Bemerkenswerte Entwicklung der US-Wertpapierkredite

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Mit Kredit in Aktien spekulieren kann profitabel sein. Doch es gibt Tücken, die Sie dann kennen sollten! (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Die Zinsen sind seit Jahren sehr niedrig. Zumindest soweit es die Renditen für Guthaben oder Anleihen betrifft.

Wenn Sie Geld benötigen, beispielsweise als Kredit für Anschaffungen, sieht das ganz anders aus. Hier sind die Banken und Sparkassen inzwischen besonders „kreativ“.

Eine andere Möglichkeit, sich Liquidität für das Investieren (oder eher Spekulieren?) mit Wertpapieren zu verschaffen, ist ein sogenannter Effektenkredit. Der hat aber auch seine Tücken.

Apropos: Bei der Betrachtung der ausgereichten Wertpapierkredite in den USA ist mir etwas Eigenartiges aufgefallen.

Kreative Verbraucherkredite

Als ich Banker war – von 1980 bis 1996 – waren viele Dinge noch einfach.

Damals gab es für einen Ratenkredit einen festen Zinssatz, den der Schuldner für das aufgenommene Geld zahlen musste. Und daraus wiederum wurde der Effektivzins berechnet: Sozusagen der Zinseszins des Kredites.

Zugegeben: Ich habe mich schon seit vielen Jahren nicht mehr für das Prozedere bei Verbraucherkrediten interessiert. Verzeihen Sie mir also, falls das Nachfolgende für Sie ein alter Hut sein sollte:

„Produktmerkmale eines Sparkassenkredits: Gebundener Sollzinssatz: 3,92% – 10,47% p.a. (bonitätsabhängig) Effektiver Jahreszins: 3,99% – 10,99% p.a.“ (p.a. = per anno = pro Jahr)

Sie sehen: Heutzutage wird der Zins für Ihren Kredit individuell (man ist versucht zu sagen: willkürlich) anhand Ihrer „persönlichen Bonität“ festgelegt. Wenn Sie sich in der Vergangenheit also schon als zuverlässiger und pünktlich zahlender Schuldner bewiesen haben, dann zahlen Sie weniger Zinsen!

Es macht schon einen Unterschied aus, ob Sie für 10.000 Euro Kredit im Jahr 392 Euro oder 1.047 Euro berappen müssen, nicht wahr? Wobei ich einfach mal ins Blaue hinein vermute, das kaum eine Bonität ausreicht, um von Seiten der Sparkassen einen Kreditzins von weniger als 7,2% (das wäre der Mittelwert) zu rechtfertigen.

Die Tücken eines Wertpapierkredites

Ein ganz anderes Thema ist der Wertpapier- oder Effekten- oder Lombardkredit.

Hier müssen Sie bereits über ein bestehendes Depot verfügen. Die Höhe des Wertpapierkredits wird üblicherweise bestimmt vom Beleihungswert Ihres Portfolios:

So werden Bar-Guthaben zu 100%, Anleihen zu 75% bis 80% und Aktien zu 50% bis 60% ihres Kurswertes beliehen. Das bedeutet:

Der Beleihungswert und damit zugleich der Rahmen Ihres Effektenkredits schwanken mit jedem Börsentag. Das wiederum heißt:

Wenn die Aktienkurse mal kräftiger fallen, schmilzt der Beleihungswert Ihres Portfolios wie Eis in der Sonne. Bei einem reinen Aktiendepot mit beispielsweise 50.000 Euro Kurswert sinkt der Beleihungswert bei einem allgemeinen Kursrückgang von -20% von 25.000 Euro auf 20.000 Euro.

Und das hat dann Konsequenzen: Sie müssen nämlich bei voller Ausschöpfung Ihres Wertpapierkreditrahmens schnell die fehlenden 5.000 Euro heranschaffen oder Depotwerte verkaufen, um wieder in den Rahmen zu „passen“!

