Brexit und Megxit: Die gebeutelte Insel

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Der Brexit naht – und in London wird mehr über die Royal Family diskutiert als über Brüssel. Aus den Augen, aus dem Sinn? (Foto: JMiks / shutterstock.com)

Noch 17 Tage bis zum Brexit – und diesmal wirklich! Erinnern Sie sich? Dieser Schreckenstermin, der für aufgeregte Gemüter sorgte und Europas Unternehmern und Politikern den Schock ins Gesicht zeichnete, je näher die Deadline rückte?

Davon ist inzwischen kaum noch etwas zu spüren. Seit Premierminister Boris Johnson bei der vorgezogenen Parlamentswahl im Dezember eine komfortable Mehrheit erringen konnte, gilt sein Brexit-Plan als ausgemachte Sache: Zum 31. Januar wird der Austritt vollzogen, zu den Konditionen, die der umstrittene Politiker im Herbst noch einmal in Brüssel nachverhandelt hatte.

Zumindest diese Unsicherheit ist also vom Tisch. Kein ewiges Gezerre mehr, keine Pattsituation im Parlament, die die Politik lähmt, ohne konstruktive Alternativen aufzuzeigen, kein zweites Referendum, kein überraschender doch-noch-Verbleib Großbritanniens in der EU.

Wie vereinigt ist das Königreich?

Erledigt ist das Thema damit aber noch lange nicht. Ganz im Gegenteil. Auch wenn der Brexit sich neuerdings vergleichsweise geräuschlos nähert, werden die eigentlichen Verhandlungen über das, was danach kommt, ab Februar erst richtig beginnen. Es dürfte ein zähes Ringen werden zwischen London und Brüssel, bei dem die Europäer darauf abzielen, den Austritt so wenig schmackhaft wie möglich zu gestalten, um potenzielle Nachahmer abzuhalten, andererseits aber dennoch enge Beziehungen zum Vereinigten Königreich sicherzustellen.

Doch wie vereinigt ist das Königreich überhaupt noch? In Schottland werden die Separatistenströmungen wieder lauter, in Nordirland fürchten nicht wenige ein erneutes Aufflammen jener Konflikte, die auf der Insel für blutige Bürgerkriege sorgten und noch nicht allzu lang zurückliegen.

Megxit sorgt für aufgeregte Diskussionen

Und ausgerechnet jetzt verkündet mit Prinz Harry einer der beliebtesten Royals seinen Rückzug aus der ersten Reihe der Königsfamilie. Er, Ehefrau Meghan Markle und Söhnchen Archie planen, fortan einen Großteil ihrer Zeit in Kanada zu verbringen, unabhängiger zu werden, sich auf ihr Privatleben zu besinnen und nur noch in geringem Umfang royalen Pflichten nachzukommen.

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Der „Megxit“, wie die britischen Boulevardmedien den Rückzug betiteln, beherrscht die Schlagzeilen in diesen Tagen wesentlich stärker als der nahende Austritt aus der europäischen Staatengemeinschaft. Auch die Queen zeigte sich not amused, zumal die Rückzugspläne offenbar zuvor nicht mit der Royal Family abgestimmt waren. Dennoch sagte die Monarchin nach einem Krisentreffen dem jungen Paar ihre Unterstützung zu und segnete die Pläne ab.

Für Großbritannien und seine stolze Monarchie ist das ein herber Rückschlag. Die Prinzen William und Harry galten nach dem Unfalltod ihrer Mutter Diana als die beliebtesten Gesichter der Königsfamilie. Doch die unzertrennlichen Brüder sind schon seit einiger Zeit auf Distanz zueinander. Beobachter munkeln, es könnte auf Unstimmigkeiten zwischen den Ehefrauen zurückgehen. Dass Kate und Meghan sich nicht gerade als beste Freundinnen inszenieren, ist über die britischen Grenzen hinaus nicht unbemerkt geblieben.

Royal Family als identitätsstiftendes Element

Eine Modernisierung der Monarchie mit Hilfe der jüngeren und der jüngsten Generation in der Thronfolge wird ohne Harry und Meghan nur schwerlich gelingen. William und Kate haben sich in den vergangenen Jahren stark eingepasst in das starre Korsett der Monarchie, die einstigen Hoffnungsträger waren neben dem jüngeren Paar zunehmend in den Hintergrund gerückt.

Die Royal Family aber ist ein wesentlicher Baustein des britischen Selbstverständnisses. Immerhin geht das historische weltumspannende British Empire wesentlich darauf zurück. Diese Zeiten sind bekanntlich vorbei, doch gerade im Angesicht des nahenden Brexits bräuchten die Briten eigentlich identitätsstiftende Elemente.

Vielleicht aber ist der Rückzug von Harry und Meghan genau das: Selten sah man in jüngster Vergangenheit die Briten, gespalten durch die Jahre der Brexit-Verhandlungen, so einmütig den Kopf schütteln wie dieser Tage angesichts der Nachrichten aus dem Palast.


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David Gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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