Bundesliga zittert: Geisterspiele oder Saisonabbruch?

Verbände pochen auf eine Fortsetzung der Saison, Söder und Laschet zeigen sich offen – doch Bundesligaspiele wären kaum zu verantworten.

Normalerweise würde heute der 31. Spieltag der Fußball-Bundesliga beginnen. Der deutsche Meister für die Saison 2019/2020 würde wahrscheinlich schon feststehen, im Abstiegskampf sowie im Gerangel um die Qualifikationsplätze für die europäischen Wettbewerbe könnte es noch spannend werden. Aber die Zeiten sind nicht normal.

Tatsächlich pausiert die Liga bereits seit Anfang März. Das Geisterspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln, normalerweise ein Derby im Hexenkessel, war die letzte Begegnung der Profis auf unbestimmte Zeit.

Kurz danach verkündete der Verband die Aussetzung der weiteren Spiele. Nun aber wird immer lauter nachgedacht über eine Fortsetzung der Saison – ohne Zuschauer im Stadion, dafür aber mit den dringend benötigten Einnahmen aus der TV-Vermarktung. Etliche Clubs aus der ersten und zweiten Bundesliga stünden ansonsten vor dem finanziellen Ruin, so die eindringliche Warnung.

Schamloses Betteln bei den Fans

Mehrere Vereine riefen zudem ihre Fans auf, das Geld für bereits erworbene Tickets nicht zurückzuverlangen, um die Vereinskasse zu unterstützen – ein grotesk anmutendes Ansinnen, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahren dreistellige Millionentransfers an der Tagesordnung waren und auch die Profis, selbst wenn sie überwiegend auf der Ersatzbank ihr Dasein fristen, nicht gerade am Hungertuch nagen.

Hier und da wurden teilweise Gehaltsverzichte ausgehandelt, der Beitrag fällt jedoch recht überschaubar aus. Wer auf 20 Prozent von einer Million verzichtet, bezieht immer noch ein Vielfaches dessen, was normale Menschen in fünf Jahren verdienen.

Trotzdem – die Liga pocht auf einer möglichst baldigen Fortsetzung, denn die Saison muss bis Ende Juni fertig gespielt sein. Dann laufen Spielerverträge aus und Transferfristen beginnen. Mit einem umfassenden Hygienekonzept versuchen die Funktionäre zurzeit, die Politiker umzustimmen.

Söder und Laschet wollen Konzept prüfen

In zuletzt ungewohnter Einigkeit ließen die Landesregierungschefs von Bayern und NRW, Markus Söder und Armin Laschet, ihr Wohlwollen durchblicken. Man werde das vorgelegte Konzept prüfen. Die beiden Bundesländer stellen einen Großteil der in der Bundesliga vertretenen Clubs, insofern ist es kaum verwunderlich, dass sie sich für eine Fortsetzung starkmachen.

Andere Länder sind deutlich zurückhaltender, auch im Hinblick auf die Frage, wer eigentlich wie verhindern soll, dass selbst bei Geisterspielen nicht trotzdem hunderte oder gar tausende Fans zum Stadion pilgern und ihre Mannschaften von außen bejubeln. Beim Geisterspiel in Gladbach hatten sich einige Anhänger der Clubs ebenfalls vor den Toren der Spielstätte versammelt.

Willkommene Abwechslung – oder fatales Signal?

Zudem können nicht alle Verantwortlichen der Argumentation der Funktionäre folgen, wonach sich „die Menschen“ nach Ablenkung und Zerstreuung sehnten, um wieder etwas Abwechslung und einen Hauch von Normalität in den Krisenalltag einziehen zu lassen. Fußball sei da ein willkommenes Mittel.

Bundespolitiker wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnen hingegen vor fatalen Signalen, wenn Privatkontakte untersagt werden, sich Bundesligaprofis auf dem Spielfeld im Zweikampf aber körperlich zwangsläufig näherkommen, als es die aktuell geltenden Abstandsregeln eigentlich erfordern.

Keine Begründung für Reihentests erkennbar

Zudem müssten die Teams über Wochen in Isolation, auch getrennt von ihren Familien verbringen und regelmäßig getestet werden. Rund 20.000 Tests werden bis zum Saisonende Schätzungen zufolge benötigt.

Warum aber Reihentestungen von Spitzensportlern nur für die Fortsetzung der Liga erlaubt werden sollten, wenn andernorts nicht einmal das Pflegepersonal in Kliniken, das nachweislich mit Coronapatienten umgehen muss, flächendeckend getestet wird, ist kaum zu begründen. Völlig offen ist außerdem, was im Falle eines positiven Testergebnisses geschehen sollte. Ein bis zwei Mannschaften müssten dann in Quarantäne, eine Fortsetzung des Spielbetriebs wäre kaum denkbar.

Druck von der UEFA

Auch zahlreiche Vertreter organisierter Fanszenen sprechen sich gegen eine Fortsetzung der Bundesliga unter den gegebenen Umständen aus – nicht zuletzt, da sie sich verhöhnt fühlen durch die Argumentation der Funktionäre, es gehe darum, den Fans etwas Unterhaltung zu bieten.

Tatsächlich liegt auf der Hand, dass vor allem finanzielle Aspekte bei der Entscheidung aus Sicht der Verbände eine Rolle spielen dürften. Darin begründet sich auch die Furcht der großen Ligen davor, eigenmächtig einen Saisonabbruch zu verkünden: Nachdem die UEFA die für dieses Jahr geplante Europameisterschaft um ein Jahr verschoben hat, herrscht nun großer Druck, die landesweiten Ligen zu Ende zu spielen. Andernfalls drohen empfindliche Strafen – und zwar vor allem für diejenige Liga, die als erstes abbricht. Italien wäre ein heißer Kandidat, Spanien und Großbritannien ebenfalls. Doch bislang ist noch keine Entscheidung gefallen.

Hierzulande werden es wohl die Politiker sein, die über eine Fortsetzung oder einen Abbruch der aktuellen Saison entscheiden. Mitte Mai könnte er dann womöglich beginnen – der stillste und zugleich umstrittenste 26. Spieltag in der Geschichte der Fußball-Bundesliga.


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David Gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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