Und noch eine Tücke: Die comdirect bank berechnet Ihnen beispielsweise für einen Lombardkredit „nur“ 3,9% (3,98% effektiv) Zinsen pro Jahr. Bei Überziehung des Kreditrahmens werden Ihnen jedoch heftige 11,05% abgeknöpft!

Die Auswirkungen von Effektenkrediten in ihrer Gesamtheit

Die gerade genannten Tücken des Wertpapierkredits sind übrigens der Hauptgrund dafür, dass es am Aktienmarkt immer schneller abwärts als aufwärts geht:

Denn wenn die Beleihungswerte und somit die Rahmen der ausgehändigten Effektenkredite schrumpfen, dann führt das zu Zwangsverkäufen. Die Gläubigerbank stellt Sie vor die Wahl: Ausgleich des Kredits durch sofortige Zuführung von Bar-Liquidität oder eben Verkauf von Depotwerten, bis der Rahmen wieder passt.

Das wiederum führt zu verstärktem Angebot am Aktienmarkt und damit zu weiterem Kursverfall, wodurch die Beleihungswerte sinken und so weiter. Eine Abwärtsspirale wird in Gang gesetzt.

Auffälligkeiten bei der Entwicklung der US-Lombardkredite

Daher ist es für den geneigten Investor eine gute Idee, die Entwicklung der ausgegebenen Effektenkredite zu beobachten. Dazu zeige ich Ihnen einmal deren Gesamthöhe an der NYSE (New York Stock Exchange) und der Technologiebörse Nasdaq im Vergleich zum S&P 500.

Wertpapierkredit-Entwicklung an der Wall Street

Als erstes fällt auf: Die Zunahme der Wertpapierkredite insgesamt hat ein gigantisches Ausmaß angenommen.

Der Spitzenwert vor der Finanzkrise 2007 lag bei 416 Mrd. USD, vor dem Platzen der Internetblase im Jahr 2000 bei 300 Mrd. USD. Im Juni 2018 wurde ein bis heute gültiger Rekordwert von 668 Mrd. USD verzeichnet: Ein Anstieg von +60% (gegenüber 2007) bzw. +123% (gegenüber 2000).

Keine größere Abwärtsbewegung am Aktienmarkt kommt aus dem Nichts. Es gibt im Vorfeld stets erste Warnsignale, häufig nur erkennbar mit Hilfe der Charttechnik.

Bei der Entwicklung der Wertpapierkredite fällt auf: Offensichtlich „ahnen“ einige Marktteilnehmer alle Jahre wieder – das sind vor allem Großinvestoren – dass sich am Aktienmarkt etwas Übles zusammenbraut.

Daher werden im Vorfeld – also noch zu Top-Kursen – Lombardkredite abgebaut (grün unterlegt). Dem folgt dann über kurz oder lang der Absturz am Aktienmarkt (rot unterlegt).

Fazit

Wertpapierkredite sind eine feine Sache – solange die Aktienkurse sich nach oben bewegen. Dann sorgt die darüber zusätzlich generierte Liquidität für eine Hebelwirkung Ihrer Profite.

Doch wehe, wenn die Aktienmärkte stärker fallen: Dann kommt es unweigerlich zu einer Abwärtsspirale, ausgelöst durch die gesunkenen Beleihungswerte für die Lombardkredite.

Das ist für Sie als Nutzer eines Wertpapierkredites doppelt bedeutsam, weil Sie dadurch zu Aktienverkäufen gezwungen werden (können). Und solange Ihr Rahmen überzogen ist, wird Ihnen fast das Dreifache an Zinsaufwand berechnet!

Die Entwicklung der Wertpapierkredite an der Wall Street ist zumindest bemerkenswert: Seit dem Höchststand von 668 Mrd. USD im Juni 2018 hat sich das Volumen auf aktuell 556 Mrd. USD (-17%) ermäßigt – der S&P 500 ist indes munter weiter geklettert!

Diese Schere hat sich seit Anfang Oktober dieses Jahres auffallend deutlich geöffnet!

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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