Börse: Italien-Wahl rückt in den Fokus der Anleger

Zins-Ängste und bevorstehende politische Ereignisse verunsichern die Anleger. Aus meiner Sicht zu Unrecht. (Foto: Delpixel / Shutterstock.com)

Während sich die Aktienkurse in den USA nach den deutlichen Kursabschlägen Anfang Februar schon wieder deutlich erholt haben, hinken die Börsen in Europa dieser Entwicklung klar hinterher. Nachdem es zuletzt unter dem Strich eine Seitwärtsbewegung gab, ging es heute im Tagesverlauf wieder etwas deutlicher bergab.

Einige Marktteilnehmer erklären dies mit der Angst vor einer deutlicheren Zinswende in den USA. Ich halte diesen Erklärungsansatz für nicht stichhaltig. Denn der neue Chef der US-Notenbank Fed hat in seiner Rede zu Beginn dieser Woche keinen Anlass zu derartigen Spekulationen gegeben.

Die 4 Zinsschritte in diesem Jahr, die einige Marktteilnehmer für wahrscheinlich halten, sind nach meiner Einschätzung unwahrscheinlich. Ich rechne mit 3 Zinsschritten. Und selbst eine vierte Zinserhöhung würde das Zinsniveau nicht nachhaltig nach oben treiben.

Für eine gemäßigte Zins-Politik spricht auch die Tatsache, dass ein führender Fed-Banker zuletzt geäußert hatte, dass mehr als 2 Zinsschritte im laufenden Jahr nach seiner Einschätzung übertrieben seien. Wenn man die Bandbreite der Schätzungen sieht (2 bis 4 Zinserhöhungen), würde die Fed mit 3 Erhöhungen alle Seiten halbwegs glücklich machen.

Das Zins-Thema eignet sich daher aktuell nicht als Kursbremse am Aktienmarkt. Ich gehe vielmehr davon aus, dass die an diesem Wochenende anstehende Italien-Wahl und der Ausgang des Mitgliederentscheids in der SPD bzgl. einer Fortsetzung einer Großen Koalition (GroKo) in den Fokus der europäischen Anleger gerückt sind und damit für Kursverluste gesorgt haben.

Euro-Skeptiker Favoriten bei Italien-Wahl

Italien steht vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Die italienische Staatsverschuldung verharrt auf einem hohen Niveau. Die Verschuldung des Landes liegt bei 2,3 Billionen Euro bzw. 132% des Bruttoinlandsproduktes. Werte über 60% gelten bereits als kritisch und sind laut EU-Vereinbarung nicht zulässig – aber an diese Regeln halten sich nur wenige Länder.

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Hinzu kommt in Italien eine Jugendarbeitslosigkeit von 32,2%. Nach meiner Einschätzung bräuchte das Land eine italienische Version des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Ein solcher Kandidat ist aber nicht in Sicht. Stattdessen ringen Parteien um den Einzug ins Parlament, die sich auf andere Themen konzentrieren und Favorit bei der Wahl ist eine Partei von Euro-Skeptikern. Das sorgt für Unsicherheit.

Reaktion an den Börsen unbegründet

Aus meiner Sicht ist die Reaktion an den Börsen aber unbegründet. Denn der Ausgang der Wahl in Italien hat allenfalls einen sehr geringen Einfluss auf die Entwicklung europäischer Unternehmen.

In den vergangenen Tagen haben die Unternehmen hierzulande überwiegend gute bis sehr gute Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr vorgelegt und auch der Ausblick auf das laufende Jahr fiel fast immer positiv aus. Auch die Stimmungsindikatoren geben nach wie vor keinen Anlass zur Sorge.

An den europäischen Börsen jedoch herrscht Unsicherheit und es wird beinahe jede Gelegenheit genutzt, um Gewinne mitzunehmen. In den vergangenen Jahren haben aber zahlreiche politische Ereignisse, wie beispielsweise der Brexit oder die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten gezeigt, dass der negative Einfluss von politischen Entscheidungen auf die Börsen allenfalls von kurzer Dauer ist. Hier gilt die alte Börsenweisheit „politische Börsen haben kurze Beine“.

Insofern bieten die aktuell günstigeren Kurse bei zahlreichen Unternehmen aus meiner Sicht sehr gute Einstiegsgelegenheiten. Die Liste der potenziellen Neu-Empfehlungen für die Depots meiner Börsendienste wird dieser Tage immer länger.


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Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.