Bei Wirecard wird der Ton rauer. Nicht nur EY steht unter Druck

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

Im Wirecard-Skandal steigt die Kritik an den Wirtschaftsprüfern und den Aufsichtsbehörden (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

In der Frage, wer eigentlich die Verantwortung für das Wirecard-Debakel trägt, sind zuletzt immer häufiger auch die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young genannt worden. Nicht zuletzt deshalb, weil sie auf ihrem jahrelangen Prüfungsmandat keine Unregelmäßigkeiten entdecken konnten, wo die Kollegen von KPMG in ihrem 74-seitigen Abschlussbericht zur Sonderprüfung von Wirecard deutliche Worte zu Unzulänglichkeiten und Schwächen in der Organisation und Dokumentation gefunden haben.

EY unter Druck

Ob EY, wie sich das global operierende Netzwerk rechtlich selbstständiger und unabhängiger Unternehmen inzwischen selbst nennt, für den Bilanzskandal und damit für die Verluste der Anleger haftbar gemacht werden können, wird wohl die deutschen Gerichte beschäftigen, denn auf das Unternehmen dürfte nicht nur eine Prozesswelle, sondern eher ein Prozess-Tsunami zurollen.

Zumal eine echte Verteidigung für EY problematisch ist, denn formal unterliegt der Wirtschaftsprüfer nach wie vor der Verschwiegenheitspflicht. Ein Insolvenzverfahren ändert daran prinzipiell erst mal nichts. So kam es für die meisten überraschend, dass sich EY nun gegen die Vorwürfe wehrt. In einer ersten Stellungnahme heißt es, dass es deutliche Hinweise gebe, dass es sich um einen „umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren“. Ein konspirativer Betrug also, mit dem Investoren und die Öffentlichkeit systematisch getäuscht werden sollen und der auch mit einem normalen Prüfungsmandat nicht aufzudecken ist.

Wie bei Enron?

Dass die allgemeine Verschwiegenheitspflicht des Wirtschaftsprüfers, wenn nicht durchbrochen, so doch zumindest gedehnt wird, zeigt, wie viel für EY auf dem Spiel steht. Erinnerungen werden wach an Arthur Andersen, der einst den Bilanzbetrug von Enron gedeckt hatte. Mit der Folge, dass die weltweite Geschäftstätigkeit eingestellt und das Unternehmen aufgelöst werden musste.

Im Nachhinein muss man sich schon fragen wie EY im Jahr 2017 das Testat für die Singapurer Tochter verweigern, es für den Konzern aber ohne Einschränkungen erteilen konnte. Nicht nur nach Ansicht der Börsenzeitung hat EY damit „auf ganzer Linie versagt“. Zumal die Hinweise mannigfaltig waren. Wenn diese ganz offensichtlich ignoriert und stattdessen die gewünschten Testate erteilt werden, ist es für die Verantwortlichen schwierig, sich herauszureden.

Aufsichtsrechtliche Versäumnisse?

Doch auch die Bankenaufsicht hat sich nicht gerade von ihrer besten Seite gezeigt. Weil sie sich nicht zuständig gemacht hat. In den Augen der BaFin war der Zahlungsabwickler ein Technologieunternehmen, kein Finanzinstitut. Damit wurde lediglich die Wirecard Bank, Tochter der Wirecard AG, nicht aber die Muttergesellschaft von der BaFin überwacht. Obwohl sich die beiden Geschäftsmodelle nur schwer voneinander trennen lassen.

Aber auch, weil sich die BaFin recht nachsichtig bei den Verstößen gegen die Publizitätsvorschriften gezeigt hat. Bekanntlich war der mehrmals verschobene Jahresabschluss für das abgelaufene Geschäftsjahr nicht das erste Warnzeichen dafür, dass bei dem Aschheimer Unternehmen Rechnungslegung und Compliance nicht den Anforderungen eines börsennotierten Unternehmens im Prime Standard entsprachen. Und die von der BaFin verhängten Bußgelder zahlte Wirecard aus der Portokasse.

Nun steigt auch der Druck auf die BaFin. In einem Brief an die Europäische Finanzaufsicht (ESMA), aus dem die Süddeutsche Zeitung in ihrer Wochenendausgabe zitiert, fordert die EU-Kommission die ESMA auf, die Ereignisse und die “aufsichtsrechtliche Reaktion” zu untersuchen, die zum Zusammenbruch der Wirecard AG geführt haben. So soll die ESMA prüfen, ob die BaFin in den letzten Wochen angemessen reagiert und Anleger „vernünftig geschützt“ hat.

Womöglich aber ist das Anschreiben nur ein politischer Weckruf, um die Verantwortlichen aus der Politik aus ihrer Lethargie zu reißen. Denn weder aus dem Finanzministerium noch aus dem Wirtschaftsministerium wollte man in der Causa Wirecard bislang Fehler eingestehen.

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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

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