Bestätigt: Banken-Prognosen sind wenig verlässlich

„Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen.“

Dieses hübsche geflügelte Wort wird Niels Bohr zugeschrieben. Der dänische Physiker, der von 1885 bis 1962 lebte, soll mit diesen Satz in einem Seminar auf die Frage nach der Zukunft der Quantenphysik geantwortet haben.

Doch wozu gibt es überhaupt Prognosen? Schließlich kann niemand die Zukunft voraussehen. Die Antwort passt zu meinem gestrigen Thema: Unsicherheit.

Wir Menschen sind unentwegt darum bemüht, Vertrautheit in einer Welt zu schaffen, die permanenten Änderungen unterliegt. Prognosen vermitteln uns das beruhigende Gefühl, schon heute zu wissen, was uns später einmal erwartet.

Das ist natürlich blanke Illusion! Was Finanzmarkt-Prognosen betrifft, habe ich in den rund 35 Jahren als Börsenprofi die Erfahrung gemacht, das Statistiken, vor allem jedoch die Anwendung der Charttechnik die besten Voraussagen erlaubt. Warum?

Weil die Charts nur die Kurse widerspiegeln, die aufgrund der Kauf- und Verkaufsentscheidungen von Menschen zustande gekommen sind. Und wir Menschen haben nun einmal die Neigung zur Gier (wie im Februar) oder zur Angst (wie zu Wochenbeginn).

Experten wird ja im Allgemeinen zugetraut, solide Vorhersagen treffen zu können – schließlich verfügen sie in ihrem Spezialgebiet über Wissen, Kenntnisse und Erfahrungen, die uns Laien verborgen bleiben. In puncto Börse zählen die Banken zu den ausgewiesenen Fachleuten.

Das ZEW, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, befragt seit 2001 jedes Vierteljahr 21 Banken, wie sich die „6 wichtigsten Finanzmarktgrößen in Europa“ ihrer Ansicht nach entwickeln werden.

Die von den Fachleuten abgegebenen Einschätzungen beziehen sich auf die Entwicklung von kurz- und langfristigen Zinsen im Euroraum, des Dow Jones Stoxx 50-Index, des Deutschen Aktienindex DAX 30, des Euro / US-Dollar sowie des Ölpreises der Sorte Brent in USD. Stichtage der Prognosen sind jeweils die Enden der beiden folgenden Quartale.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle noch eine Zwischenbemerkung: Die vom ZEW befragten Banken haben es insofern schwer, als sie angeben sollen, wo die genannten Finanzmarktgrößen am Stichtag notieren.

Ich persönlich sehe mehr Sinn in Zeitraum-bezogenen Prognosen – welchen Höchst- oder auf Tiefstwert kann ein Markt in der betrachteten Zeitspanne erreichen.

Gestern endete das erste Halbjahr 2015. Das erlaubt es uns, einmal zu schauen, wie sich die Bank-Experten bei ihren Prognosen für diesen Zeitraum geschlagen haben:

Die HeLaba (Hessische Landesbank) gab im Dezember 2014 mit 8.900 Punkten für den DAX 30 die pessimistischste Vorhersage ab. 2 Banken sahen den deutschen Leitindex am 30. Juni bei 10.700 notieren. Der Durchschnitt aller Prognosen lag bei 10.109.

Mit dem Halbjahres-Schlussstand von 10.944 Punkten, lagen Santander Bank und Weberbank also gar nicht so schlecht. Allerdings:

Als das ZEW im April dieses Jahres die 3-Monats-Vorhersagen für den Stichtag 30. Juni zusammentrug, hatten die beiden Institute – vielleicht inspiriert durch den zwischenzeitlichen DAX-Anstieg auf 11.900 Punkte? – ihre Schätzwerte auf 12.000 Zähler korrigiert.

Der Minimalwert der 3-Monats-Prognosen wurde übrigens mit 10.300 – Sie erraten es gewiss schon – von der zwar inzwischen optimistischeren, aber dennoch im Grundton weiter skeptischen HeLaBa angegeben.

Deutlich über das Ziel hinaus schossen die Allianz mit 12.300 und die LBBW (Landesbank Baden-Württemberg) mit sogar 12.500 Punkten. Der Durchschnitt der insgesamt 17 Voraussagen wurde vom ZEW mit 11.818 festgestellt.

Fazit

Die Optimisten lagen somit bei der 3-Monats-Prognose um satte 1.556 Punkte zu hoch, die Pessimisten um 644 Zähler zu niedrig und alle 17 Banken zusammen um 874 Punkte zu hoch.

Für die 6-Monats-Vorhersage ergeben sich folgende Abweichungen von der Realität: Optimisten: 244 Zähler zu niedrig. Pessimisten: 2.044 Punkte zu niedrig. Durchschnitt: 835 Punkte zu niedrig.

Damit zeigt sich wieder einmal: Wenn Sie sich bei Investments auf die Aussagen von Banken verlassen, dann „sind Sie verlassen“. Mein Eindruck ist: Die Banken lassen sich in der Breite bei ihren Prognosen allzu sehr vom Börsenverlauf zum Zeitpunkt der Erhebung beeinflussen.

Nachfolgend die Tabellen für die beiden betrachteten Zeiträume. So können Sie selbst nachschauen, wie sich die Experten denn bei den anderen 5 Finanzmarktgrößen so „angestellt“ haben.

zew-6-monatsprognose vom dezember 2014-01-07-2015

ZEW-6-Monatsprognose vom Dezember 2014: Völlig daneben!

zew-3-monatsprognose vom april 2015-01-07-2015

ZEW-3-Monatsprognose vom April 2015: Besser, aber nicht wirklich gut

1. Juli 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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