Brexit und kein Ende

Brexit Flaggen London – shutterstock_442357747 Zoltan Gabor

Das britische Parlament hat entschieden – nichts zu entscheiden. Die unendliche Geschichte dauert an. (Foto: Zoltan Gabor / Shutterstock.com)

Sie kennen die alte Börsenweisheit – auch ich habe sie hier in Chartanalyse-Trends schon zahllose Male zitiert:

„Börsen hassen Unsicherheit.“

Daher warten wir Anleger gerne auf Entscheidungen – zumeist politischer Natur: Sie sollen die Zeit der Unsicherheit beenden. Nicht selten führen dann auch negative Entscheidungen zu positiven Börsenverläufen – wie nach dem Brexit-Entscheid im Sommer 2016 zu sehen.

Seit jenen Tagen schwebt die Umsetzung der Entscheidung des britischen Volks, aus der Europäischen Union auszutreten, über den europäischen Aktienmärkten wie das legendäre Damoklesschwert.

Wer sich von der gestrigen Abstimmung im britischen Parlament eine endgültige Entscheidung zu diesem leidigen Thema erhofft hat, wurde eines Besseren belehrt:

Die Politik hat entschieden, nichts zu entscheiden. Mit möglicherweise üblen Folgen für die europäischen Aktienmärkte.

Mögliche Konsequenzen des gestrigen „No“

Das britische Parlament sollte am Dienstagabend den von der Regierungs-Chefin Theresa May mit der Europäischen Union (EU) im vergangenen Jahr ausgehandelten Brexit-Deal absegnen.

Das ist nun grandios gescheitert: 432 Parlamentarier sagten „No“ zum May-Deal, lediglich 202 stimmten zu. Doch das Ergebnis hat möglicherweise noch fatalere Konsequenzen:

Die britische Opposition in Gestalt der Labour-Partei reagierte umgehend mit einem Misstrauensvotum, dem sich die Premierministerin heute Abend um 20 Uhr MEZ stellen muss. Das bedeutet:

Verliert die britische Regierungs-Chefin auch diese Abstimmung, dann wird es in Großbritannien Neuwahlen geben. Und dann wird ein Brexit, sollte er überhaupt noch vom Volk gewollt sein, weiter hinausgezögert.

Denkbar ist indes auch ein „harter Brexit“: Damit ist ein sofortiger Ausstieg aus der Europäischen Union gemeint:

Ein solcher Brexit wäre dann allerdings ungeregelt und daher mit unabsehbaren, weil chaotischen Folgen für die Arbeits- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen Großbritannien und Europa verbunden: Der Warenverkehr wäre schlagartig mit Zöllen belastet.

Und wenn May das Misstrauensvotum „überlebt“? Dann ist ebenso unklar, wie es weitergeht. Eine Neuverhandlung der Austrittsbedingungen hat die EU bereits strikt abgelehnt.

Die Unsicherheit bleibt damit nicht nur für die Briten und Europa bestehen, sondern eben auch für die Börsen. Und möglicherweise wird sie ab heute Abend noch vergrößert.

Der Brexit schadete vor allem den Briten

Nun: Sie als Leser von Chartanalyse-Trends interessiert natürlich vor allem, wie sich dies charttechnisch auf die Aktienmärkte auswirken könnte. Schauen wir zunächst einmal auf einen Vergleich von 4 wichtigen Finanzmärkten:

Index-Vergleich: Die Briten schadeten sich selbst am meisten

Als Startzeitpunkt des Vergleichs habe ich den Termin des Volksentscheids zum Brexit Ende Juni 2016 gewählt. Sie sehen es selbst:

Die Brexit-Ambitionen haben vor allem den britischen Aktien geschadet!  Im besten Fall lag der FTSE 100 seither im Sommer 2018 einmal +18% im Plus: Das ist bis dato auf nur noch +5% zusammengeschmolzen.

Wie zu erwarten, belastete das Hickhack um den Brexit die Wall Street am wenigsten: In der Spitze lag der S&P 500 mit +39% vorn. Selbst nach dem Dezember-Debakel beträgt der Zuwachs seit Juni 2016 noch immer knapp +20%.

Der französische CAC 40 und der DAX liegen aktuell gleichauf.

Worauf Sie jetzt im DAX achten sollten

Wie sehen nun die Chancen für den deutschen Aktienmarkt aus? Blicken wir auf den DAX:

Ihr Augenmerk sollten Sie in den kommenden Tagen und Wochen auf die von mir eingezeichnete pinkfarbene Linie richten: Sie kennzeichnet einen immens wichtigen Widerstand bei rund 11.000 Punkten.

Obendrein bewegt sich der deutsche Leitindex derzeit an der Mittellinie seines breiten Abwärtstrend-Kanals. Wir haben es also mit einem sogenannten Kreuz-Widerstand zu tun.

Und da muss der DAX rüber, wenn es weiter aufwärts gehen soll.

Fazit

Die gestrige Abstimmung im britischen Parlament über den von Regierungs-Chefin Theresa May mit der EU ausgehandelten Brexit endete in einer grandiosen Niederlage:

Das gilt nicht nur für Theresa May, die sich heute Abend einem Misstrauensvotum stellen muss. Betroffen sind vor allem auch die innerhalb der Europäischen Union lebenden Bürger und die hier agierenden Unternehmen.

Deren Unsicherheit darüber, wie es denn nun weitergeht (falls es überhaupt weitergeht), wird sich wohl weiter auf die Aktienmärkte übertragen – ändern wird sich folglich so schnell nichts.

Eine sofortiger, ungeregelter Brexit würde zwar ein Ende der Unsicherheit für die Finanzmärkte bedeuten. Allerdings mit chaotischen Konsequenzen nicht nur für das europäische Wirtschaftsgeflecht mit Großbritannien, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit eben auch für die Aktienmärkte in Europa.

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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