllen höchste Anforderungen an Nachhaltigkeit“, so Gupta weiter. „Unsere Werke und unsere Idee von einer grünen Stahlproduktion passen perfekt mit Thyssenkrupp zusammen.“

Durch sein umfangreiches Netzwerk könne die Liberty Steel-Gruppe für eine bessere Auslastung und Ausweitung der Absatzmärkte von Thyssenkrupp sorgen: „Die Qualitätsstähle aus Duisburg können wir über unsere Töchter in wachsenden Märkten wie Rumänien oder Tschechien verkaufen. Und auch die Auslastung wird sich erhöhen. Noch wichtiger jedoch ist die Umstellung auf eine emissionsarme Produktion. Da haben wir große Expertise und sind so etwas wie ein Vorreiter.“

Parallel mit Bekanntgabe des Übernahmeangebots teilte die GFG-Gruppe mit, dass sie Premal Desai ab dem 1. Januar 2021 zum neuen Group Chief Operating Officer (COO – Geschäftsentwicklung) ernannt habe. Desai war bis Ende Februar 2020 noch als Sprecher des Vorstands der Thyssenkrupp Steel Europe AG tätig gewesen.

Thyssenkrupp bestätigt Liberty-Angebot und weitere Interessenten

Der Stahlkonzern aus Essen bestätigte, ein Angebot von Liberty Steel erhalten zu haben. Thyssenkrupp gab an, die Offerte der Briten prüfen zu wollen. Es gäbe aber auch mehrere andere Interessenten für die Stahlsparte des Traditionsunternehmens. Die Gespräche mit den anderen Bewerbern werden konsequent fortgesetzt, so Thyssenkrupp.

Wer diese anderen Interessenten sind, verrät der Essener Stahlkonzern jedoch nicht. In Fachkreisen ist von Gesprächen mit dem indischen Tata-Konzern, der schwedischen SSAB-Gruppe und der chinesischen Baosteel die Rede. Bereits im Mai 2020 hatte die neue Thyssenkrupp Konzernchefin Martina Merz öffentlich über den Verkauf des Stahlgeschäfts nachgedacht.

Gewerkschaften votieren für Staatsbeteiligung

Auf einer Kundgebung in Düsseldorf haben Gewerkschafter der IG Metall am Freitag eine Übernahme aus dem Ausland kategorisch abgelehnt. Die Arbeitnehmervertreter fürchten eine Zerschlagung der Stahlsparte und einen massiven Arbeitsplatzabbau bei Thyssenkrupp Steel.

Auf der Demonstration vor der Düsseldorfer Staatskanzlei forderte die IG Metall eine staatliche Beteiligung an Thyssenkrupp Steel. „Thyssenkrupp steel sei nicht irgendein Unternehmen, sondern für den Industriestandort Deutschland systemrelevant und sichere die Existenz von zehntausenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Für eine sichere Zukunftsperspektive des Unternehmens und der Arbeitsplätze dort wird es ohne die Hilfe des Staates nicht gehen,“ so die Gewerkschaftler.

Thyssenkrupps Stahlsparte hoch-defizitär

Tatsache ist, dass das ehemalige Kerngeschäft von Thyssenkrupp seit Jahren hohe Verluste einfährt. In den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres trug die einstige Vorzeigesparte nur noch 5,46 Mrd. Euro zum Gesamtumsatz des Konzerns von 27,5 Mrd. Euro bei.

Dabei machte die Stahlsparte einen Verlust vor Zinsen und Steuern (EBIT) von -706 Mio. Euro. Nach dem erfolgreichen Verkauf der florierenden Thyssenkrupp-Aufzugssparte im März 2020 ist der Verkauf des defizitären Stahlgeschäfts wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Offen bleibt, wie viel Geld die Essener für ihre Stahlsparte bekommen werden. Dass der deutsche Staat in das Stahlgeschäft einsteigen wird, in welcher Form auch immer, halte ich für unwahrscheinlich.

kloeckner

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Tobias Schöneich
Von: Tobias Schöneich. Über den Autor

Tobias Schöneich, Jahrgang 1982, begeistert sich seit der Jahrtausendwende und somit seit den Zeiten des New-Economy Booms für das Thema Börse und alles unmittelbar damit Verbundene.

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