Boeings 737-Max darf bald wieder abheben

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Lichtblick für Boeing: Die 737-Max darf wieder fliegen – doch die Probleme der Luftfahrtbranche sind immens. (Foto: Maxene Huyiu / shutterstock.com)

Nun also auch Europa: Nach Angaben der zuständigen EU-Luftfahrtbehörde soll die Boeing 737-Max bald auch in der europäischen Staatengemeinschaft wieder abheben dürfen. Die USA hatten die Wiederzulassung bereits im November erteilt, auch in Brasilien dürfen Maschinen des Typs bereits wieder starten und Kanada stellt eine Zulassung in den kommenden Tagen in Aussicht.

Für Boeing ist damit ein wichtiges Etappenziel erreicht in einem Desaster, das vor mehr als zwei Jahren begann. Zwei Abstürze von Flugzeugen des Typs 737-Max innerhalb weniger Monate in Äthiopien und Indonesien sorgten dafür, dass die Maschinen ab März 2019 mit einem weltweiten Flugverbot belegt wurden.

Anpassungen der Software

Die Ursache der Abstürze war demnach auf ein Softwareproblem zurückzuführen – sowie auf die unzureichende Schulung der Piloten im Hinblick auf eben diese Softwareänderungen und den Umgang damit. Weil das Flugzeug in der Luft anders reagierte als erwartet und die Piloten keine Informationen darüber erhalten hatten, wie sie darauf adäquat reagieren sollen, verloren sie letztlich die Kontrolle und stürzten ab. Mehr als 300 Menschen verloren bei den beiden Unfällen ihr Leben.

Nun hat Boeing nachgebessert, die Software angepasst und die Schulungsanforderungen für Piloten hochgesetzt und erfüllt damit nach knapp zwei Jahren am Boden wohl die Anforderungen der Flugsicherungsbehörden. Doch der Schaden sitzt tief.

Erheblicher Vertrauensverlust

Das weltweite Grounding hat dazu geführt, dass etliche Airlines ihre bereits getätigten Bestellungen stornierten und stattdessen Maschinen bei Boeings stärkstem Konkurrenten, dem europäischen Hersteller Airbus orderten. Mit der intensiveren Nachschulung der Piloten, die nun wohl erforderlich wird, fällt zudem ein starkes Verkaufsargument weg: Früher hatte es von Seiten des Herstellers geheißen, dass Piloten, die bereits andere 737 geflogen waren, nur ein kurzes Schulungsupdate erhalten sollten, um die 737-Max zu beherrschen – ein fataler Fehler, wie sich herausgestellt hat.

Zudem kämpft Boeing mit einem Vertrauensverlust, der jedoch weit über den Hersteller und den einzelnen Maschinentyp hinausgeht. Der Fall hat fragwürdige Genehmigungsverfahren und unzureichende Prüfstrukturen bei den Zulassungsbehörden offengelegt, auch personelle Veränderungen hat die Krise nach sich gezogen. Boeing wird seit Januar 2020 von David Calhoun geleitet, nachdem sich Dennis Muilenburg im Kontext des 737-Max-Debakels zum Rückzug gezwungen sah.

Vollbremsung statt Wachstumskurs

Darüber hinaus sieht sich die Luftfahrtbranche insgesamt mit weiteren Herausforderungen konfrontiert. Hatte man ihr eigentlich stetiges Wachstum für die kommenden Jahre vorausgesagt, war es damit im Frühjahr 2020 abrupt vorbei. Geschlossene Grenzen, Reisebeschränkungen und dergleichen mehr führten zu einem weitgehenden Stillstand des Luftverkehrs. Lediglich der Frachtverkehr lief noch einigermaßen, doch es wurde nur ein Bruchteil der Passagierzahlen eines normalen Jahres befördert.

Nach wie vor gelten in vielen Regionen der Welt Reisebeschränkungen. Traditionsreiche Reise- und Luftfahrtunternehmen – in Deutschland beispielsweise Tui und die Lufthansa – sind auf staatliche Hilfen angewiesen, um eine Insolvenz abzuwenden. Zeitweise fielen bei der Lufthansa mehr als 90 Prozent der Flüge aus, Tui hatte in der Hauptreisesaison ebenfalls mit erheblichen Stornierungen zu kämpfen.

Erholung nach Corona fraglich

Eine Normalisierung ist bis auf weiteres nicht in Sicht, zumindest die kommenden Monate dürften weiterhin von Beschränkungen bestimmt werden. Ob sich die Luftfahrtbranche danach wird vollständig erholen können, bleibt abzuwarten.

Einerseits hat sich das Reiseverhalten vieler Kunden durch die Pandemielage verändert, vor allem Geschäftsreisen werden vielfach als nicht unbedingt notwendig erachtet: Per Videokonferenz lassen sich einige Dinge ebenso gut, dafür aber erheblich aufwandsärmer und kostengünstiger regeln, von der Zeitersparnis ganz zu schweigen.

Reisen auf eigenes Risiko

Auch vielen privaten Touristen könnte die Lust auf Fernreisen vorerst vergangen sein, zumindest solange die Pandemielage weiterhin so unklar ist und man Gefahr läuft, am anderen Ende der Welt zu erkranken oder von dort plötzlich nicht mehr ohne weiteres wegzukommen. Ein umfassendes Rückholprogramm für gestrandete Touristen, wie es die Bundesregierung im Frühjahr umgesetzt hatte, wird wohl einmalig bleiben, das hat die Politik bereits früh klargestellt. Wer jetzt reist, tut das auf eigenes Risiko.

Hinzu kommt die Krise, die schon länger schwelt und auch die Pandemie überdauern wird: der Klimawandel. Flugreisen gelten nach wie vor als die klimaschädlichste Fortbewegungsart. Hier werden erhebliche technische Innovationen erforderlich sein, um die CO2-Bilanz der gigantischen Jets deutlich zu verbessern. Andernfalls ist perspektivisch zum einen mit freiwilligem Verzicht auf Flugreisen durch die zunehmend umweltbewusste jüngere Generation zu rechnen, zum anderen sind auch staatliche Regulierungen denkbar, wie sie schon jetzt in Teilen für die Automobilindustrie gelten.

Luftfahrt Aktien unter Druck

Es sind also gleich in mehrfacher Hinsicht harte Zeiten, mit denen Boeing zu kämpfen hat. Dementsprechend ist die Wiederzulassung der 737-Max für den internationalen Luftverkehr zwar ein wichtiger Meilenstein, aber noch lange nicht die Lösung aller Probleme. Anleger wissen das – und ließen die Aktie 2020 massenhaft fallen. Um 40 Prozent ist der Kurs des Papiers binnen Jahresfrist eingebrochen, kurzfristig steigt die Boeing Aktie jedoch mit Blick auf die anstehende Wiederinbetriebnahme der neuesten 737-Generation.

Bei der Lufthansa fällt die Entwicklung ähnlich schwach aus, die Aktie hat auf Jahressicht rund ein Drittel an Wert verloren – das gleiche Bild zeigt sich für die Tui Aktie. Während Analysten für Boeing allmählich wieder verhalten optimistisch argumentieren, sehen sie für die Aktien von Tui und Lufthansa weiterhin schwarz: Fast einstimmig wird hier von Experten zum Verkauf geraten.

Boeings wichtigster Konkurrent Airbus verzeichnet binnen 12 Monaten zwar auch einen Aktieneinbruch um mehr als 30 Prozent, Analysten sind hier aber weitaus optimistischer: Hier mehrten sich zuletzt die Kaufempfehlungen.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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