Banken: Wachsen, im Notfall mit Betrug

Die Achterbahnfahrt an der Börse geht weiter.

Gestern hat der DAX 1,5% gewonnen, heute 1,3% verloren. Belastungsfaktor war die fehlende Aussicht auf eine schnelle Lösung in der Euro-Schulden-Krise.

Welche Lösung der Kapitalmarkt auf dem Euro-Gipfel sehen will, konnten Sie am Aktienmarkt verfolgen.

Um ca. 13 Uhr tauchte plötzlich das Gerücht auf, dass die Bundesregierung doch noch Euro-Bonds akzeptiert. Der DAX schoss in die Höhe. Wenige Minuten später folgte das Dementi und der DAX stürzte innerhalb von Minuten auf das alte Niveau ab.

Bank-Aktien bleiben die Verlierer

Tagesverlierer sind heute wieder einmal die Bank-Aktien. Im DAX trägt die Commerzbank-Aktie die rote Laterne. Die Bank wird erneut umgebaut. Die Sparten Immobilien- und Schiffsfinanzierungen werden aufgegeben.

Jetzt sucht die Commerzbank eine Lösung, wie die Risiko-Positionen „entsorgt“ werden können.

Die Zahlen sind beeindruckend: Die Commerzbank muss noch ein Staatsanleihenportfolio in einer Größenordnung von 100 Mrd. Euro abbauen, gewerbliche Immobilienkredite kommen auf über 50 Mrd. Euro und Schiffskredite auf 17 Mrd. Euro.

Eine Idee ist es, die ganzen Risikopapiere in eine Bad Bank auszulagern. Dann könnte der Rest der Commerzbank (wieder einmal) einen Neustart versuchen.

Das einzige, was bei der Commerzbank an der Börse steigt, ist die Anzahl der Aktien. Dadurch sinkt ständig der Anteil der Alt-Aktionäre am Gesamtunternehmen.

Diese frustrierende Ausgangslage führt dazu, dass immer mehr Investoren aus der Banken-Branche fliehen. Das verstärkt den Abwärtstrend an der Börse.

Niedrige Zinsen belasten

Die Bankenkrise hat aus meiner Sicht zwei Ursachen. Punkt 1: Die Zinsen sind seit vielen Jahren zu niedrig!

Die Staatsverschuldung eskaliert in diesen Monaten, ist aber kein neues Problem. Spätestens seit dem Ende des Goldstandards Anfang der 70er-Jahre ist das Schuldenmachen auf Staatsebene groß in Mode gekommen.

In den 80er-Jahren hat der legendäre US-Notenbank-Chef Paul Volcker als letzter Idealist in der FED-Historie versucht, das System zu stabilisieren. Er hat die Zinsen dramatisch erhöht, damit die Luft aus den Spekulationsblasen entweicht.

Seine Nachfolger Greenspan und Bernanke erfüllen dagegen nur noch die kurzfristigen Wünsche der Wirtschaft, der Börse und der Politiker: Billiges Geld soll den Motor schmieren.

Das Problem: Wenn die Zinsen künstlich niedrig gehalten werden, fehlen attraktive Anlagemöglichkeiten. Speziell die Banken haben immer größere Risiken akzeptiert. Warum haben deutsche Landesbanken bis zum Limit amerikanische Immobilien-Papiere gekauft?

Antwort: Das waren die letzten Zins-Papiere mit Spitzen-Rating, die hohe Renditen abwarfen (die Geschichte hat dann gezeigt, dass die Rating-Noten zu gut und die Renditen zu niedrig waren).

Die Jagd nach attraktiven Zins-Anlagen hat eine gigantische Blase entstehen lassen. Hätten die Notenbanken höhere Leitzinsen festgelegt, wäre es nie zu dieser Fehlleitung von Kapital gekommen.

Das Problem: Es ist keine Lösung in Sicht! Die Notenbanken können die Leitzinsen nicht erhöhen, da dann die Zinsbelastung der Staaten steigt.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird den Leitzins nach meiner Einschätzung bereits im Sommer 2012 auf den niedrigsten Stand der EZB-Geschichte senken. Die US-Notenbank FED hat den Leitzins schon lange Zeit auf 0% festgesetzt.

In einem solchen Zinsumfeld müssen Banken „zocken“, wenn sie die Chance auf attraktive Renditen haben möchten. Und welche Bank gibt sich schon freiwillig mit kleineren Brötchen zufrieden?

Größenwahn: Immer höher, immer weiter

Die Analyse der Banken-Krise ist noch nicht abgeschlossen. Erste Studien zeigen aber, dass der Wunsch nach mehr Größe noch mehr Fehlentscheidungen ausgelöst hat als der Wunsch nach mehr Rendite.

Da aber das klassische Bank-Geschäft natürliche Grenzen hat, mussten neue Geschäftsfelder erfunden werden. Die Finanzbranche hat sich vollkommen von der Realwirtschaft gelöst. Kredite für Unternehmen und Konsumenten spielen für die großen Banken kaum noch eine Rolle.

Das große Geld machen die Banken untereinander. Es werden Luftschlösser gebaut. Die Geschäfte sind so kompliziert, dass selbst die Bank-Insider nicht durchblicken.

Ich habe hier im Schlussgong vor einigen Tagen berichtet, dass die US-Bank JP Morgan Chase mehrere Milliarden Dollar mit undurchschaubaren Derivate-Wetten verloren hat. Selbst nach intensiven Analysen konnte JP Morgan nicht sagen, wie hoch die Rest-Risiken sind.

Hohe Risiken steigern nur kurzfristig den Gewinn

Es macht auch keinen guten Eindruck, dass ausgerechnet Jamie Dimon, der Chef von JP Morgan, 2011 mit 23,1 Mio. Dollar der Gehalts-Krösus in der Banken-Branche war. Wie teuer wurde der kurzfristige Erfolg erkauft?

Das war auch kein Zufall. Die Nr. 2 auf der Gehaltsliste ist Bob Diamond, Chef der britischen Bank Barclays (Jahresgehalt 2011: 20,1 Mio. Dollar). Barclays füllt in dieser Woche die Zeitungen. Die Bank hat Manipulationen am Zinsmarkt gestanden und zahlt eine Strafe in Höhe von 450 Mio. Dollar.

Die Barclays-Manager haben zugegeben, den Libor-Zinssatz manipuliert zu haben. Der Libor ist der Wertmaßstab für weltweit gehandelte Wertpapiere mit einem Volumen von 350.000 Mrd. Dollar. Angesichts der Größenordnung lohnt es sich, an diesem Rädchen zu drehen.

Barclays ist auch nicht die Ausnahme. Insgesamt ermitteln die Aufsichtsbehörden gegen rund 20 Großbanken, die den Libor manipuliert haben sollen. Weitere Strafen werden folgen. Auch das spricht aktuell nicht unbedingt für Bank-Aktien.

28. Juni 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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