Autobauer und Elektrifizierung: Deutsche Parallelwelt

Daimler Mercedes Benz RED – shutterstock_525150721 Tadeas Skuhra

Die Bundesregierung wäre gut beraten, gegenüber der Autoindustrie die Samthandschuhe abzulegen – gerade wegen der Arbeitsplätze. (Foto: Tadeas Skuhra / Shutterstock.com)

Der Klimaschutz ist derzeit ein großes Thema – und er wird es wohl auch bleiben. Die radikale Reduzierung schädlicher Treibhausgase gilt als eine der drängendsten Herausforderungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte. Politik, Gesellschaft und Wirtschaft werden nicht umhinkommen, in einigen Bereichen Einschnitte vorzunehmen oder gänzlich neue Wege zu beschreiten.

Das Klimaschutzpaket, das die Bundesregierung kürzlich auf den Weg gebracht hat, findet insgesamt mehr Kritiker als Befürworter. Unterm Strich gehen die beschlossenen Maßnahmen wohl weder weit genug noch schnell genug. Die Klimakanzlerin Angela Merkel hat einmal mehr der Autokanzlerin den Vortritt gelassen.

Deutsche Autoindustrie wird traditionell geschont

Doch die anhaltende Rücksichtnahme auf Deutschlands wichtigste Exportindustrie könnte langfristig nach hinten losgehen. Bereits in den vergangenen Jahren waren Volkswagen, BMW und Daimler mehr damit beschäftigt, den Dieselskandal wegzureden anstatt mit neuen Technologien zu überzeugen. Unterdessen wurden sie von Tesla überholt, und auch die übrige Konkurrenz von Toyota bis Ford schläft nicht, sondern hat zum Teil sehr umfassende Elektrifizierungspläne auf den Weg gebracht.

In Deutschland hingegen agiert man eher zögerlich, will den Kunden weder ein Tempolimit zumuten noch eine Kaufentscheidung aufzwingen. Doch schon in den kommenden zehn Jahren könnte sich das rächen. Gleich mehrere Länder haben mittlerweile erklärt, in den 2030er Jahren keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr neu zulassen zu wollen.

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Aus für Verbrennungsmotor in China

Neben Frankreich, das sich ohnehin bevorzugt mit Fabrikaten seiner eigenen Hersteller versorgt, und Großbritannien, das im Brexit-Chaos mit ganz anderen Problemen konfrontiert ist, zählt unter anderem China zu den Staaten, die das Aus für den Verbrennungsmotor bereits beschlossen haben. Denkt man an die Smog-Bilder aus chinesischen Metropolen, erscheint diese Entscheidung ziemlich plausibel – und doch könnte sie sich für die deutschen Hersteller als problematisch erweisen.

Denn die erzielen längst einen Großteil ihrer Gewinne im Reich der Mitte. Daimler hat nach jahrelangen Schwierigkeiten und einer umfassenden Image-Kur wieder Fuß gefasst, Volkswagen macht in China längst mehr Umsatz als am deutschen Heimatmarkt. Anreize, die Elektrifizierung der Flotte oder die Entwicklung weiterer Antriebsalternativen voranzubringen, sind also offenkundig vorhanden.

Zeit, die Samthandschuhe abzulegen

Warum sich ausgerechnet die deutsche Bundesregierung weiterhin ziert und nicht bereit ist, gegenüber der Automobilindustrie die Samthandschuhe abzulegen und ebenfalls ein Ausstiegsdatum festzuschreiben, dürfte weniger auf sachpolitische als vielmehr auf wahlkampftaktische Überlegungen zurückgehen. Bei 16 Bundesländern ist schließlich immer irgendwo Wahlkampf, und sobald in Berlin die Worte „Auto“ und „Regelung“ in einen gemeinsamen Zusammenhang gestellt werden, heult die Nation auf und verweist auf die Arbeitsplätze.

Die sind wichtig, das ist nicht von der Hand zu weisen – und dennoch wird die Branche nicht umhinkommen, sich schon in den kommenden Jahren gänzlich neu aufzustellen, wenn sie nicht von der internationalen Konkurrenz verdrängt werden will. Wenn nämlich asiatische, US-amerikanische oder französische Hersteller in zehn Jahren eine starke und bereits erprobte E-Auto-Flotte vorweisen können, während die deutschen Modelle noch in den Kinderschuhen stecken und für den hiesigen Markt womöglich noch immer Benziner und vielleicht sogar Diesel vom Band laufen, dürfte es mit Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit mindestens genauso schwierig werden, die branchenspezifischen Arbeitsplätze umfassend zu erhalten.


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David Gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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