Bundestagswahl: Wie Anleger sich auf die neue Regierung vorbereiten können

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Eine Regierungsbildung ohne die Grünen scheint zurzeit schwer vorstellbar. Anleger können ihr Depot schon jetzt umrüsten. (Foto: canadastock / shutterstock.com)

Angela Merkel schweigt. Sie hält sich bislang zurück im Wahlkampf, mischt sich weder ins unionsinterne Machtgerangel ein noch in die insgesamt wieder stärker öffentlich ausgefochtenen parteipolitischen Scharmützel.

Keine fünf Monate vor der Bundestagswahl, die die Weichen stellen wird über die Nachfolge auf 16 Jahre Merkel, ist der Ausgang dieses Urnengangs so unvorhersehbar wie schon lange nicht mehr. Es ist nicht oft vorgekommen in der bundesdeutschen Geschichte, dass der Amtsinhaber sich nicht mehr zur Wahl aufstellen ließ. Auf diese Weise aber werden die Karten völlig neu gemischt.

CDU: Schwacher Kandidat, schwere Hypothek

Innerhalb der Unionsparteien geschieht das auf ziemlich turbulente Weise. Nach dem zermürbend langen Kampf um den Parteivorsitz folgte ein groteskes Kräftemessen um die Kanzlerkandidatur. Beide Auseinandersetzungen konnte letztendlich Armin Laschet für sich entscheiden, wurde dabei aber politisch erheblich beschädigt.

Ob es ihm gelingen wird, die Reihen hinter sich zu schließen, bleibt abzuwarten – ungewiss auch wegen der jüngsten zutage getretenen Skandale rund um diverse Unionsabgeordnete, Stichwort Maskenaffäre. Der Korruptionsverdacht, der auffallend viele Abgeordnete mit schwarzem Parteibuch trifft, kommt für die Union in diesem Frühjahr zur Unzeit und gilt als zusätzliche schwere Hypothek im Wahlkampf.

Scholz macht Schlagzeilen durch Untersuchungsausschüsse

Vom bereits vor rund einem Jahr gekürten Kanzlerkandidaten des Koalitionspartners spricht unterdessen kaum jemand, zumindest wenn es um die Nachfolge Merkels geht. Vielmehr beherrscht Olaf Scholz als Bundesfinanzminister und ehemaliger Erster Bürgermeister Hamburgs derzeit die Schlagzeilen mit seinen Vorladungen zu gleich mehreren Untersuchungsausschüssen.

In Hamburg wird über den Cum-Ex-Skandal verhandelt, in Berlin bemüht man sich um eine Aufklärung der Geschehnisse rund um die Pleite des kurzzeitigen DaxKonzerns Wirecard im vergangenen Jahr. In beiden Fällen konnte Scholz sich herauslavieren, doch dass er jeweils in verantwortlicher Position war, als diese Dinge stattgefunden haben, wirft kein gutes Licht auf den Kanzlerkandidaten der SPD, deren einstiges Image als Arbeiterpartei spätestens seit Gerhard Schröder dahin ist.

Klimaschutz wird Wahlkampfthema

Während zwei sich streiten, freut sich die Dritte: Annalena Baerbock, die erste jemals von den Grünen aufgestellte Kanzlerkandidatin, hat nach aktueller Lage der Dinge realistische Chancen, gleich im ersten Anlauf das Kanzleramt für ihre Partei zu erobern. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik könnte die Regierungsführung dieses Mal nicht zwischen Union und SPD ausgemacht werden.

Das aktuelle Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das die bisherigen Klimaschutzbemühungen der Bundesregierung als unzureichend brandmarkt und Nachbesserungen einfordert, dürfte dazu beitragen, den Themenkomplex Klima und Umwelt zu einem der zentralen Wahlkampffelder zu machen. Auch das würde für die Grünen sprechen, gilt die Umweltpolitik doch als Kern der DNA dieser Partei seit ihrer Gründung in den 1980er Jahren.

Regierung ohne Grüne kaum vorstellbar

Die Rückkehr der USA zum Pariser Klimaschutzabkommen unter Führung der neu gewählten Biden-Administration sowie die Definition verbindlicher Klimaziele innerhalb der Europäischen Union deuten in dieselbe Richtung: Klimaschutz, Nachhaltigkeit und saubere Energiequellen dürften in den kommenden Jahren in der politischen Agenda noch weiter nach oben rücken, auf nationaler wie auf internationaler Ebene – und unabhängig davon, wer letztendlich in Berlin im Kanzleramt sitzt.

Im Falle eines grünen Wahlsiegs wird allerdings wohl mit beherzteren Maßnahmen zu rechnen sein als wenn sie lediglich als Juniorpartner an der nächsten Regierungskoalition beteiligt wären. Eine Regierungsbildung völlig ohne die Grünen erscheint unterdessen aus heutiger Sicht schwer vorstellbar.

Wie Anleger sich schon jetzt vorbereiten können

Anleger können sich bereits jetzt positionieren und ihr Depot auf grün trimmen. Zu unterscheiden ist dabei allerdings zwischen echten Nachhaltigkeits-Champions und jenen Unternehmen, die Greenwashing in erster Linie aus Imagegründen betreiben. Letztere werden über kurz oder lang unter Druck geraten und nachbessern müssen, die Beschwerden aus den Managementetagen über die hohen Kosten einer Umrüstung zur Erfüllung klimapolitischer Zielvorgaben kann man sich bereits jetzt bildhaft ausmalen.

Besser aufgestellt ist demgegenüber, wer schon jetzt glaubhaft und umfassend auf Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit setzt, denn hier sind entsprechende Kosten längst eingepreist und weniger Transformationsleistung notwendig, wenn von öffentlicher Seite strengere Vorgaben gemacht werden.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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