Börse: Ich lasse mir die Freude nicht nehmen

Geht es Ihnen gut? Ich hoffe.

Macht ihnen die Börse derzeit noch Spaß? Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit der Börse geht. Dass sie mir derzeit richtig Spaß macht, wäre eine übertriebene Aussage.

Ein Beispiel:

Letzte Woche notierte der DAX 30 noch mit 10776 Punkten. Gestern sackte er durch bis auf 10.300 Punkte.

Haben Sie nachhaltig belastende Nachrichten für die Börse gehört? Ich nicht. Und doch rauscht der DAX 30 „mal eben“ 4,5% abwärts.

Die Hexen sind (auch) Schuld

Zum Teil sorgt der Hexensabbat für die auf- und abwärts tanzenden Kurse. Dazu habe ich Ihnen letzte Woche in meinem Kommentar „2 Tipps – gültig bis 16.09.2016„ geschrieben.

Institutionelle Anleger kaufen und verkaufen vor dem großen Verfallstag (Freitag dieser Woche) Aktien, um am Abrechnungstag für ihre Futures und Optionen gute Abrechungskurse herbeizuführen.

Das begründet aber nur die kurzfristigen Kurskapriolen, die Sie täglich beobachten können.

Mittelfristig gesehen notierte der DAX 30 schon im Januar 2015 auf dem aktuellen Kursniveau. Danach ist er einmal rund 2.000 Punkte über dieses Kursniveau nach oben ausgebrochen.

Danach tauchte er knapp 2.000 Punkte unter dieses Kursniveau ab. Letztlich pendelte er sich etwas über 10.000 Punkte – also auf dem aktuellen Kursniveau – ein und macht ……… nichts.

Fundamentale Daten sind zweitrangig

Die Kurse werden derzeit von der Liquidität gesteuert. Die Nullzins-Politik sorgt für eine Flucht des Geldes in Aktien und Optionen, da es keine renditestarken Alternativen gibt.

Früher gültige Bewertungs-Kennziffern [Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), Buchwert etc.] als Basis für Investitions-Entscheidungen heranzuziehen, funktioniert nicht mehr.

Dasselbe gilt für die Charttechnik. Beide Kriterien sind nach wie vor sinnvoll.

Wenn Sie jedoch eine neue Aussage der Notenbanker zur Zinspolitik hören, sind Bilanz-Kennziffern Makulatur und der Kurs geht durch charttechnische Widerstände oder Unterstützungen wie das sprichwörtliche heiße Messer durch die Butter.

Aus einer Rede des Bundespräsidenten a.D. Prof. Dr. Horst Köhler

Lesen Sie in diesem Zusammenhang einmal, was der Ex-Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler gesagt hat (Auszüge):

„Der Kapitalismus – kreative Zerstörung?“

„Eine vergleichsweise kleine Sonderinteressengruppe, die Akteure auf den internationalen Finanzmärkten nämlich und im Besonderen die Gruppe der sogenannten Investment-Banker, hat in der Bankenwelt, im Finanz-System und in der Weltwirtschaft … einen Schub der Zerstörung ausgelöst:

(1) mit neuen Produkten in Gestalt der Finanz-Derivate,

(2) mit neuen Produktions-Methoden dank Internet, komplexer mathematischer Modelle und Supercomputer,

(3) durch die Erschließung neuer Absatzmärkte z. B. in der Immobilien-Finanzierung für Habenichtse, in der Spekulation mit Rohstoffen und durch den Absatz von Schrottpapieren beim dumb German money,

(4) dank der Erschließung neuer Bezugsquellen, beispielsweise in Form von Regelungs-Arbitrage und von Wetten auf neuen Gebieten, vom Neuen Markt bis zu den emerging markets, und

(5) schließlich durch den Aufbau einer mächtigen Interessen-Vereinigung mit Kartell- und Lobby-Charakter in der Wall Street und in der City of London, die kollusiv (kollusiv: unerlaubt zum Nachteil eines Dritten zusammenwirkend, Anmerkung Redaktion) zusammenwirkt.“

Das sind Zitate aus der Rede des Bundespräsidenten a.D. Prof. Dr. Horst Köhler in Herrenberg am 31.01.2013 vor den Mitgliedern einer Volksbank – Worte vom ehemals ersten Mann des Staates und einem anerkannten konservativen Politiker.

Zur Erinnerung: Auch als amtierender Bundespräsident hat er die Auswüchse der Märkte als „Monster“ bezeichnet (Mai 2008).

Börse: Ich lasse mir die Freude nicht nehmen

Durch den Börsengang nehmen Aktiengesellschaften Kapital auf, das sie zur Durchführung und zum Ausbau ihrer Geschäfte benötigen.

An der Börse können Anteilsscheine an den Unternehmen (Aktien) und Optionen auf diese Aktien gehandelt werden. Wer sich solide informierte, wusste, dass er in gute Papiere investiert hatte.

So war es in den bis vor noch wenigen Jahren noch nicht zerstörten Finanzmärkten. Diese Börse wünsche ich mir zurück. Und ich bin optimistisch, dass diese Börse auch wiederkommt.

Finanzmärkte, die von Sonderinteressengruppen unerlaubt zum Nachteil eines Dritten (und das sind Sie und ich als private Anleger) zerstört werden, die will ich nicht.

Und doch lasse ich mir die Freude am Börsen-Geschäft nicht nehmen, auch wenn es Tage gibt, an denen es nicht einfach ist.

Zum guten Schluss: Heute vor 186 Jahren, also am 13.09.1830, kam die österreichische Schriftstellerin Freifrau Marie von Ebner-Eschenbach zur Welt. Sie schrieb:

„Die stillstehende Uhr, die täglich 2x die richtige Zeit angezeigt hat, blickt nach Jahren auf eine lange Reihe von Erfolgen zurück.“

So geht es auch den ewigen Crash-Propheten, die seit Jahren sagen, es kommt zum Crash im Euro, im Gold, im Silber, in Anleihen – und überhaupt überall.

Alle paar Jahre werden die Crash-Propheten aus dem Hut gezaubert, wenn Sie zufällig mal wieder Recht haben.

Deshalb mein Tipp: Wenn Ihnen mal wieder irgendwo ein „Crash-Guru“ präsentiert wird, dann ist das einer, der seit Jahren kein Geld verdient hat, weil er immer den Crash gepredigt hat. Beachten Sie ihn nicht.

Börse hin, Börse her: Genießen Sie den herrlichen Spätsommer!

© Rainer Heißmann – Weiterverbreitung nur mit Link auf den Originaltext gestattet

13. September 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rainer Heißmann. Über den Autor

Rainer Heißmann ist Autor für Wirtschafts- und Börsenfachpublikationen und Chefredakteur vom "Optionen-Profi". Außerdem ist er Autor des Buchs "Reich mit Optionen". Seine größte Stärke: Komplexe Sachverhalte so zu erklären, dass sie auch dem Nicht-Fachmann verständlich und nachvollziehbar werden.

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