Charttechnik schlägt (wieder einmal) Fundamental-Analyse

Manchmal kann Ihnen als Anleger an der Börse wirklich „Mysteriöses“ unterkommen.

Der heutige Fall gehört in diese Rubrik und wäre eigentlich eine Folge der Fernsehserie „Akte X“ wert gewesen.

Diese Serie hatte unerklärliche Vorfälle als Thema.

Der Fall der Aktie X

Stellen Sie sich bitte folgendes vor:

Sie „stöbern“ völlig entspannt in ihrer Aktien-Datenbank und finden eine Aktie mit diesen Kenndaten:

Sektor: Technologie (USA)

Marktkapitalisierung: 8,7 Milliarden Euro

Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2012: 5,83

Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2013: 2,74 (!)

Spätestens jetzt müsste Ihre Entspannung ruckartig weichen und Ihr Interesse mehr als geweckt sein.

Staunen über die günstige Bewertung

Denn Sie haben einen sehr großen Technologiewert gefunden, der offensichtlich extrem preiswert ist. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2012 ist mit 5,83 für Technologie-Aktien bereits sehr niedrig. Aber für 2013 ist es mit 2,74 „spottbillig“.

Und dass das geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2013 derart sinkt, zeigt an, dass die Gewinne weiter massiv steigen werden.

Die Höhe der Marktkapitalisierung schließt per se aus, dass es sich um einen „vergessenen“ kleinen Wert handelt. Aktien mit einer solch hohen Marktkapitalisierung werden nicht „vergessen“.

Darüber hinaus wird diese Aktie im Nasdaq 100 zusammen mit Werten wie Google oder Apple gehandelt und steht damit auf dem „Präsentierteller“.

Auch ein weiteres „Stöbern“ in den fundamentalen Kennzahlen lässt Sie „kein Haar in der Suppe“ finden. Der nächste Schritt ist fast zwangsläufig: Sie werfen einen Blick auf den Chart. Schließlich wollen Sie ja wissen, welchen Kursverlauf diese „Aktie X“ aufweist.

Aktie X: Das zweite Staunen kommt mit dem Chart

Aktie X im Point&Figure-Verkaufssignal

Bei solch einer günstig bewerteten Aktie sollte man doch eigentlich einen „freundlichen“ Chart erwarten dürfen.

Aber weit gefehlt. Hier „leuchtet“ Ihnen ein Point&Figure-Verkaufssignal entgegen. Unsere „Aktie X“ befindet sich wirklich in einem Point&Figure-Verkaufssignal.

Verkaufssignal mit Kursziel 24,00 USD

Immerhin weist das Verkaufssignal ein recht moderates Kursziel von „nur“ rund 24,00 USD auf. Aktuell notiert „Aktie X“ bei 25,80 USD. Damit ist das Abwärtspotenzial bis zum Kursziel relativ begrenzt.

Unterstützung im Bereich von 24,00 bis 25,00 USD

Zusätzlich findet sich eine Unterstützung im Bereich von 24,00 bis 25,00 USD. Hier markierte Aktie X am 5. April ein Zwischentief.

Spottbillig und trotzdem im Verkaufssignal

Aktie X ist also extrem günstig bewertet und trotzdem in einem Point&Figure-Verkaufssignal. Ihr Kurs hat von der Spitze bei über 32,00 USD am 14. Mai mittlerweile bis auf 25,80 USD abgegeben. Das ist ein Verlust von rund -20%.

Sie sehen also, dass eine günstige fundamentale Bewertung keinesfalls vor massiven Kursverlusten schützt.

Geringes Minus statt Desaster

Deswegen bin ich ein Verfechter der Charttechnik. Die Aktie X hatten übrigens auch die Leser des P&F-Trader im Depot. Als sich Gefahr andeutete, riet ich zum Verkauf. Hierbei kam es zu einem geringen Minus von rund -4,3%, aber ich konnte so noch deutlich Schlimmeres verhindern.

Die nachgereichte späte Erklärung und die Enttarnung der Aktie X

Das ist ja das Schöne an fundamentalen Begründungen. Man kann Ihnen selten vorwerfen, frühzeitig aufzutauchen.

So erreichte mich erst gestern Abend folgende Nachricht:

Der Festplattenhersteller Seagate Technology Inc. (ISIN IE00B58JVZ52/ WKN A1C08F) plant die Übernahme seines französischen Konkurrenten LaCie S.A.

Seagate will sich diesen Zukauf 146 Mio. Euro kosten lassen und damit sein Wachstum in Europa und Japan beschleunigen. Hierfür wird das Unternehmen die Papiere von LaCie-CEO Philippe Spruch für 4,05 Euro je Aktie übernehmen, was einen Aufschlag von +29% gegenüber dem durchschnittlichen Schlusskurs des vergangenen Monats darstellt.

Der Anteil von Seagate an LaCie wird sich in der Folge auf 64,5% belaufen. Danach plant Seagate, die ausstehenden Anteile gegen Barzahlung zu erwerben. (Quelle: aktiencheck)

Identität der Aktie X enthüllt

Es handelt sich bei Aktie X also um die Aktie des Festplattenherstellers Seagate Technology. Der Kursrutsch der letzten Tage wird mit der Übernahme des französischen Konkurrenten LaCie begründet.

Alles schön und gut. Aber die Erklärung erfolgt in dem Moment, in dem Seagate fast das Kursziel des Verkaufssignals nach -20% Verlust erreicht hat, also erst zu dem Zeitpunkt, „als das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.“

Viel schlimmer ist die Schlussfolgerung, die Sie daraus ziehen müssen.

Offensichtlich waren die Großanleger viel früher als Sie informiert (worden) und haben frühzeitig verkauft. Wer als Privatanleger auf die Nachricht warten musste, war wieder einmal zu spät.

Dennoch bleibt die Aktie von Seagate natürlich auf meiner Watchlist.

Sobald sie erneut ein Point&Figure-Kaufsignal zeigt und damit auch charttechnisch wieder ein Kauf ist, werde ich „zuschlagen“. Denn, wie gesagt, fundamental ist diese Aktie extrem günstig bewertet.

24. Mai 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Jörg Mahnert
Von: Jörg Mahnert. Über den Autor

Jörg Mahnert, Jahrgang 1966, kam bereits in jungen Jahren in Kontakt mit der Börse. Bereits mit 18 Jahren betreute er sowohl eigene Depots als auch den familiären Aktienbesitz.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt