Brexit: Ein Schritt vor – zwei zurück. Was Sie als Trader machen können

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Wir gehen wohl in die Verlängerung. Das Zeitspiel der Briten war erfolgreich. Donald Tusk gibt auch noch Rückendeckung. Ein 2. Referendum wurde jedoch abgelehnt. (Foto: nito / shutterstock.com)

Zeitspiel! So würde es beim Fußball heißen. Es ist schon verrückt, was die Politiker machen, wenn sie eigentlich ein Ergebnis vorlegen sollen. Der Austritt von Großbritannien aus der EU wurde per Bürgerentscheid überraschend beschlossen. Dann hatten die Verantwortlichen fast drei Jahre Zeit sich mit der EU zu einigen.

Und was ist das Ergebnis? Das Unterhaus hat gestern abgestimmt, dass es den möglichen Brexit verschieben möchte. Natürlich. Schließlich kam der auch so plötzlich und unerwartet.

Zweites Referendum: Nay!

Es gab sogar noch die Möglichkeit, dass die Briten ein zweites Referendum hätten abhalten dürfen. Quasi die Bevölkerung noch einmal fragen, ob sie den Austritt aus der EU immer noch möchten. Es war die Chance der Politiker den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und keine Entscheidungen treffen zu müssen. Doch dagegen stimmten gestern immerhin zwei Drittel der Abgeordneten.

Somit wird es wohl doch einen Brexit geben. Zumindest wurde die zweite Meinung der Bevölkerung nicht erfragt. Was bleibt ist das Austrittsdatum. Das ist der 29. März, also in zwei Wochen. Aber wie wir den Brexit kennen, wird diese Frist wahrscheinlich auch verstreichen. Schließlich haben gestern ja auch zwei Drittel der Abgeordneten für eine Fristverlängerung gestimmt.

Das ist in etwa so, wie mit der Diätenerhöhung im Bundestag. Da gibt es auch wenig Gegenstimmen. Wie wäre es, wenn morgen Studenten abstimmen könnten, ob sie ihre Masterarbeit verschieben? Oder Projektmanager in Wirtschaftsunternehmen. Diese können auch nicht zum Kunden gehen und sagen: Wir haben intern abgestimmt. Die Deadline wird um sechs Monate verschoben. So etwas geht nur in der Politik. Die Frage ist allerdings, ob die EU das mit sich machen lässt.

Und damit meine ich jetzt nicht Brüssel. Vielmehr müssen alle 27 Mitgliedsstaaten der Verlängerung zustimmen. Nur weil die britischen Politiker keinen gemeinsamen Nenner finden können, wird der Brexit-Kaugummi immer mehr in die Länge gezogen. Gut möglich, dass es da einen Ausreißer unter den 27 Staaten gibt, der einfach keine Lust mehr hat.

Wir haben Zeit!

So sieht es zumindest Ratspräsident Donald Tusk. Der möchte sogar für einen langen Aufschub des Brexits werben. Vermutlich bis irgendwann wirklich keiner mehr den Austritt aus der EU möchte. Laut Tusk sollen die britischen Politiker sich reichlich Zeit nehmen, um ihre Strategie zu überdenken und einen Konsens herzustellen. Das fragt man sich doch, wenn es nach fast drei Jahren nicht geklappt hat, warum sollten wir noch einmal drei Jahre drauflegen? Was ist dann tatsächlich anders?

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Möchten Sie noch einen Witz dazu lesen? Die Abstimmung über das zweite mögliche Referendum hatte keine wirkliche Bedeutung, sie war eher ein Testlauf. Man könne nämlich ein zweites Referendum nur mit etwa sechs Monaten Vorlauf organisieren. Und das ginge natürlich wiederum nur, wenn der Brexit verschoben werden würde…

Schauen wir auf etwas konkretes, wie den britischen Aktienindex

Der FTSE 100 kämpft verständlicherweise gerade wie ein Irrer mit der EMA-200. Die gewichtete 200-Tagelinie wird die Richtung angeben, in die es für die Briten in Zukunft läuft. Genauso, wie sich die Politiker in den Brexit-Verhandlungen quer stellen, machen es auch die Kurse. Es gibt einfach keine Entscheidung und das seit Wochen.

Als Trader können Sie darauf jetzt noch einige Tage spekulieren. Die Kurse bewegen sich offensichtlich im Bereich zwischen 7.050 und 7.250 Punkten. Laufen die Kurse in den unteren Bereich, wetten Sie auf steigende Kurse. Sind sie nahe der oberen Grenze, tippen Sie auf fallende Kurse. Wichtig ist hierbei, dass Sie nicht zu gierig werden. Nehmen Sie immer nur ein paar Punkte jeden Tag mit. Das reicht völlig aus. Wie Sie sehen, ist die tägliche Handelsspanne sehr gering.

Wir können eigentlich davon ausgehen, dass der Brexit verschoben wird und damit auch die Entscheidung, wie es ausgeht. Tendenziell ist das eher positiv, denn damit wird zumindest schon einmal der teure „harte Brexit“ verhindert – immerhin vorerst. Das würde bedeuten, dass der FTSE 100 eher Potential auf der Oberseite hat.

Allerdings ist das ein extrem dünnes Eis. Hier wird sich kein Analyst festlegen wollen und das ist auch gut so. Das Chaos um den Brexit herum ist unmöglich einzuschätzen. Umso wichtiger ist es, dass Sie jetzt keine großen Investitionen in den FTSE 100 tätigen.


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Von: Michael Berkholz. Über den Autor

Michael Berkholz entdeckte vor einigen Jahren seine Leidenschaft fürs Trading und gibt sein Wissen heute mit großer Leidenschaft an seine Leser weiter.